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Aus: Ausgabe vom 12.04.2021, Seite 16 / Sport
Fußball

Er ist nicht allein

Wie die Entlassung des ungarischen Torwartrainers Zsolt Petry zum Politikum wurde
Von Peter Janosfalvi
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Man wird ja wohl noch hetzen dürfen: Zsolt Petry ist angefasst

Wer hätte gedacht, dass einmal zwei Torhüter die deutsch-ungarischen Beziehungen erschüttern würden? Der Geschäftsführer der deutschen Botschaft in Budapest wurde am Donnerstag zum parlamentarischen Staatssekretär des ungarischen Außenministeriums, Levente Magyar, geladen, weil der Fußballbundesligist Hertha BSC am Dienstag den ehemaligen ungarischen Nationalkeeper Zsolt Petry als Torwarttrainer freigestellt hatte. Der Grund der Berliner: seine Äußerungen in einem Interview mit dem ungarischen Regierungsorgan Magyar Nemzet (Ungarische Nation), die »insgesamt nicht den Werten von Hertha BSC entsprechen«, so die Geschäftsführung des Klubs. Für die ungarische Regierung eine klare Verletzung der Meinungsfreiheit.

Dabei war Petry die Meinung des heutigen ungarischen Nationaltorwarts sauer aufgestoßen. Denn der bei RB Leipzig spielende Peter Gulacsi setzt sich für die Rechte der »Regenbogenfamilien« ein, die in Ungarn gerade Repressionen erleiden müssen. In dem Interview, das am vorigen Montag (5.4.) erschien, kritisierte Petry eine Stellungnahme Gulacsis auf Facebook. Zudem beklagte er den »moralischen Niedergang Europas« und dass der Kontinent wegen einer liberalen Migrationspolitik von »schrecklich vielen Kriminellen überrannt« werde. Was er im nachhinein aber nur als »konservative« Positionen, nicht als »homophob noch fremdenfeindlich« verstanden wissen wollte. Seine Äußerungen zur Migration täten ihm leid. Der Hertha genügte das nicht: Man habe die »Charta der Vielfalt« unterzeichnet und setzte sich »aktiv für Werte wie Vielfalt und Toleranz« ein.

Für die ungarischen Regierungsmedien ist die Freistellung Ausdruck von »Meinungsterror«. Außenminister Peter Szijjarto und der Leiter der Staatskanzlei im Orban-Kabinett, Gergely Gulyas, schimpften, wo denn nun die europäischen Liberalen seien, die doch sonst immer die Meinungsfreiheit verteidigten – und garnierten die Vorhaltungen mit Anspielungen auf den deutschen Faschismus. Beide Länder hätten schließlich »direkte historische Erfahrungen mit dem größtmöglichen Meinungsterror, (…) weswegen die Überwachung des Grundrechts der Redefreiheit unsere gemeinsame moralische Pflicht ist«, hieß es in einer Stellungnahme. Die Beschränkung der Meinungsäußerung sei für die Ungarn inakzeptabel, »weil sie ein System heraufbeschwört, wogegen Tausende unserer Landsleute ihr Leben geopfert haben«. Das Auswärtige Amt bezeichnete die Äußerung am Freitag umgehend als »in keiner Weise nachvollziehbar« und wies die Anspielungen »in aller Deutlichkeit zurück«. Der ungarische Ministerpräsident Viktor Orban erklärte der regierungsnahen nemzetisport.hu (Nationalsport.hu): »Zsolt Petry ist nicht allein, wir sind alle mit ihm.«

Die oppositionelle Wochenzeitung HVG betonte in einem Onlineartikel dagegen, dass Petry nicht von staatlichen politischen Akteuren, sondern von einem Unternehmen entlassen wurde: »Vielleicht ist es schon ›Cancel-Culture‹, dann geht es aber nicht um staatlichen, sondern um unternehmerischen Meinungsterror«. Überhaupt sei Migration in Ungarn ein rein demagogisch aufgeladenes Thema. Wegen rassistischer Provokation hatte die U-16-Mannschaft von Hertha bereits 2019 einmal das Feld verlassen. Das hätte Petry wissen können. Andererseits wisse er als Ungar – so das linke Nachrichtenportal Merce – natürlich genau: Was er sagt, »spiegelt nur die hasserregende und enorm schädliche Migrantenrhetorik der ungarischen Regierung«. Zwar haben die meisten Ungarn noch nie einen Migranten gesehen (selbst die Ungarn hauen ab, würde ich anmerken), doch berichten die Regierungsmedien ständig über die angeblichen Gefahren der Migration. Orban inszeniert sich dabei als Verteidiger Europas.

Nur in diesem Kontext lässt sich die Stellungnahme der Stiftung für Regenbogenfamilien in Ungarn verstehen, in der sie bedauerte, dass Petry freigestellt wurde und betonte, dass er das Recht zu seiner Meinung habe. Ihre Position werde durch den »Fall Petry« geschwächt. Deshalb nennt sie, wie die sozialdemokratische Tageszeitung Nepszava, die Reaktion der Hertha übertrieben. Mehr oder wenig einstimmig weisen auch andere oppositionelle Medien darauf hin, dass Hertha BSC vor allem an der eigenen Profilierung gelegen ist. Es geht um Machtpositionen auf dem Markt und in der Politik – und in diesem Spiel muss das Tor am strengsten gehütet werden.

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