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Aus: Ausgabe vom 16.04.2021, Seite 15 / Feminismus
Rezension

Gegen gesellschaftliche Konventionen

Biographie über Stummfilmstar Asta Nielsen: Autonomie und Kunstfreiheit
Von Christiana Puschak
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Selbst produziert und Rolle durchgesetzt: Asta Nielsen als Hamlet in der Verfilmung von Shakespeares Drama (10.1.1921)

Zu Beginn der Stummfilmära ragte die Persönlichkeit einer Frau hervor: Asta Nielsen. Sie hatte – fern von jedem Klischee – die Aura einer Künstlerin, die allein durch ihre Erscheinung wirkte und durch ihr Spiel elektrisierte. In jeder Geste, in ihrem bloßen Dasein, entfaltete sie ihr großes schauspielerisches Können, ihr ganz persönliches Fluidum. Diese Frau hat mehr für die Entwicklung des Films getan als irgendeine andere. Die, die nach ihr kamen, haben von ihr gelernt.

Diesem ersten Star der Filmleinwand widmet Barbara Beuys eine akribisch recherchierte Biografie. Dafür hat sie zahlreiche bisher unveröffentlichte Dokumente aus unterschiedlichen Archiven zusammengetragen. Präsentiert wird das Leben einer selbstbewussten Künstlerin. Nachzulesen ist, wie die »göttliche Asta«, die »Duse der Filmkunst«, in ihren Rollen Frauen verkörperte, die sich gegen gesellschaftliche Konventionen auflehnen. Damit prägte Nielsen zugleich das Bild der »Neuen Frau« im ausgehenden 19. Jahrhundert. Ihr »gefühlstiefes Spiel« revolutionierte den Film und begeisterte Kritik wie weibliches Publikum.

Geboren wurde sie am 11. September 1881 in einem ärmlichen Viertel Kopenhagens. Früh musste sie mithelfen, um für den Unterhalt der Familie zu sorgen, nachdem der Vater gestorben war. Kaum 14 Jahre alt verlor sie auch ihre Mutter. Dass sie einer Bühnenkarriere zustrebte, verdankte sie der Lektüre von Henrik Ibsens »Brand«. Mit Agnes, der Gattin des Titelhelden, identifizierte sie sich und spielte all die Konflikte der Frau nach. Ihr Gesangslehrer, der sie zum Chor ans Königliche Kopenhagener Theater brachte, erkannte ihr Talent und verschaffte ihr eine kleine Rolle am Dagmar-Theater – der Beginn einer beispiellosen Laufbahn.

Bereits 1910 spielte sie in ihrem ersten Stummfilm mit. In »Abgründe«, der ein Meilenstein der Filmgeschichte wurde, zeigte sie die ganze Breite ihres mimischen und gestischen Könnens. Es wäre zuviel, all die Rollen aufzuzählen, in denen Nielsen für die Filmkunst Neues geleistet hat. Nur einige der wichtigsten seien erwähnt: »Frau im Feuer«, »Das gefährliche Alter« und »Dirnentragödie«. Bei drei weiteren spielte sie nicht nur, sondern führte auch Regie, eine Seltenheit in der damaligen Zeit. Dabei handelte es sich um »Fräulein Julie«, »Absturz« und »Hamlet«, in dem sie in der Rolle des Prinzen auftrat und den sie mit einer eigenen Produktionsfirma drehte. Zudem nahm sich Nielsen bei anderen Vorhaben das Recht heraus, in die Filmgestaltung einzugreifen. Indem sie bei den Drehbüchern Veränderungen nach ihren Vorstellungen vornahm, unterstrich sie ihre künstlerische Autonomie.

So wie Nielsen in »Fräulein Julie« eine moderne Frau spielt, die sich nicht dem Ehemann unterwirft, verbleibt sie auch in den meisten ihrer anderen Filme nicht in einer »Opferrolle«, sondern verfolgt hier ebenso ihren eigenen Weg. Sowohl in ihrem Beruf als auch in ihrem Privatleben agierte Nielsen selbstbestimmt, wie Beuys eingehend schildert. Sie pflegte innige Freundschaften zu der Tänzerin Gret Palucca und dem Schriftsteller Joachim Ringelnatz und ließ sich auch in ihren Partnerschaften nicht in die typische Frauenrolle drängen. Den Vater ihrer Tochter nannte sie nie – eine Facette ihres autonomen Lebens.

Die Lebensdarstellung Nielsens vollzieht sich bei Beuys nach einem herkömmlichen Schema: Sie verfährt chronologisch und lässt dabei ein lebendiges Bild der Karriere und des Lebens der Schauspielerin entstehen. Es gelingt ihr, Mythen und Legenden um die »Diva« zu entzaubern und eine Künstlerin zu zeigen, die unter Einsamkeit und Krankheit litt, aber zeitlebens von Elan und Mut bestimmt war. Wie Nielsen noch im höheren Alter neue Ideen entwickelte und mutig sowie von den Normen unabhängig ihre Gefühle auslebte, vermittelt Beuys in unaufdringlicher Weise.

Barbara Beuys: Asta Nielsen – Filmgenie und Neue Frau. Insel-Verlag, Berlin 2020, 447 Seiten, 25 Euro

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