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Aus: Ausgabe vom 15.04.2021, Seite 10 / Feuilleton
Lyrik

Lest, Verdammte dieser Erde!

Gedichte für den Depp in uns: Das Poesiealbum ehrt den unvergesslichen F. W. Bernstein
Von Thomas Behlert
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»Weil wir Dichter wie die Sterne / lärmen, reimen wir so gerne«: F. W. Bernstein neben selbstgezeichnetem Klassiker

Es gab eine Zeit, da wollte der allseits interessierte Mensch Gedichte lesen, sich mit ihnen auseinandersetzen und verlangte gar nach mehr. Um die große Nachfrage unter der arbeitenden Bevölkerung zu stillen, erfand der DDR-Verlag Neues Leben 1967 die Heftreihe Poesiealbum, die heute vom Märkischen Verlag fortgesetzt wird.

In ihr gibt es noch immer regelmäßig anspruchsvolle deutsche und internationale Lyrik. Kompetente Experten suchen die Autoren aus und treffen für 32 Seiten (plus vier graphische Umschlagseiten) die Gedichtauswahl. Die erste Nummer des Poesiealbums war dem Revolutionär Bertolt Brecht gewidmet, einen Monat später war der russische Dichter und Kommunist Wladimir Majakowski an der Reihe, weiter ging es mit Heinrich Heine, Wulf Kirsten und Erich Weinert. Nach dem Willen der Herausgeber sollen die ausgewählten Gedichte aufklären, informieren, weiterhelfen, wachrütteln und Spaß machen. Das gilt bis heute: Von Karl Marx (32) über Kurt Tucholsky (34) und Charles Bukowski (225), Lessing, Schiller und Goethe bis Dieter Süverkrüp (130), Allen Ginsberg (127) und sogar Lenin (31) waren alle denkbaren Klassiker schon einmal vertreten. Auch die komische Kunst kam zu ihrem Recht, zuletzt mit Thomas Gsella (351). Nun darf man sich über das Heft zu F. W. Bernstein alias Fritz Weigle freuen.

Der am 4. März 1938 in Göppingen geborene und am 20. Dezember 2018 in Berlin verstorbene Dichter und Zeichner war Professor für »Karikatur und Bildgeschichte in Deutschland« an der Berliner Hochschule der Künste, aber in die Kulturgeschichte ging er als Satiriker ein. Bereits ab 1963 lieferte Weigle Beiträge für die Satirezeitschrift Pardon, 1979 gründete er mit anderen Größen der Neuen Frankfurter Schule die Titanic. Den Zeichner Bernstein kennen junge Welt-Leser gut, denn vom 26. Oktober 2019 an veröffentlichte diese Zeitung ein Jahr lang täglich noch nie veröffentlichte Skizzen aus Weigles Nachlass. Das nun von seinem Freund Eckhard Henscheid mit viel Liebe zum Detail zusammengestellte Poesiealbum Nr. 359 kann als etwas verspäteter Abschluss dieser Aktion gelten, denn es zeigt die andere Seite von Bernstein, den Lyriker. Mit dem Schlachtruf »Der Reim muss bleim« zog er in den Kampf um eine bessere »Exprmntelle Lürik«, machte sich lustig über den Tod, der gerne mal das »Schterben schtörte«, reimte auf Teufel komm raus den Sex zugrunde (»Weg die Hände / sonst, am Ende / lass ich dich noch ran«) und präsentierte die Apokalypse des Fritz Weigle (»Apokalypse-Programm«: »Montag geht die Welt zugrunde / Dienstag regnet’s und ist kalt / Mittwoch um die zehnte Stunde / wird kein Geld mehr ausgezahlt«), dass es eine Freude ist. So einen Untergang wünscht man sich.

Viele seiner Gedichte sind schönster Nonsens, mal verwirrend, dann wieder radikal, unangestrengt ironisch. Für Bäume kämpfte F. W. Bernstein ganz entschieden, der Herr Rilke wird erwähnt, und die Mädchen dieser Welt erfahren endlich etwas über die schwungvolle Liebe. Ein herrliches Gedicht ist dem Depp in uns gewidmet: »Der Depp, der lässt sich schwer regier’n / es stimmt was nicht in seinem Hirn, der Depp.«

Als Zugabe gibt es im neuen Poesiealbum zwei böslustige Grafiken von F. W. Bernstein als Titel- und als Mittelblatt. Und die letztgültige Begründung der Lyrik: »Lest, Verdammte dieser Erde / lest Gedichte, lest, ich werde / Euch gleich sagen wozu. / Weil wir Dichter wie die Sterne / lärmen, reimen wir so gerne / gehm wir keine Ruh / Dubidubiduuu.«

»F. W. Bernstein«, ­Poesiealbum 359, Märkischer Verlag, Wilhelmshorst 2021, fünf Euro

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Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Anja Bittrich: Gerechte Würdigung Ja, das ist aber schön. Schon seit ewigen Zeiten lese ich das Poesiealbum und freue mich immer wieder auf die ausgesuchten Lyriker. Oft kennt man die Namen gar nicht und liest dann erst Recht weiter. ...

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