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Aus: Ausgabe vom 13.04.2021, Seite 10 / Feuilleton
TV

Der große Denker lässt impfen

Klassiker für durchseuchte Zeiten: Die 80er-Jahre-Serie »V«
Von Florian Osuch
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Das rechts ist nicht Björn Höcke, sondern eine faschistische Alienechse in der Serie »V«

Einer verbreiteten Verschwörungslegende nach wird die Welt von einer geheimen Elite aus Echsenmenschen gesteuert. Größen aus Politik, Kultur und Wirtschaft seien Leguane in Menschengestalt, sogenannte Reptiloide, heißt es in pseudowissenschaftlichen Pamphleten und Videos im Internet. In der zweiteiligen US-­Science-Fiction-Serie »V – Die außerirdischen Besucher kommen« (ausgestrahlt in den USA 1983, in Deutschland zuerst 1988 und zuletzt voriges Jahr im Sender Tele 5) war die Dystopie einer reptiloiden Herrschaft der Rahmen für eine Auseinandersetzung mit dem Aufstieg einer ganz menschengemachten Diktatur, dem deutschen Faschismus. In »V« bilden die Erdenbewohner eine interplanetarische Kooperation mit zunächst friedlich wirkenden außerirdischen Besuchern. Als immer mehr Menschen spurlos verschwinden, wird der faschistische Charakter der Aliens deutlich. Was folgt, ist im wesentlichen an die Entwicklung in Deutschland der 1930er Jahre angelehnt: Ausgrenzung ganzer Bevölkerungsschichten, Denunziation und Pogrome. Polizei und Militär sind willige Vollstrecker, und eine reiche Oberschicht ist Nutznießer der neuen Alienherrschaft.

Vielfach gibt es Bezüge zum deutschen Faschismus, so in einer Szene, als eine jüdische Familie darüber streitet, ob sie Verfolgten helfen solle. Der Vater, Holocaustüberlebender, überzeugt seinen Sohn letztlich damit, dass er ihm die Wahrheit über den Tod seiner Frau erzählt. Sie sei nicht beim Transport in ein deutsches KZ an einem Herzanfall gestorben, sondern in den »Duschen ohne Wasser« ermordet worden. Ihn – den Sohn – habe man zuvor in einem Karton aus Deutschland geschmuggelt. Deshalb müsse man den Verfolgten helfen, sonst habe man »nicht das Geringste dazugelernt«.

Gegen die Diktatur agiert ein militantes Untergrundnetzwerk, angeführt von der Ärztin Julie Parrish (Faye Grant). Ihre reptiloide Kontrahentin ist die Kommandeurin Diane (Jane Badler), auf einem Serienportal als »eine Art außerirdischer Dr. Mengele« bezeichnet. In der Fortsetzung »V: The Final Battle« (1984) installieren die Aliens ein Lagersystem und lassen Zehntausende Menschen deportieren. Gehirnwäsche und (Zwangs-)Impfungen für die Erdenbewohner sind weitere Maßnahmen. Einige Begrifflichkeiten sind in der deutschen Synchronisation angepasst. So heißt der ideologische Kopf der Außerirdischen im Original »The Big Leader« (der große Führer), in der deutschen Fassung »Der große Denker«.

Das Drehbuch zu »V« schrieb Kenneth Johnson, der sich dafür von einem – komplett Alien-freien – Roman von Sinclair Lewis inspirieren ließ. Der Literaturnobelpreisträger hatte 1935 in »It Can’t Happen Here« den Aufstieg eines Politikers beschrieben, der in den USA eine faschistische Herrschaft errichtet. Die Veröffentlichung – auf deutsch als »Das ist bei uns nicht möglich« erstmals 1936 sowie 2017 zur Präsidentschaft Donald Trumps erschienen – erfolgte vor dem Hintergrund des Erstarkens der NSDAP in Deutschland.

Insgesamt muss »V« als hybride Fortsetzung einer Aufarbeitung des Faschismus durch die US-Filmindustrie gesehen werden. Zum einen fällt »V« in die Zeit moderner Filmklassiker des Mainstream-Science-Fiction-Genres, darunter die »Star Wars«-Trilogie (1977– 83), »Mad Max« (1979), »E.T. – Der Außerirdische« und »Blade Runner« (beide 1982) sowie »Terminator« (1984). Zum anderen lag der Erfolg der mit insgesamt acht Emmys ausgezeichneten TV-Serie »Holocaust« (1978) nur wenige Jahre zurück. In den USA erhielt mit »Genocide« (1982) erstmals eine Dokumentation über den Holocaust einen Film-Oscar in der Kategorie Bester Dokumentarfilm. Ein Jahr später wurde Meryl Streep – die bereits für ihr Wirken in der Serie »Holocaust« ausgezeichnet wurde – als beste Hauptdarstellerin im Drama »Sophies Entscheidung« gewürdigt, für ihre Darstellung einer ehemaligen KZ-Insassin.

»V – Die außerirdischen Besucher kommen«, Regie: Kenneth Johnson, USA 1983, kostenpflichtig auf Amazon

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