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Gleichheit

Von Helmut Höge
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Die alten Griechen wussten halbwegs Bescheid: Die mit der Durchsetzung der athenischen Demokratie erreichte allgemeine »Gleichheit vor dem Gesetz« (isonomia) bezeichnete Diodoros aus Agyrion bereits im 1. Jhdt. v. u. Z. als Farce, da ohne »Gleichheit des Eigentums« (isomoiria) durchgesetzt.

Auch der französische Ökonom Thomas Piketty hat sich mit Gleichheit befasst. Der Deutschlandfunk interviewte Ende März den »Rockstar der Wirtschaftswissenschaft«, der 2014 in seinem 800 Seiten starken »Das Kapital des 21. Jahrhunderts« Daten aus 27 Ländern über einen Zeitraum von bis zu drei Jahrhunderten untersuchte und dabei, so der Sender, nachwies, »dass der Kapitalismus systemimmanent zu einer Verschärfung der Ungleichheit führt«. 2019 legte Piketty nach mit »Kapital und Ideologie«, einer Untersuchung über Gleichheit, die auf einer noch breiteren Datenbasis beruht.

Piketty sagte dazu im Interview: »was ich in meinem Buch als Proprietarismus in der klassischen Ära beschreibe, sagen wir im 19. Jahrhundert und vor dem Ersten Weltkrieg, die Epoche der Ideologie, ›wenn wir anfangen, die in der Vergangenheit erworbenen Eigentumsrechte anzurühren, dann werden wir ins Chaos fallen‹. Das führte zum Beispiel zu der Entscheidung, die bei der Abschaffung der Sklaverei in Frankreich, in Großbritannien, in der Welt generell getroffen wurde, Sklavenbesitzer für ihren Eigentumsverlust finanziell zu entschädigen.«

Piketty weiter: »Das schlägt heute niemand mehr ausdrücklich vor. Wir befinden uns heute in einer Form des Neoproprietarismus, der insbesondere auf den Zusammenbruch des Kommunismus in den 1990er Jahren folgte, der eine weichere Form des Proprietarismus darstellt. Mit anderen Worten, man behauptet nicht, dass man niemals die Ungleichheiten oder die in der Vergangenheit erworbenen Eigentums- oder Machtpositionen in Frage stellen sollte, aber man ist immer noch sehr, sehr misstrauisch gegenüber der Idee, über ein alternatives Wirtschaftssystem nachzudenken, und man hat eine Ideologie entwickelt, die die Organisation der Globalisierung betrifft, die auf der Idee beruht, dass absoluter Freihandel, der freie Kapitalverkehr ohne Bedingungen eine Voraussetzung ist.«

Bei Wikipedia heißt es über »Proprietarismus«: Dies »ist ein von Thomas Piketty geprägter Begriff für ein politisch-ökonomisches System, das die Ungleichheit der Vermögen vergrößert, sowie eine Ideologie, die auf Eigentumsrechte fixiert ist, diese Ungleichheit fördert und ethisch-moralisch rechtfertigt.«

Hier findet sich auch ein Satz über den »Neoproprietarismus«: »Die Weigerung vieler Ökonomen, über Verteilungsprobleme zu sprechen, fördere laut Piketty die Entwicklung des (Neo-)Proprietarismus und legitimiere die globale Verteilungskrise; diese begrenze das vorhandene Potential der wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung, indem sie viele Menschen ausschließe.«

Piketty ist davon überzeugt, wirtschaftlicher Wohlstand komme »in der Geschichte in erster Linie von Bildung, von der Teilhabe möglichst vieler Menschen am wirtschaftlichen, sozialen und politischen Leben und sicherlich nicht von der Hyperkonzentration der Macht bei sehr wenigen Menschen«. Er denkt dabei an die Handvoll US-amerikanischer E-Milliardäre.

Piketty ist ein Neolinker: »Ich verteidige die Idee eines partizipatorischen, dezentralisierten, demokratischen Sozialismus, der nichts mit den Staatssozialismen zu tun hat, die wir im Osten im 20. Jahrhundert gesehen haben.« Er kann sich aber auch durchaus vorstellen: »Die Wirtschaft funktioniert mit der Gründung kleiner und mittlerer Unternehmen, wo Menschen eine Million, fünf Millionen oder zehn Millionen Euro akkumulieren, was schon ein großer Erfolg ist. Das ist nützlich.«

Der Philosoph Jean Baudrillard war nicht so schlau wie mancher griechische Philosoph, aber ein bisschen was wusste er auch: »Die Menschenrechte, die Dissidenz, der Antirassismus, die Ökologie, das sind die weichen Ideologien, easy, post coitum historicum, zum Gebrauch für eine leichtlebige Generation, die weder harte Ideologien noch radikale Philosophien kennt. Die Ideologie einer auch politisch neosentimentalen Generation, die den Altruismus, die Geselligkeit, die internationale Caritas und das individuelle Tremolo wiederentdeckt. Herzlichkeit, Solidarität, kosmopolitische Bewegtheit, pathetisches Multimedia: lauter weiche Werte, die man im Nietzscheanischen, marxistisch-freudianistischen (aber auch Rimbaudschen, Jarryschen und situationistischen) Zeitalter verwarf.«

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