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Aus: Ausgabe vom 10.04.2021, Seite 4 (Beilage) / Wochenendbeilage
Münchner Glyptothek

Vom Faun und seinen Gefährten

Münchner Glyptothek erstrahlt nach Sanierung in neuem Glanz. Werke von Bertel Thorvaldsen vereint mit der Antike
Von Gisela Sonnenburg
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Rausch und Erschöpfung: Der Barberinische Faun in der Glyptothek in München (l.). Mal fast lieblich, mal mit Zornesfalte auf der unteren Stirn (r.)

Der Faun hält wieder Hof. Kein anderes Werk aus menschlicher Hand vereint so viele Widersprüche des Menschen, ohne dem Glauben an die Schönheit zu widersprechen. Der »Barberinische Faun«, etwa 220 vor unserer Zeitrechnung in Marmor gehauen, ist nackt, aber das ist nicht das Besondere an ihm. Vielmehr sind sein Gesicht und seine Proportionen von wundersamer Magie – seine Wildheit, aber auch seine Ruhe machten den schlafenden Faun weltberühmt. Er wurde im 17. Jahrhundert im Graben der Engelsburg in Rom gefunden. Kardinal Maffeo Barberini ließ die Statue in seinen Palast bringen.

Als die Barberinis rund 150 Jahre später verarmten, veräußerten sie den Schatz. Der Käufer war ein prominenter Liebhaber der Antike: Ludwig I. von Bayern (1786–1868). Der kunstsinnige Herrscher, der schon als Kronprinz bei einer Reise nach Italien seine Neigung zur antiken Kunst entwickelt hatte, ließ in München auch das Museum erbauen, in dem der Faun noch heute ein Star ist – die Glyptothek. Ihr wissenschaftlich klingender Name bezeichnet die Sammlung und das Gebäude zugleich: Beides ist den antiken Skulpturen gewidmet.

Neues Licht auf Antike

Jetzt hat das weltbedeutende Haus mit dem besonderen Flair nicht nur zwei Shutdowns, sondern auch eine zweijährige Sanierungsphase hinter sich. Und ist endlich neu eröffnet. Wie 1830, als es erstmals seine Pforten auftat, spielt außer der Antike auch das bildhauerische Werk eines Dänen eine Rolle: Bertel Thorvaldsen (1770–1844) beriet Ludwig bei Einkäufen, ergänzte und restaurierte antike Kunst. Und er durfte seine Werke in den Sälen der Glyptothek ausstellen. Ludwig und ihn verband die Faszination der Antike. Als Künstler eignete sich Thorvaldsen passenderweise den klassizistischen Stil an. Italien als Land der Sehnsüchte war in beider Leben leitmotivisch.

Eine Italienerin zieht denn auch derzeit mit niedlichen Gesichtszügen bei hochgeschlossenem Kragen die Blicke in der Glyptothek auf sich: Marianna Florenzi – eine Marchesa, also Markgräfin – war ein eindrucksvolles Modell für den Thorvaldsenschen Portraitstil. Ausgesucht hatte sie aber nicht der Künstler, sondern der König, der zur Marchesa eine innige Beziehung unterhielt. Die erhaltenen fast 5.000 Briefe der beiden zeigen, dass sich das Paar als Seelenverwandte sah. Man mag von Liebe sprechen: Florenzi ließ sich für Ludwig scheiden, was sie sich nur leisten konnte, weil ihre eigene wohlhabende Familie sie deshalb nicht verstieß. Sie lebte in Perugia als Intellektuelle, übersetzte Leibniz ins Italienische. Ihre Büste ließ Ludwig aber nie abholen. Das biedermeierliche Kunstwerk eignete sich wohl nicht für ein Bildnis seiner langjährigen Geliebten.

Der Freundschaft zu Thorvaldsen tat das keinen Abbruch. An der Ostfassade der Glyptothek, also im Außenbereich, durfte der Däne sich selbst ein Denkmal setzen. Mit seinem hübschen Jungengesicht unter der Ponyfrisur stützt sich der Künstler aus Stein auf eine kleinere, mädchenhafte Figur: auf Spes, die Göttin der Hoffnung. Die Fassade des Museums zeigt ja erst seit kurzem wieder ihre originalen Farbtöne: Es sind Sandsteinfarben, von sanftem Rosé bis zu sonnigem Beige changierend. Die Nazis hatten in den 1930er Jahren monochrome Tünche aufgetragen – der Einheitsfarbton wurde jetzt bei der Sanierung entfernt.

Dank der aktuellen Ausstellung »Bertel Thorvaldsen und Ludwig I. – Der dänische Bildhauer in bayerischem Auftrag« steht nun auch eine menschengroße, marmorne Hoffnungsgöttin made by Thorvaldsen in München. Gemeinsam mit antiken Statuen brilliert sie im fein ausgeklügelten neuen Licht der Glyptothek. Sie hält eine knospende Blume in der rechten Hand und scheint mit dem linken Fuß voranzuschreiten. Weil sich neben ihr gleich das Tor zum nächsten Saal befindet, hat sie die Anmutung einer Türsteherin erhalten.

Frisuren spielen bei den antiken Glanzstücken eine zentrale Rolle. Die Strähnen der weiblichen und männlichen Schönheiten, die in Stein oder Bronze zu sehen sind, wurden oft aufwendig in Wellen oder Locken gelegt. »Das zeigt den Wohlstand der abgebildeten Personen an, ebenso wie die bodenlangen Gewänder der vornehmen Damen«, sagt Astrid Fendt. Die promovierte klassische Archäologin kennt sich hervorragend aus. Sie ist die Oberkonservatorin und Kuratorin der »Staatlichen Antikensammlungen und Glyptothek München«. So lautet der volle Name des zweiteiligen Museumskomplexes, der sich am Königsplatz auf beiden Seiten der Straße erstreckt.

Grabsteine und Heiligtümer

Viele Exponate der Glyptothek sind übrigens altrömische Kopien griechischer Vorbilder. Die Römer bevorzugten Marmor als Material, die Griechen hingegen in ihrer klassischen Phase, die der archaischen folgte, den Bronzeguss. Die Marmorstatuen der Antike waren – was uns heute befremden würde – knallbunt bemalt. Die Farben verwitterten, und allzugern glaubte man lange an das reine Weiß der Antike. Aber an einem Frauenschuh in einem Relief fehlen zum Beispiel die Riemchen, denn sie waren aufgemalt.

Ob Marmor, Basalt oder Bronze, ob bunt oder einfarbig: Götter und Fabelwesen wurden in der Antike als menschenähnlich gesehen und auch so dargestellt. Das Gros der Ausstellungsstücke entstammt dabei sakralen Kontexten. Grabsteine und Heiligtümer sorgten für die Überlieferung der antiken Kunst. Auch der »Barberinische Faun« stand in einem Heiligtum des Dionysos. Der Gott des Weines und des Rausches hat die Zeitläufte nicht überlebt. Aber der Faun, der vermutlich von einer reichen Familie gestiftet worden war, erzählt mit seiner überlebensgroßen, facettenreichen Persönlichkeit in über 1,80 Metern Sitzhöhe vom ästhetischen Sinn seiner Zeit.

Wie hingegossen, thront er auf dem Fell eines Panthers. Das geschmeidige Raubtier war Dionysos zugeschrieben. Der muskulöse Faun – im Griechischen Satyr genannt – schläft hier seinen Rausch aus. Die Mundwinkel sind entspannt, die Lippen offen. Die Augenlider wirken wie flatternd, ganz so, als wäre er gerade nicht im Tiefschlaf, sondern in wilden Träumen verloren.

Fast jenseitig wirkt er, so als flaniere er gedanklich durch das Elysium. Dass die Skulptur ein Bruchstück mit Abrisskanten ist, verstärkt diesen Eindruck. Dennoch strahlt der Leib eine vitale Kraft aus, die beinahe Unsterblichkeit verspricht. Wenn man den schönen Nackten aus verschiedenen Winkeln betrachtet, verändert sich sein Fluidum. Mal meint man, er springe gleich auf, um davonzulaufen. Mal wirkt er so gelassen und ins Träumen vertieft, als könne ihn selbst das Gebrüll eines Löwen nicht aus dem Vollrausch wecken. Die dionysischen Gelage, die im Altertum aus religiösen Anlässen veranstaltet wurden, sollen ja gewaltig gewesen sein.

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Antiken Skulpturen gewidmet: Die Glyptothek in München, aufgenommen irgendwann zwischen 1860 und 1890 von Johann Friedrich Stiehm

Der »Barberinische Faun« ist für viele Kunstliebhaber ein männliches Ideal und hält für seine Bewunderer Überraschungen parat: Je nach Lichteinfall und Sichtwinkel verändern sich nicht nur die Details seiner Haltung, sondern auch die Nuancen seines Gesichtsausdrucks. Mal wirkt der Faun erschöpft wie ein Kämpfer nach dem Finale. Mal fast lieblich oder auch verworfen, mit offenem Mund und Zornesfalte an der unteren Stirn. Hat dieser Träumer nicht sogar etwas Wütendes, ja Mürrisches? Auch eine so schöne Kreatur ist nicht immer zufrieden. Entscheidend ist, dass der Faun alle negative Energie spielerisch zu überwinden scheint, sozusagen wörtlich im Schlaf.

Faune sind Sagenwesen, Mischwesen aus Mensch und Tier. Das Animalische ist hier dezent gezeigt: mit einem Tierschwanz wie dem eines Pferdes, der dem Rücken über dem Po entspringt. Dennoch schlummert der Faun im Sitzen. Das rechte Bein – es ist aus Gips, weil das Original zerschellte – ist aufgestellt. Der rechte Arm ist neben den Kopf gehoben. Die Beine sind gespreizt. Wer meint, dass der Faun wohl eine sexuelle Orgie hinter sich hat, liegt womöglich richtig. Die Griechen und Römer hatten mit exzessiv gelebter Homosexualität und Bisexualität sowie mit der Nacktheit von Männern gar kein Problem. Dionysos war zudem nicht nur der Gott des Weines, sondern auch der Freude und der Ekstase.

Die ihm gewidmeten Dionysien waren Festtage, bei denen die Stadt Athen außer sich war. Prozessionen, Tanz, Theater und Opferriten bestimmten die Atmosphäre, und dass der kultisch Verehrte der Gott des Weines war, bot Anlass zu veritablen Besäufnissen. Frauen war der Alkoholgenuss allerdings solange verboten, bis sie nicht mehr im fruchtbaren Alter waren. Erst im mittleren Alter durften sie erste Erfahrungen mit dem berauschenden Trank aus den Weinschläuchen machen.

Leben in Stein gehauen

»Trunkene Alte« wird eine weitere berühmte Skulptur der Glyptothek genannt. Sie zeigt eine ältere Frau, die am Boden sitzt. Mit ihren Armen umklammert sie einen Lagynos, also ein bauchiges Gefäß, das typisch für das Lagynophoren-Fest ist, die Dionysos-Feierlichkeiten in Alexandria. Was der Inhalt der mit blühendem Efeu verzierten Flasche war? Na, Wein, was sonst! Wüsste man das nicht, man würde es erfahren, wenn man der Frau ins Gesicht schaut. Präzise hat der unbekannte Bildhauer den Zustand der Trunkenheit dokumentiert. Dabei handelt es sich um ein Kunstwerk, das mit vielschichtigen Aussagen in den Bann reißt.

So wird die Alte, die gestochene Ohrlöcher für prächtige, schwere Ohrringe aufweist, mal als Prostituierte, mal als Priesterin interpretiert. Für letzteres spricht das »ordnungsgemäße« Gefäß in ihren Armen. Trunkenheit im Dienst gehörte für Priesterinnen beim Fest der Lagynophoren dazu. »Es ist schwer zu sagen, wie alt die Gezeigte, also das Modell, war«, sagt Fendt. »Man alterte damals anders, nämlich früher, und es gab zwar Hautpflege und auch Schminke, aber die Lebensumstände waren andere als heute.« Bei 30 Jahren lag die durchschnittliche Lebenserwartung im Römischen Reich.

Die Patrizier, also wohlhabende Adlige, lebten selbstredend im Schnitt länger und vor allem besser als ihre Sklaven. Wobei es ein Unterschied war, ob man als Haussklave die Möglichkeit hatte, zum Vertrauten der Herrschaft aufzusteigen und vielleicht sogar die Freiheit geschenkt zu bekommen, oder ob man als rechtloser Arbeitssklave im Bergwerk oder auf Feldern sein Leben fristete. Ein Grabstein in der Ausstellung zeigt eine reiche Verstorbene und ihre trauernde Dienerin so vertraut, dass die beiden wie Verwandte oder Freundinnen wirken. Das Elend all jener Leibeigenen, die sich zu Tode schufteten, muss man sich denken – ihnen wurden keine Denkmäler gesetzt.

Friedhöfe gab es damals wie heute. Doch während heute immer weniger Menschen einsehen, dass individuell gestaltete Grabsteine wichtige Kulturträger sind, ließ man sich in der Antike für die Nachwelt dank der Grabstätte so zeigen, wie man sich selbst gern sah. Gesellschaftliche Moden flossen da mit ein. Die Sarkophage waren oft vorgefertigt, zeigten aber noch keine Zentralgestalt. Die Leerstelle wurde erst ausmodelliert, wenn der Sarkophag gekauft und für eine bestimmte Person vollendet wurde.

Großzügig gestaltete Gräber waren mehr als ein Statussymbol. Sie zeigten die Trauer von Hinterbliebenen, bezeugen zudem bis heute Lebensstil und Weltbild der Antike. Religion und Hedonismus waren da keine Widersprüche. Der Direktor der Staatlichen Antikensammlungen und Glyptothek München, Florian Knauß, betont: »Die Götter wirkten in der Antike in alles hinein. Der Sportler verdankte seinen Sieg der göttlichen Gnade, der erfolgreiche Geschäftsmann seinen Handel dem Beistand von Hermes oder Merkur.« Im Tod konnte man dann so auftreten, wie einen die Götter zu Lebzeiten vielleicht nicht ganz hatten erscheinen lassen: als Superheld, als Sportsmann, als anmutige Schönheit.

Auch rund zwei Jahrtausende später, zu Thorvaldsens Zeit, galt die Kunst als Mittel der Idealisierung und Typisierung. So schuf der dänische Bildhauer einen stehenden »Adonis«, der entspannt und zufrieden dreinschaut, als käme er soeben siegreich von der Jagd. Ein toter Hase baumelt neben ihm – das Glück, Beute gemacht zu haben, wurde schon in der Antike gern für Accessoires genutzt. So hat die Jagdgöttin »Artemis« ein totes Rehkitz bei sich – als symbolische Botschaft der Herrschaft über die Natur.

Kultur diente in der Antike nicht nur zur Belustigung, sie bot inhaltliche Orientierung. Die Werte und Tugenden, die sie vertrat, waren ernstgemeinte Richtlinien, als Handlungsmaxime sinnstiftend und vorbildhaft. Hoffnung galt ebenso als Tugend wie Klugheit. Und Schönheit war kein Selbstzweck und sollte auch nicht Getränke oder Fuhrwagen verkaufen, sondern diente der Vermittlung wichtiger Werte. Erotik, nicht Sexismus, gehörte dazu.

Die Ausstellung läuft bis zum 25. Juli 2021 und ist mit Zeitfenstertickets zu besuchen

antike-am-koenigsplatz.mwn.de

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