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Aus: Ausgabe vom 10.04.2021, Seite 6 / Ausland
Dschihadiste Angriffe

Suche nach kollektiver Antwort

Krisengipfel der Staatengemeinschaft des südlichen Afrika zu Angriffen in Mosambik
Von Gerrit Hoekman
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Warten auf Freunde und Verwandte: Aus Palma Geflohene im Hafen in Pemba (1.4.2021)

Derzeit sind 700.000 Menschen im Norden Mosambiks vor dem Krieg zwischen der Regierungsarmee und der Dschihadistenmiliz Al-Schabab auf der Flucht, der Ölkonzern Total hat seine Arbeiter abgezogen. Am Donnerstag traf sich die Entwicklungsgemeinschaft des südlichen Afrika (SADC) zu einem außerordentlichen Krisengipfel in der mosambikanischen Hauptstadt Maputo. Die Organisation stellte dem Land baldige Hilfe in Aussicht – unklar ist, ob es das zulässt.

Die SADC »nahm mit Besorgnis die Terrorakte zur Kenntnis, die gegen unschuldige Zivilisten, Frauen und Kinder in einigen Bezirken der Provinz Cabo Delgado der Republik Mosambik verübt wurden«, heißt es in der Abschlusserklärung des Gipfels. »Die Organisation verurteilte die Terroranschläge aufs schärfste und bekräftigte, dass solche abscheulichen Anschläge nicht ohne eine angemessene regionale Antwort fortgesetzt werden dürften.« An der Sitzung der sogenannten Doppeltroika nahmen neben dem Präsidenten Mosambiks, Filipe Nyusi, der gegenwärtig den Vorsitz der SADC innehat, seine Amtskollegen aus Botswana, Malawi, Südafrika, Zimbabwe und Tansania teil.

»Die Terroranschläge in Nordmosambik stellen eine Bedrohung für die gesamte südafrikanische Region dar, und deshalb brauchen wir eine kollektive Reaktion«, zitierte die Onlineausgabe des politischen Wochenmagazins Visaõ aus Lissabon am Donnerstag den Präsidenten von Botswana, Mokgweetsi Masisi. »Der Gipfel war sich einig darin, die SADC-Truppen sofort wiederaufleben zu lassen und sie zu befähigen, in das Geschehen einzugreifen«, fasste Emmerson Mnangagwa, der Präsident von Zimbabwe, das Ergebnis des Treffens laut dem Onlineportal Africa Times zusammen.

Offen ist allerdings, ob die Regierung in Maputo neben Ausrüstung und humanitärer Hilfe auch aktive militärische Unterstützung der Nachbarn akzeptiert. »Diejenigen, die aus dem Ausland kommen, werden uns nicht ersetzen, sie werden uns unterstützen. Es geht nicht um Stolz, es geht um Souveränität«, erklärte Präsident Nyusi laut der Nachrichtenagentur Reuters am Mittwoch. Deshalb setzt das Land bis jetzt auf private Sicherheitsfirmen wie die Dyck Advisory Group aus Südafrika. Ihr militärischer Erfolg ist aber überschaubar, auch die Söldner konnten den Dschihadisten nicht nachhaltig Paroli bieten. Ihnen werden außerdem erhebliche Menschenrechtsverletzungen vorgeworfen. Neuerdings sind einige Dutzend Soldaten aus den USA und Portugal im Land, um die Armee besser auszubilden.

Der Angriff der Al-Schabab-Miliz am 24. März auf Palma, eine Küstenstadt mit 75.000 Einwohnern im äußersten Norden, könnte vielleicht zu einem Strategiewechsel der Regierung führen. In unmittelbarer Nähe befindet sich nämlich ein Erdgasprojekt, in das der französischen Ölkonzern Total viel Geld investiert. Die gut geschützte Anlage soll zwar laut einem Sprecher der Armee nicht in Reichweite der Dschihadisten gewesen sein, wie Reuters am 2. April erfuhr. Total brachte aber dennoch gut 1.000 Mitarbeiter in Sicherheit, meldete die Nachrichtenagentur dpa am Mittwoch. Wann sie zurückkehren, steht in den Sternen, auch wenn die Regierungstruppen die Kontrolle über Palma inzwischen zurückerobert haben. »Total hatte geplant, in der zweiten Hälfte des Jahres 2021 mit Bohrungen vor der Küste Mosambiks zu beginnen. Dies erscheint nun unwahrscheinlich«, vermutete die britische Nachrichtenseite für Energiewirtschaft Energy Voice am Donnerstag.

Das Offshoregasfeld hat einen Wert von schätzungsweise gut 50 Milliarden Euro. Palma dient als logistischer Ausgangspunkt. Frankreich und wohl auch Südafrika dürften nun eine größere internationale Beteiligung fordern. Konkrete Schritte werden voraussichtlich am 29. April beschlossen, wenn sich die SADC erneut in Maputo treffen will. Die Dschihadisten nahmen bei dem Überfall auch erstmalig ein Hotel ins Visier, in dem ausländische Arbeiter untergekommen waren. Mindestens ein Brite und ein Südafrikaner sollen bei dem Angriff umgekommen sein.

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  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Detlev R. ( 9. April 2021 um 20:38 Uhr)
    Vor der Nordküste Mosambiks wurden 2010 die angeblich zweitgrößten Gasvorkommen Afrikas gefunden. Dies verleitete wohl die politische und Wirtschaftselite des Landes zu hochfliegenden Träumen und Plänen. Und sie versprach, der erhoffte Reichtum werde zu den einfachen Menschen »durchsickern« (»trickle down«). Die nördliche Provinz Cabo Delgado ist eine der ärmsten, weil vernachlässigten Regionen Mosambiks. Die ländliche Bevölkerung sah ob der luftigen Versprechen des erhofften Gasreichtums aber besseren Zeiten entgegen. Diese Hoffnung entpuppte sich als Fata Morgana. Die drei westlichen Energiegiganten Exxon Mobil (USA), Total (Frankreich) und Eni (Italien), die die Gasausbeute letztendlich kontrollieren, haben sich erst mal weitgehend zurückgezogen, weil die Profitausbeute offenbar nicht den ursprünglichen Erwartungen entspricht. Da ist dann mit dem »Trickle-down-Effekt« eben nichts, wie anderswo in vermeintlich »stabileren« Systemen auch.

    Hinzu kommt das in Mosambik herrschende Patronagesystem, an dessen Spitze eine kleine Schicht von Oligarchen Verträge, Bodenrechte und Lizenzen kontrolliert. Das Patronagesystem wird auch »Goatism« genannt (von englisch »Goat«, Ziege): »Die Ziege frisst dort, wo sie angebunden ist« – jeder hält dort die Hand auf, wo er tätig ist. Quasi ein System der Bestechlichkeit von oben nach unten und umgekehrt.

    Bei den so gern und oft zitierten »einfachen Menschen« führt all dies zu Frustration, Enttäuschung, dem Gefühl des Hintergangenwerdens. Ein sehr fruchtbarer Boden für terroristische Truppen wie Al-Schabab, die nichts anderes im Sinn haben als die Destabilisierung der Region.

    Man kann nur hoffen, dass SADC sich nicht nur mit der militärischen Befriedung befasst, sondern auch die Ursachen, die Wurzel dieses Problems – die krasse Vernachlässigung der ländlichen Bevölkerung, die Verarmung und Verelendung – anpackt.

    Detlev Reichel, Tshwane/Südafrika
    • Leserbrief von Onlineabonnent/in Fabian P. (11. April 2021 um 18:09 Uhr)
      Lieber Detlev Reichel,

      ich habe eine Frage an Sie: Da Sie in Tshwane in Südafrika leben und detailreich über die Verhältnisse in Mosambik sprechen, kennen Sie sich bestimmt ein wenig mit afrikanischer Geopolitik aus. Wissen Sie, woher man präzise Informationen über die aktuelle Geopolitik Afrikas bekommt (also zum Beispiel darüber, wie die Wahlen von Museveni/Wine in Uganda zu bewerten sind, was es mit dem Tod Magufulis in Tansania und dessen Coronamanagement auf sich hat, welche Länder in Afrika potentielle Verbündete der Chinesen und welche die »Freunde« der Amerikaner sind usw.), weil ich mich darüber gerne weiterbilden würde und kaum verlässliche Informationen finde. Es ist egal, ob die Quellen auf deutsch, englisch oder französisch sind, aber ich wäre froh, wenn Sie mir weiterhelfen könnten.

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