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Aus: Ausgabe vom 09.04.2021, Seite 15 / Feminismus
Buchrezension

Antirassismus weißer Frauen

Neues Buch untersucht aktuelle Debatten zum Kampf gegen Rassismus im britischen Feminismus
Von Eleonora Roldán Mendívil
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Die Suffragetten gelten als klassisches Beispiel (weißer) Frauenrechtsbewegung zu Beginn des 20. Jahrhunderts

Es ist keineswegs neu, dass über das Verhältnis von feministischen zu antirassistischen Kämpfen diskutiert wird. Ab den 1970er Jahren wurden die Debatten, die im Zuge der 68er-Bewegung an Fahrt aufgenommen hatten, zunehmend zu einem Thema innerhalb feministischer Theorie- und Aktivenkreise vor allem in Europa und den USA. In ihrer vor kurzem auf englisch erschienenen Studie »Innocent Subjects« (Unschuldige Subjekte) gibt Terese Jonsson nun einen Überblick über den aktuellen Stand der Diskussionen, bezogen auf Großbritannien.

Als Aufschlag zitiert Jonsson die britische Journalistin und Aktivistin Reni Eddo-Lodge. In ihrem 2018 auch auf deutsch erschienenen Buch »Why I’m No Longer Talking to White People About Race« (Warum ich nicht länger mit Weißen über Hautfarbe spreche)​​​​​​ kritisiert Eddo-Lodge, weiße Feministinnen sähen Rassismus nach wie vor nicht als ihr Problem oder gar als Priorität der eigenen feministischen Arbeit an. Von dieser Annahme ausgehend, untersucht Jonsson in sechs Kapiteln zentrale feministisch-antirassistische Diskussionen der letzten Jahrzehnte in Großbritannien. Dabei geht sie der Frage nach, warum »Rasse« und Herkunft weiterhin problematisch für große Teile des Feminismus sind. Was hat es beispielsweise mit der Geschichte zu tun, dass die meisten weißen Feministinnen in Großbritannien die Idee, sie selbst könnten rassistisch sein, weit von sich weisen würden?

Jonsson untersucht verschiedene Formen des feministischen Aktivismus und setzt sie unter anderem zur Geschichte des britischen Empire in Beziehung. Dabei zeigt die Autorin auf, dass beispielsweise der »Brexit« auch mit dem ungeklärten Verhältnis Großbritanniens zum eigenen kolonialen Erbe zu tun hat. So appelliere der »Leave«-Slogan, der sich auf einen wahrgenommenen Kontrollverlust beziehe, an die Phantasie einer viktimisierten Nation, die von migrantischen »anderen« und EU-Bürokratinnen und -Bürokraten angegriffen werde. Doch nicht nur das: Heutige Formen von Rassismus, ökonomischer Ungleichheit und Gewaltverhältnisse müssten nach Jonsson zudem anhand der Kategorie »Geschlecht« analysiert werden. Besonders in antimigrantischen und antimuslimischen Diskursen spiele diese Dimension eine bedeutsame Rolle, so beispielsweise, wenn »argumentiert« wird, der Umgang migrantischer und/oder muslimischer »anderer« mit »ihren« Frauen und sexuellen Minderheiten stelle eine Gefahr für »unsere«, sprich weiße britische Frauen und sexuelle Minderheiten sowie schlussendlich für »uns« im allgemeinen dar.

Jonsson stellt die These auf, dass es seit den 1980er Jahren zu einem Bedeutungsgewinn von Weißsein gekommen sei, auch wenn gleichzeitig behauptet werde, antirassistische Kritiken seien längst aufgenommen worden. Daraus folgt für die Autorin, dass weiße Frauen in Großbritannien nach wie vor das normative Subjekt feministischer Kämpfe darstellen. Außerdem begründet Jonsson, wie ein solcher Feminismus gerade durch seine »Unschuld« in bezug auf Rassismus von weißen Feministinnen aufrechterhalten wird. Diese »weiße Unschuld«, die dem Buch seinen Namen gibt, benennt die Autorin als eine Form rassistischer Macht.

Jonssons Text ist reich an Beispielen aus der britischen Frauenbewegung, sowohl historischen als auch aktuellen. Zudem zeigt er reale Konflikte und Kämpfe um die Sichtbarmachung rassistischer Ausgrenzung unter feministischen Aktivistinnen auf. In ihrem Versuch, als weiße Feministin einen ehrlichen antirassistischen Beitrag zu dieser Debatte zu leisten, verstrickt sich die Autorin jedoch in den gängigen essentialisierenden Mustern vieler sogenannter intersektionaler Feministinnen unserer Zeit. So untersucht sie feministische Strömungen und Debatten primär anhand der Kategorie »Rasse«. Dadurch werden die jeweiligen Aktivistinnen auf diese Positionierung reduziert, ebenso wie ihre politischen Argumente mit dieser gleichgesetzt werden. Die Klassenposition wird indes nur benannt, wenn es um die Biographien einzelner Aktivistinnen geht, jedoch nicht als Analyserahmen der Untersuchung. So werden weiße Feministinnen egal welchen Programms dazu angehalten, schwarzen und nicht-weißen Feministinnen zuzuhören und ihnen akademisch und politisch Räume zu überlassen. So wird suggeriert, dass Nichtweiße automatisch antirassistisch(er) wären – selbst eine rassistische Essentialisierung, die aus einem idealistischen Weltverständnis herrührt und den Kampf gegen Rassismus im Feminismus nicht voranbringt.

Jonsson, Terese (2021): Innocent Subjects. Feminism and Whiteness. Pluto Press, London, 225 Seiten, 17,99 Pfund (ca. 21 Euro)

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