Jetzt drei Wochen gratis lesen.
Gegründet 1947 Sa. / So., 17. / 18. April 2021, Nr. 89
Die junge Welt wird von 2503 GenossInnen herausgegeben
Jetzt drei Wochen gratis lesen. Jetzt drei Wochen gratis lesen.
Jetzt drei Wochen gratis lesen.
Aus: Ausgabe vom 09.04.2021, Seite 15 / Feminismus
Gegen Pathologisierung

Krach um den Eintrag

Um das Recht von Transpersonen auf Änderung des Geschlechts im Personenregister wird in BRD und Spanien heftig gestritten
Von Carmela Negrete
Spain_Transgender_Ri_68669013.jpg
Aktivistinnen und Aktivisten kündigen in Madrid einen Hungerstreik für das sogenannte Transgesetz an (10.3.2021)

Anlässlich des international am 31. März begangenen Tags für die Sichtbarkeit von Transpersonen haben Betroffene auch in Deutschland eine Überarbeitung des seit 40 Jahren geltenden sogenannten Transsexuellengesetzes gefordert. In einem entsprechenden Positionspapier machte der »Bundesverband Trans*« auf die Rückschrittlichkeit der geltenden Bestimmungen aufmerksam. Demnach sei besonders der Aufwand, den Transpersonen für eine Änderung ihres Geschlechtseintrags betreiben müssen, derzeit viel zu hoch. Statt wie bisher zwei Gerichtsgutachten einholen zu müssen, fordert der Verband, dass künftig die Selbstauskunft der betroffenen Personen ausreichen solle.

Was in Deutschland bislang noch in weiter Ferne erscheint, ist in Spanien fast Realität. Fast, da der entsprechende Text eines sogenannten Transgesetzes nun bereits seit zwei Monaten auf den Tischen der Minister liegt, ohne verabschiedet worden zu sein. Er sieht vor, dass Menschen die Freiheit bekommen sollen, über ihr eingetragenes Geschlecht selbst entscheiden zu können, ohne sich dafür einer Behandlung unterziehen zu müssen oder pathologisiert zu werden. Doch während die Madrider Koalitionsregierung aus sozialdemokratischem PSOE und dem Linksbündnis Unidas Podemos betont, die »erste feministische Regierung seit dem Ende der Diktatur« zu sein, spaltet nun ausgerechnet das »Transgesetz« sowohl die Koalitionspartner als auch die feministische Bewegung des Landes.

Vor allem der PSOE zögert mit seiner Zustimmung. Zuletzt schlugen die Sozialdemokraten vor, zumindest einen Zeugen für die Änderung des Geschlechtseintrags zur Pflicht zu machen – ähnlich wie es für die Änderung des Namens vorgesehen ist. Auch die Einführung einer sechsmonatigen »Bedenkzeit« steht im Raum, wodurch ein angeblicher Missbrauch des Rechts verhindert werden soll. Ein solcher »Missbrauch« würde beispielsweise vorliegen, wenn ein Mann seinen Geschlechtseintrag in »weiblich« umändern würde, um Gesetze zum Schutz von Frauen umgehen oder in Anspruch nehmen zu können.

Entsprechende Vorwürfe wurden in den vergangenen Monaten von konservativen Sozialdemokraten, insbesondere jedoch von der »Feministischen Partei Spaniens« (PFE), vorgebracht. Der PFE war im Februar aus dem Linksbündnis Unidas Podemos wegen seiner Positionen gegenüber Transpersonen ausgeschlossen worden. Obwohl die Partei nicht landesweit vertreten ist, waren ihre Haltungen in der letzten Zeit in den Medien sehr präsent. Die Aussagen von Chefin Lidia Falcón, Frauen würden gegen Transpersonen »ausgetauscht«, wofür eine »Schwulenlobby« verantwortlich sei, empörten große Teile der Linken. Den vorliegenden Gesetzentwurf bezeichnet der PFE als »postmoderne Waffe des Patriarchats«.

Nachdem am 10. März mehrere Transaktivisten in Madrid in den Hungerstreik getreten waren, verkündeten die katalanische ERC sowie »Más País«, das Gesetz selbst in das Parlament zur Abstimmung bringen zu wollen. Seitdem ist allerdings nichts mehr passiert. Mehrere Organisationen haben deshalb erneut Widerstand gegen eine Änderung des Gesetzestextes angekündigt. Am Dienstag starteten der Verband FELGTB, die Stiftungen »Triángulo« und »Chrysallis« sowie die »Vereinigung von Familienangehörigen minderjähriger Transpersonen« eine landesweite Kampagne.

Sollte das Gesetz in Spanien verabschiedet werden, wäre es das weitreichendste in der EU. Bislang erlauben nur Luxemburg, Irland, Portugal, Dänemark, Belgien und Malta eine Änderung des Geschlechtseintrags, ohne die Betroffenen zu pathologisieren – allerdings mit Einschränkungen.

Wer fürchtet sich eigentlich vor wem?

Polizei vor Kiezkneipen- oder Waldschützern, Instagram vor linken Bloggern, Geheimdienste vor Antifaschisten? Oder eher andersherum? Die Tageszeitung junge Welt entlarvt jeden Tag die herrschenden Verhältnisse, benennt Profiteure und Unterlegene, macht Ursachen und Zusammenhänge verständlich.

Unverbindlich und kostenlos lässt sich die junge Welt drei Wochen lang (im europäischen Ausland zwei Wochen) probelesen. Abbestellen nicht nötig, das Probeabo endet automatisch.

Regio:

Mehr aus: Feminismus