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Aus: Ausgabe vom 09.04.2021, Seite 9 / Kapital & Arbeit
Erdölproduktion

Versuchsballon des Kartells

»OPEC plus« erhöht Ölförderung für drei Monate probeweise – Erdölstaaten wollen »Markt austesten«
Von Knut Mellenthin
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Reich an Rohstoffen: Erdölausbeutung im russischen Surgut (5.4.2020)

Das von Saudi-Arabien und Russland dominierte Kartell »OPEC plus« hat am 1. April beschlossen, die Erdölförderung bis zum Juli in drei Monatsstufen um insgesamt 2,15 Millionen Barrel pro Tag (barrel per day, bpd) zu steigern. Nach der Bekanntgabe stiegen in den ersten Stunden die Ölpreise. Nach wirtschaftlicher Logik hätte man das Gegenteil erwartet: mehr Angebot bei unveränderter Nachfrage, also sinkende Preise. Hintergrund war jedoch, dass die Entscheidung der 23 Staaten umfassenden Gruppe, die mit Ausnahme der USA die wichtigsten erdölfördernden Länder einschließt, als Zeichen des Vertrauens in eine stabile Erholung der Weltwirtschaft und demzufolge auch als Erwartung einer wachsenden Nachfrage nach Erdöl und Ölprodukten interpretiert wurde.

Unabhängig von der Wahrscheinlichkeit dieser Annahme war der Anstieg der Ölpreise am 1. April aber nur das Ergebnis spekulativer Börsenoperationen. Schon am Abend desselben Tages lagen die Preise fast wieder auf dem vorherigen Niveau. Ähnlich verhält es sich mit den kurzzeitigen Schwankungen des Ölpreises, die in Zusammenhang mit dem Treffen der Staaten des Wiener Abkommens am Dienstag auftraten: Die Aussicht, dass die US-Regierung vielleicht die Sanktionen gegen den Iran lockern könnte, beflügelte Spekulationen, dass mindestens jeden Tag eine Million Barrel mehr Öl auf den Weltmarkt gelangen und auf die Preise drücken könnten. Auch in diesem Fall ging es aber nur um Tagesgeschäfte.

Kooperation wegen Preisen

Die Planung, die zwischen den Staaten der »OPEC plus« am 1. April vereinbart wurde, sieht so aus: Im Mai und im Juni kann die Förderung um insgesamt jeweils 350.000 bpd gesteigert werden, im Juli dann sogar um 450.000. Davon werden, wie es derzeit aussieht, wohl hauptsächlich Russland und Kasachstan Gebrauch machen. Hinzu kommt, dass Saudi-Arabien im selben Zeitraum seine freiwillig reduzierte Ölproduktion um eine Million bpd zurücknehmen will: 250.000 bpd im Mai, 350.000 im Juni und 400.000 im Juli.

Das ergibt zusammengerechnet 2,15 Millionen bpd, die in den nächsten drei Monaten zusätzlich produziert werden sollen. Das bedeutet aber nicht, dass die Menge das Angebot auf dem Weltmarkt verstärken wird. Die »OPEC plus« einigt sich nicht auf Exportvolumen, sondern auf Fördermengen. Das Kartell ist vergleichsweise jung. Russland hatte jahrelang dem Werben der 1960 gegründeten OPEC um eine Kooperation widerstanden. Erst seit Dezember 2017, als die erdölproduzierenden Länder mit einem starken Preisverfall konfrontiert waren, hat sich eine gegenseitige Abstimmung und Zusammenarbeit entwickelt.

Pandemie verringert Bedarf

Als sich die Abschwächung der Weltwirtschaft und der damit verbundene sinkende Bedarf an Erdöl aufgrund der Covid-19-Pandemie abzeichneten, einigten sich die Staaten der »OPEC plus« im April 2020, ihre Produktion um insgesamt 9,7 Millionen bpd zu verringern. Die Maßnahme sollte am 1. Mai beginnen und zwei Monate durchgehalten werden. Von Juli bis Dezember 2020 sollte die Einschränkung nur noch acht Millionen und in den folgenden 16 Monaten bis Ende April 2022 sechs Millionen bpd betragen. Diese Planung wurde mehrmals an die aktuellen Zahlen und Schätzungen für den globalen Bedarf angepasst. Im Dezember 2020 einigte sich die »OPEC plus« darauf, dass künftige Schritte zur Steigerung der Förderung des Kartells nicht über 500.000 bpd im Monat liegen sollen.

Aktuell produzieren die »OPEC plus«-Staaten immer noch sieben Millionen bpd weniger als vor der Pandemie. Dazu kommt die freiwillige Kürzung Riads um eine Million. Vor allem geht offenbar Moskau davon aus, dass die schlimmsten wirtschaftlichen Folgen der Seuche schon hinter uns liegen. Saudi-Arabien ist deutlich skeptischer, stimmte aber letztlich dem Kompromiss vom 1. April zu. Energieminister Abdulasis bin Salman erklärte dazu, man wolle jetzt »den Markt austesten« und könne die Planung jederzeit wieder ändern. Das nächste Treffen soll am 28. April stattfinden.

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