Gegründet 1947 Montag, 12. April 2021, Nr. 84
Die junge Welt wird von 2500 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 09.04.2021, Seite 8 / Inland
Hebammenberuf in Sachsen

»Die Arbeitsbedingungen müssen verbessert werden«

Sachsen: Weiterer Studiengang in Hebammenkunde, dringender Fachkräftemangel. Ein Gespräch mit Stephanie Hahn-Schaffarczyk
Interview: Gitta Düperthal
Hebamme_67324373.jpg
Arbeitsbedingungen von Hebammen sind nach wie vor schwierig, ihre Dienste jedoch unerlässlich (Essen, 30.4.2020)

In Leipzig beginnt jetzt ein neuer Studiengang für Hebammen, in Dresden zum Wintersemester 2021. Kann das helfen, den Beruf attraktiver zu gestalten und Fachkräftemangel zu beheben?

Der Hebammenberuf war schon immer angesehen. Zu hoffen ist, dass das Interesse durch die Akademisierung des Ausbildungsberufes noch steigt. Karrierechancen werden so auch denjenigen eröffnet, die in Wissenschaft, Lehre oder Forschung arbeiten wollen. Dazu bedurfte es bisher eines zusätzlichen pädagogischen oder gesundheitswissenschaftlichen Studienabschlusses.

Was aber hilft es, den Ausbildungsberuf zum Studium umzuwandeln, wenn es wegen schlechter Arbeitsbedingungen immer weniger Hebammen gibt?

Wir haben tatsächlich Fachkräftemangel, wie etwa auch bei der Pflege und ähnlichen Branchen. Ich hoffe, dass das Studium hilft, dies zu verändern. Wir hatten in Deutschland bislang schon eine hochwertige Ausbildung, worum man uns in anderen Ländern beneidete – nur eben nicht an der Hochschule. Wer von dort kommt, hat freilich im Angestelltenverhältnis Anspruch auf bessere Besoldung. Auch in der Freiberuflichkeit muss die Vergütung angehoben werden. Kolleginnen mit langjähriger Berufserfahrung dürfen nicht schlechter gestellt werden, das Salär muss insgesamt angehoben werden. Arbeitsbedingungen in Kliniken müssen verbessert werden. Hebammen machen oft Tätigkeiten, die dem Berufsbild nicht entsprechen, wie Schränke mit Medikamenten auffüllen oder Kreißsäle putzen. Der Personalmangel spielt eine große Rolle.

Arbeiten mehr Hebammen freiberuflich oder in Kliniken?

Ein genaues Monitoring des Berufs gibt es nicht. In Sachsen arbeiten etwa 75 Prozent aller Hebammen in Teilzeit in Kliniken und teils freiberuflich in verschiedenen Verhältnissen. Viele wollen Frauen auch in der Schwangerschaft und im Wochenbett begleiten. Sie wollen nicht ausschließlich im Schichtdienst in der Klinik arbeiten, sondern auch freiberuflich flexibel sein.

Nebenkosten wie die Versicherung sind zu hoch. Wie sind Hebammen da im Beruf zu halten?

Kolleginnen, die Geburtshilfe etwa bei Hausgeburten, im Geburtshaus oder mit Belegvertrag in einer Klinik anbieten, müssen eine Haftpflichtversicherungsprämie von etwa 9.000 Euro pro Jahr bezahlen. Damit es sich am Ende rechnet, muss eine Hebamme viel arbeiten. In einigen Fällen leisten die Krankenkassen einen Zuschuss. Wer nur Schwangerengymnastik und Wochenbettbetreuung anbietet, muss dafür etwa um die 1.000 Euro jährlich zahlen.

Welche Probleme gab es durch die Coronakrise?

Hebammen, die Kurse zur Geburtsvorbereitung anbieten, hatten Einkommensverluste. Präsenzkurse sind in Sachsen momentan meist nicht möglich. Für schwangere Frauen ist der Gruppenprozess wichtig, weil darüber Kontakte entstehen, um etwa später gemeinsam mit den Kindern auf den Spielplatz zu gehen. Wir versuchen Frauen trotzdem persönlich und nicht nur online zu betreuen. Das ist wichtig, gerade wenn in der Schwangerschaft Probleme auftreten.

Wie ist der Zusammenhalt, um für bessere Arbeitsbedingungen zu kämpfen?

Wer nicht nur freiberuflich ist, sondern auch eine Anstellung hat, ist mitunter besser vernetzt. Der Hebammenverband organisiert alle gleichermaßen, auch die freiberuflichen Kolleginnen können zusammen politischen Druck aufbauen. Sie erhalten etwa 38 Euro brutto von der Krankenkasse, deklariert für etwa 20 bis 40 Minuten, brauchen aber meist länger. Davon ist noch keine Steuer, Kranken- und Rentenversicherung oder Raummiete für einen Kurs bezahlt. Ich vergleiche das stets gern mit einer Autowerkstatt: Fragen Sie mal, ob Sie für 40 Euro brutto irgend etwas repariert bekommen! Konkurrenz untereinander gibt es kaum, da wir insgesamt zu wenige sind. Wir gehen jetzt wieder in die Vergütungsverhandlungen.

Stephanie Hahn-Schaffarczyk ist Vorsitzende des Sächsischen ­Hebammenverbands und seit 2000 als Hebamme tätig

Wer fürchtet sich eigentlich vor wem?

Polizei vor Kiezkneipen- oder Waldschützern, Instagram vor linken Bloggern, Geheimdienste vor Antifaschisten? Oder eher andersherum? Die Tageszeitung junge Welt entlarvt jeden Tag die herrschenden Verhältnisse, benennt Profiteure und Unterlegene, macht Ursachen und Zusammenhänge verständlich.

Unverbindlich und kostenlos lässt sich die junge Welt drei Wochen lang (im europäischen Ausland zwei Wochen) probelesen. Abbestellen nicht nötig, das Probeabo endet automatisch.

Ähnliche:

  • Trotz Pandemie konnten in Plauen viele Delegierte am Parteitag d...
    12.10.2020

    Im Zeichen der Pandemie

    Ob Sachsen, Bayern oder Sachsen-Anhalt: Coronakrise bestimmt Landesparteitage von Die Linke am Wochenende
  • Verantwortliche der Stationsschließung: Landrat, Ministerpräside...
    01.08.2020

    Kranke Kinder in Not

    Zu teuer: Im Norden Sachsen-Anhalts bricht die klinische Versorgung der Jüngsten weg. In Gardelegen soll eine weitere Station schließen

Regio:

Mehr aus: Inland