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Aus: Ausgabe vom 09.04.2021, Seite 7 / Ausland
Frankreich

Luxusdinner in Paris

Fernsehbericht: Illegale Restaurantbesuche während des Lockdowns. Minister als Gäste?
Von Raphaël Schmeller
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Polizisten bewachen den Eingang des Palais Vivienne, in dem illegale Luxusdinner stattgefunden haben sollen (Paris, 6.4.2021)

Er hat wie eine Bombe eingeschlagen. Der Fernsehbericht des Senders M 6 über illegale Luxusdinner inmitten des Lockdowns in Paris, an denen angeblich auch Minister teilgenommen hatten, hat in Frankreich eine Welle der Empörung ausgelöst. Nachdem am Mittwoch verschiedene Proteste angekündigt worden waren, musste eine Hundertschaft der Polizei vor dem Palais Vivienne anrücken, um den in ein illegales Nobelrestaurant transformierten Privatpalast aus dem 18. Jahrhundert zu bewachen.

In der am vergangenen Freitag ausgestrahlten Reportage filmten die Journalisten mit einer versteckten Kamera in einem »Untergrundrestaurant« eines Pariser Nobelviertels – dem Palais Vivienne. Zu sehen sind auf den Aufnahmen Dutzende Gäste und Bedienstete, die weder Maske tragen noch Sicherheitsabstände einhalten. Einige der Anwesenden begrüßen sich mit Küsschen. Hier ziehe man die Maske ab, sagte ein Bediensteter gegenüber den verdeckten Journalisten. »Wenn Sie hier eintreten, gibt es kein Covid mehr. Wir wollen, dass sich die Leute wohlfühlen.« Das Menü kostete an dem Abend zwischen 160 und 490 Euro pro Person, wie ein Bild der Speisekarte zeigt.

Doch damit nicht genug. Im weiteren Verlauf des Berichts kommt der Veranstalter zu Wort. Pierre-Jean Chalençon, TV-Entertainer und sogenannter Napoleon-Experte, erklärte den Journalisten: »Ich habe diese Woche in zwei oder drei Restaurants, die als Untergrundrestaurants bezeichnet werden, mit einer gewissen Anzahl an Ministern zu Abend gegessen.« Darüber müsse er lachen. »Wir sind eine Demokratie. Man macht, was man will«.

Inzwischen hat die Staatsanwaltschaft Ermittlungen eingeleitet. Neben dem Vorwurf der Gefährdung anderer gehe es dabei auch um mutmaßliche Schwarzarbeit, erklärte Staatsanwalt Rémy Heitz am Sonntag. Vermutlich, nachdem Druck auf ihn ausgeübt worden war, hat Chalençon seine Aussage zurückgezogen. Dem Nachrichtensender BFM TV sagte er am Dienstag, es habe sich um einen Aprilscherz gehandelt. Besonders glaubwürdig ist dieser Rückzieher jedoch nicht. Zumal die M 6-Redaktion am Mittwoch ein Statement veröffentlichte, in dem sie erklärt, auch »andere Quellen haben uns die Anwesenheit an einem solchen Essen von mindestens einem Regierungsmitglied bestätigt«.

Über die Reportage wird seit Sonntag ausgiebig in den sozialen Medien diskutiert. Dabei wurde unter dem Schlagwort »On veut les noms« (auf deutsch: Wir wollen die Namen) gefordert, die Beteiligten zur Verantwortung zu ziehen. Verdächtigt werden einige Prominente wie der Komiker Raphaël Mezrahi. Ziel der Kritik ist jedoch vor allem der Regierungssprecher Gabriel Attal, der die Anschuldigungen zurückwies. Hintergrund der Beschuldigung ist unter anderem ein Interview von Chalençon vom 2. Februar mit dem Youtuber Sam Zirah. Damals sagte der TV-Entertainer über solche Luxusdinner: »Er soll demnächst zum Essen kommen, unser Freund Attal.« Auch gegen Justizminister Éric Dupond-Moretti steht ein Verdacht im Raum. Auf Twitter kursieren Bilder, die zeigen sollen, wie er am 3. März ohne Maske am Eingangstor des Palais Vivienne steht.

Sollten sich die Vermutungen bewahrheiten, könnte die Regierung noch weiter in die Krise abrutschen. Schon bevor die Reportage von M 6 ausgestrahlt wurde, war das Vertrauen in die Regierenden im Keller. So bewerteten laut einer Umfrage von Ende März mehr als zwei Drittel der Franzosen das Krisenmanagement von Staatspräsident Emmanuel Macron als »nicht auf der Höhe«. In den Umfragen profitiert davon vor allem Faschistenführerin Marine Le Pen.

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