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Aus: Ausgabe vom 08.04.2021, Seite 11 / Feuilleton
Fotoband

Schwebendes Licht

Ein Fotoband sucht in verwunschenen Innenräumen nach Spuren kolonialer Herrschaft in Myanmar
Von Hannes Klug
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Bewohnte Geschichte des Landes erkunden: »Myeik« (2015)

Ein künstlerisches Projekt, noch dazu ein stilistisch so konsequentes wie den Fotoband »Dark Whispers« von Beatrice Minda, mit Bildern aus der Tagespresse zu vergleichen erscheint auf den ersten Blick absurd. Und doch werfen beide unterschiedliche Blicke auf ein Land, das zu den bei uns unbekannteren Staaten Asiens gehört: Myanmar, ehemals Burma, von 1885 bis 1948 unter britischer Kolonialherrschaft und während des Zweiten Weltkriegs kurzzeitig vom japanischen Militär besetzt. Die Zeiten demokratischen Aufbruchs, scheint es, währen in diesem Land immer nur kurz. Nach dem vorübergehenden Ende der Militärdiktatur im Jahr 2011 fällt Myanmar momentan zurück in Gewaltherrschaft und in die brutale Unterdrückung der Bevölkerung. Proteste, Straßensperren, Wasserwerfer, Schüsse auf Demonstranten: Das sind die fürchterlichen Bilder aus der aktuellen Berichterstattung.

Im Gegensatz zur Reportage politischer Unruhen verströmen Mindas Bilder eine kolossale, fast gespenstische Ruhe: Sie zeigen weitgefasste Tableaus von Innenräumen, in denen sich Spuren der Vergangenheit wie geologische Schichten überlagern oder auf verschiedenen Ebenen neben- und hintereinander koexistieren; Bilder, in denen Geschichte zum Stillstand kommt und gerade dadurch sichtbar wird. Oft handelt es sich bei den Räumen um koloniale Architektur, die längst zweckentfremdet ist, oder um die ehemaligen Villen von reichen Händlern und Plantagenbesitzern, die als Geschäftsleute von der kolonialen Ausblutung des Landes profitiert haben und durch Reis-, Holz und Kautschukexporte nach Europa, Japan oder China vermögend wurden. Doch die Fotos versuchen keine architektonische Repräsentation vergangener Macht oder eine Romantik des Verfalls, sie stellen keine Opulenz aus und suchen nicht nach Zeugnissen erloschener Herrschaft, sondern sie betreten behutsam private Innenwelten, ohne dabei aufdringlich zu sein, und suchen sich diskret einen Standpunkt, der möglichst viel in einem einzigen Blick erfassen kann.

Sie erzählen von den jetzigen Bewohnern der Häuser, wobei diese Menschen nur in den wenigsten Fällen auch im Bild zu sehen sind. Das Alltägliche haftet so fragil an Tischen und Stühlen, an Hängematten und Geschirrhandtüchern der Abwesenden, ihren Kochtöpfen und religiösen Bildern, ihren Buddha-Statuen, Tischdecken, Teppichen und Einkaufstaschen, als könnte es jeden Moment durch einen Lufthauch weggeweht oder – man kann nicht anders, als dies mitzudenken – durch einen militärischen Greiftrupp zertrampelt werden. Nicht nur Fenster und Türen, auch die hölzernen Wände selbst scheinen durchlässig und streuen das Licht kreuz und quer durch die Flure, gestatten ihm, sich auf Dielen und Stufen zu legen, zu schweben, Säulen einzuhüllen und die Räume mit einem magischen Glanz zu erfüllen.

In fünf aufeinanderfolgenden Jahren ist die Fotografin jeweils einen Monat lang durch das Land gereist und hat die Menschen gefragt, ob sie ihr erlauben würden, ihre Wohnräume zu betreten. Minda berichtet im Gespräch mit der jungen Welt, dass sie selbst von der Offenheit der Menschen überrascht war, die sie freizügig in ihre Häuser baten und ihr gestatteten, sich darin umzusehen. Doch die Bilder entlarven nicht, sie sind nicht auf der Suche nach Verborgenem oder Verhülltem. Sie ermöglichen dem Betrachter, Lebenswelten zu entdecken, die nicht nur private und religiöse Bedeutung versammeln, sondern auch historisch und politisch aufgeladen sind. »Mein Ziel war es, die bewohnte Geschichte des Landes zu erkunden«, erzählt Beatrice Minda. Ihre Fotografien fokussieren die Aufmerksamkeit nicht, sondern sie funktionieren wie Panoramen, wie mehrdimensionale Bühnenbilder zwischen den Akten eines Schauspiels, über die der Blick schweifen kann. »Ich möchte Erfahrungsräume schaffen, die so offen wie möglich sind, in die man eintauchen und in denen man Entdeckungen machen kann«, erklärt die Fotografin im Interview.

Doch nicht nur prächtige Gebäude, auch einfache Hütten hat sie fotografiert, schlichte, aus Bambus gefertigte Unterkünfte, wie sie seit Jahrhunderten und auch heute noch in großer Zahl in Gebrauch sind – so wie das Zuhause eines Fischers und seiner Frau, jeden Tag verkauft sie seinen Fang auf dem Markt, im Stranddorf Boasay auf der Halbinsel Dawei. Nicht nur der Reichtum, auch die verbliebene Armut gehört zum kolonialen Erbe, von dem dieser Fotoband Zeugnis ablegt. Und auch in den Hütten verströmt das Licht diesen tröstlichen Zauber, der davon erzählt, dass die Menschen in diesem Land seit Jahrhunderten auch den widrigsten Umständen trotzen.

Beatrice Minda: Dark Whispers. In deutscher und englischer Sprache. Verlag Hartmann Projects, Stuttgart 2021, 144 Seiten, 39 Euro

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