Jetzt drei Wochen gratis lesen.
Gegründet 1947 Dienstag, 20. April 2021, Nr. 91
Die junge Welt wird von 2503 GenossInnen herausgegeben
Jetzt drei Wochen gratis lesen. Jetzt drei Wochen gratis lesen.
Jetzt drei Wochen gratis lesen.
Aus: Ausgabe vom 08.04.2021, Seite 9 / Kapital & Arbeit
Wettlauf bei Erdgasleitung

Polens letzter Versuch

Maritime Kraftmeierei als Mittel gegen Nord Stream 2. Warschau bestätigt »Patrouillen« im Seegebiet
Von Reinhard Lauterbach
Russisches_Verlegesc_67997749.jpg
Ziel von Attacken: Rohrverlegungsschiff »Fortuna« wird von Schleppern aus dem Hafen Wismar bugsiert

Die Bauarbeiten an der Ostseepipeline Nord Stream 2 sind seit einigen Wochen Störversuchen von polnischer Seite ausgesetzt. Dies beklagte in den letzten Märztagen die für den Bau zuständige Tochtergesellschaft des russischen Gasprom-Konzerns. Russische Agenturen melden, dass sich bereits seit Ende Februar Fälle mehrten, in denen polnische Kriegsschiffe und Fischerboote in der Sicherheitszone rund um die Position des Verlegeschiffs »Fortuna« auftauchten. Genannt wurde insbesondere ein Schiff mit der taktischen Nummer 823, das in internationalen Schiffahrtsregistern als der in Swinoujscie stationierte Minenleger »Krakow« verzeichnet sei. Ende März habe sich sogar ein nicht identifiziertes U-Boot unweit der »Fortuna« gezeigt. Dies sei gefährlich, weil es die Ankerkabel des Verlegeschiffs beschädigen und damit den Fortgang der Arbeiten erheblich erschweren könne. Denn von der genauen Positionierung des Schiffs sei abhängig, dass weitere im Wasser versenkte Röhren exakt auf das vorhandene Leitungsende träfen. Gasprom veröffentlichte auch Videos, die zeigen, wie ein polnisches Fischerboot mit einer Kennung des Heimathafens Swinoujscie versuchte, bei Nacht ein Begleitschiff der »Fortuna« zu rammen. Außerdem überflögen für die U-Boot-Bekämpfung bestimmte polnische Militärflugzeuge die Baustelle demonstrativ in geringer Höhe.

Die polnische Armeeführung bestätigte die Vorfälle im Kern. Eine Erklärung des Oberkommandos auf Twitter bestritt einzig, dass sich dahinter die von russischer Seite behauptete Absicht zur Provokation verberge. Vielmehr nähmen die polnischen Marineschiffe ihre »auftragsgemäßen Aufgaben« zur Überwachung des Seegebiets wahr. Allerdings gehört dieses zur dänischen Wirtschaftszone, so dass eine polnische Zuständigkeit zumindest nicht auf der Hand liegt.

Es könnte auch sein, dass Polen nicht das einzige Land ist, das sich an diesen Störaktionen beteiligt. Das geht aus der Meldung über das demonstrativ aufgetauchte U-Boot hervor. Polens Marine hat nämlich keine fahrbereiten U-Boote. Welches Land ansonsten in Frage käme, kann nur spekulativ erörtert werden. Allerdings fällt in diesem Zusammenhang eine Erklärung des französischen Außenministeriums gegenüber der russischen Agentur RIA Nowosti von Anfang dieses Monats auf. Danach sei »wohlbekannt«, dass Frankreich und die BRD in Sachen Nord Stram 2 »Meinungsverschiedenheiten« aufwiesen. Das Ministerium bestritt freilich gleichzeitig, dass sich französische Marineschiffe in der Ostsee aufhielten.

Polen versucht auch auf anderen Wegen, den Fortgang der Bauarbeiten zu behindern. So entzogen die Schiffahrtsbehörden in Gdynia zwei mit dem Heimathafen Gdansk angemeldeten Arbeitsschiffen der deutschen Reederei Krug die Sicherheitszertifikate und das Recht, unter polnischer Flagge in See zu stechen. Als Grund nannte das Wasser- und Schiffahrtsamt in Gdynia, dass die beiden Schiffe in den vergangenen Wochen Material an die Nord-Stream-2-Baustelle transportiert hätten. Polen könne aber nicht zulassen, dass Schiffe unter seiner Flagge gegen die wirtschaftlichen und politischen Interessen des Landes verstießen. Der Entzug der Sicherheitszertifikate und des Flaggenstatus bedeutet faktisch ein Auslaufverbot und damit eine Beschlagnahme der beiden Schiffe.

Parallel dazu machte die polnische Regierung noch ein weiteres Feld der Auseinandersetzung um Nord Stream 2 auf. Der Staatssekretär beim polnischen Geheimdienstkoordinator Mariusz Kaminski, Stanislaw Zaryn, veröffentlichte auf dem Fachportal Defense News die Behauptung, Nord Stream 2 sei auch ein potentielles Spionageinstrument. In der Leitung könnten Abhöreinrichtungen angebracht werden, um maritime Aktivitäten der NATO in der Ostsee auszuspähen. Außerdem könne die Leitung von Russland »als Vorwand genutzt werden, seine Flotte in der Ostsee zu stationieren«, schrieb Zaryn, als wäre in Warschau nicht bekannt, dass es eine russische Ostseeflotte längst gibt und Russland ein Anrainerstaat dieses Meeres ist. So skurril diese Argumente klingen mögen: Zaryn räumte ein, Polen »suche Methoden«, die Fertigstellung der Pipeline doch noch zu verhindern.

Einstweilen hat die russische Seite die Bauarbeiten wieder unterbrochen – offiziell wegen stürmischen Wetters und bis mindestens Ende dieser Woche. Nach Unterlagen, die Gasprom im Februar den dänischen Behörden übermittelt hat, sollten die Arbeiten in dänischen Gewässern bis Ende Mai abgeschlossen sein, im anschließenden deutschen Sektor bis Ende Juni. Wenn alles gutgeht. Ein Kommentator der Deutschen Welle wies dieser Tage darauf hin, dass Russland langsam die Zeit davonlaufe: eine Regierungsbeteiligung der Grünen in Deutschland sei nach der Bundestagswahl »so gut wie ausgemacht«, schrieb Andrej Gurkow von der russischen Redaktion des Staatssenders. Dann sei ein Baustopp mehr als wahrscheinlich, wenn nicht vorher vollendete Tatsachen herrschten.

Wer fürchtet sich eigentlich vor wem?

Polizei vor Kiezkneipen- oder Waldschützern, Instagram vor linken Bloggern, Geheimdienste vor Antifaschisten? Oder eher andersherum? Die Tageszeitung junge Welt entlarvt jeden Tag die herrschenden Verhältnisse, benennt Profiteure und Unterlegene, macht Ursachen und Zusammenhänge verständlich.

Unverbindlich und kostenlos lässt sich die junge Welt drei Wochen lang (im europäischen Ausland zwei Wochen) probelesen. Abbestellen nicht nötig, das Probeabo endet automatisch.

Ähnliche:

  • 3.000 Soldaten aus 19 Staaten üben mit 27 Kriegsschiffen sowie 2...
    06.06.2020

    NATO schießt wieder

    »Baltops«: Nach coronabedingter Manöverpause startet die nächste Kriegsübung. Im Visier steht Russland
  • Die Reederei Møller-Mærsk setzt auf einen neuen Ozean-Schiene-Li...
    19.08.2019

    Dänische Seidenstraße

    Reederei A. P. Møller-Mærsk erschließt Handelsrouten nach Asien zu Land und Wasser. Konzern steigert Gewinn im zweiten Quartal
  • Die Bundeswehr rüstet auf. Mehr Panzer, mehr Kriegsschiffe, mehr...
    17.02.2018

    Fit für den Krieg

    Die NATO-Staaten rüsten kräftig auf, nicht zuletzt die Bundesrepublik – sie sieht sich als Führungsmacht. Der Feind steht im Osten und heißt Russland

Mehr aus: Kapital & Arbeit