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Aus: Ausgabe vom 06.04.2021, Seite 7 / Ausland
Neue Restriktionen

Durchhalteparolen in Paris

Coronapandemie in Frankreich: Präsident Macron verweigert jede Selbstkritik
Von Hansgeorg Hermann
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Im Fernsehen übertragene Ansprache des französischen Präsidenten Emmanuel Macron am vergangenen Mittwoch

»Mea culpa« sei seine Sache nicht, sagte Frankreichs Präsident Emmanuel Macron am vergangenen Mittwoch während seiner vielbeachteten Fernsehansprache an das Volk. Das in den unterschiedlichsten Medien des Landes, egal ob politisch links oder rechts angesiedelt, beklagte »Chaos« bei der Bekämpfung der vom Coronavirus verursachten Pandemie sei natürlich nicht seine Schuld und auch nicht die seiner Regierung. »Wir haben Fehler gemacht«, räumte er immerhin ein, »aber wir sind danach jedes Mal besser geworden.« Das Ergebnis dieser Politik der verweigerten Selbstkritik, die zu Beginn der Seuche selbst das Tragen von Schutzmasken als »unnötig« abkanzelte: Bis zum Ende des Monats werden erneut die Schulen geschlossen, das bereits bestehende Ausgehverbot wird auf den selben Zeitraum verlängert. Die Intensivstationen der Krankenhäuser melden Bettennotstand.

Dem am 25. März, fast 80jährig verstorbenen Regisseur Bertrand Tavernier war es nicht mehr vergönnt, den geplanten Film über diesen Staatschef zu machen, den er für eine »gute fiktive Persönlichkeit« hielt. Macron sei »jemand, der offenbar niemals begreifen wird, was das ist – die Welt der Arbeit, die Welt der täglichen Mühe; im Angesicht von Arbeitern scheint er vollkommen verloren zu sein, viel eher jedenfalls als im Angesicht von Aktionären.« Eine Parabel, die längst auch auf das Klinikpersonal übertragen werden könnte, das der Lenker einer durch und durch wirtschaftsliberalen Gesellschaftspolitik bis kurz vor dem Ausbruch der Pandemie für faul und viel zu zahlreich hielt.

Seinen neuen Politikansatz fasste er in der vergangenen Woche in dem Wort »Durchhalten« zusammen. »Wir haben bisher durchgehalten«, ließ er die Franzosen wissen. Das »Durchhalten« habe Macron während seines inzwischen siebten TV-Auftritts gepredigt »wie ein Mantra«, höhnte die Pariser Tageszeitung Libération am folgenden Tag. »Durchhalten, weil es in den nächsten drei Wochen zur Katastrophe in den Krankenhäusern kommen wird …« Der Präsident sehe »das Ende des Tunnels«, wo derzeit kein anderer irgendein Ende, geschweige denn Licht sehen könne.

Macron sieht vor allem den nächsten Wahltermin, wie es scheint. Der ist für den 13. und 20. Juni festgesetzt. Die Ergebnisse der Regionalwahlen werden nach allgemeiner Einschätzung vom staatlichen Umgang mit der Seuche stark beeinflusst sein. Ob der Sturm im Gesundheitswesen sich bis dahin gelegt haben wird und die Impfkampagne der Regierung, die sich in den vergangenen Wochen mit wilden Polizeieinsätzen gegen junge Demonstranten eher um den rechten politischen Rand als parteiübergreifende Virusbekämpfung kümmerte, Wirkung zeigen wird, scheint mehr als ungewiss. Macrons Versuch des »Einschränkens ohne einzuschränken« sei eine leidige politische Wahrheit, mit der sich die Bevölkerung seit mehr als einem Jahr konfrontiert sehe, bilanzierten Tagespresse und TV-Kommentatoren nach der Rede des Präsidenten nahezu einmütig.

Ein Virus »jenseits aller Kontrolle«, Hospitäler »am Rande des Zusammenbruchs«, mehr als 40.000 Neuinfektionen pro Tag – die Bilanz in Frankreich ist erschütternd, wie Sprecher des Pflegepersonals beklagen. Dabei hätten Ärzte, Schwestern und Pfleger seit einem Jahr »nicht aufgehört, die Regierung zu alarmieren«. Sinnbildlich für die Situation steht die Siebentageinzidenz in der Region Île-de-France mit Paris im Zentrum. Während der Wert für ganz Frankreich bei mehr als 400 liegt, meldete »Santé publique France«, die öffentliche Gesundheitsbehörde, für die Hauptstadtregion am Sonntag 680 Neuinfektionen je 100.000 Einwohner innerhalb der letzten sieben Tage.

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Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Sigrid Krings: Ohne Schwarzmalerei Wenn in obigem Artikel auch vieles richtig geschildert ist, so einfach stellt sich die Sache mit Herrn Macron und den Coronamaßnahmen nicht dar. Vorab gesagt, ich erlebe nun schon mehr oder weniger un...

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