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Aus: Ausgabe vom 06.04.2021, Seite 3 / Schwerpunkt
Rassismus in den USA

»Die Polizeiarbeit steht hier vor Gericht«

USA: Die Tötung von George Floyd entspricht Vorgehen von Einsatzkräften gegen Schwarze. Ein Gespräch mit Mel Reeves
Von Amy Goodman
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Mel Reeves spricht am 26. Juni 2020 bei einer Protestaktion anlässlich der Tötung von Breonna Taylor

Was dachten Sie, als Sie die Aussagen der Zeugen hörten und ihre Trauer erlebten?

Im Gegensatz zu der Art und Weise, wie die Verteidigung die Zeugen darzustellen versucht, zeigten sie echte menschliche Regungen. Sie waren Zeugen eines ungeheuerlichen Verbrechens und wollten etwas dagegen tun. Es ist beklagenswert, dass die Verteidigung versucht, sie als wildgewordenen Mob darzustellen.

Im Video sieht man, wie Officer Lane seine Waffe auf Floyd richtet, obwohl es nur um einen gefälschten Geldschein ging, und Floyd sagt: »Bitte töten Sie mich nicht.« Was bedeutet dieser enorme Druck, der von Anfang an herrschte?

Das war ein Mikrokosmos der US-Polizeiarbeit und wie sie vorgehen, sobald sie auf Schwarze treffen. Es ist logisch, dass Schwarze nervös werden, wenn ein Polizist seine Waffe auf sie richtet. Das ist auch logisch für Latinos und sogar für bestimmte Menschen aus der weißen Arbeiterklasse. Bei Prozessbeginn versuchten Verteidigung und Staatsanwaltschaft den Geschworenen und uns allen klarzumachen, dass es in diesem Prozess nicht um das System der Polizeiarbeit oder die Justiz oder die Politik geht. Aber nichts ist weiter von der Wahrheit entfernt als das. Es geht natürlich um Politik, und die Polizeiarbeit steht hier vor Gericht. Für jeden ist zu sehen, wie die Polizei vorgeht, wenn sie auf Schwarze trifft. Auch zufällig Umstehende behandeln sie wie Kriminelle. Die Verteidigung versucht zwar, George Floyd als Verrückten darzustellen, der auf Drogen war, aber das kommt so nicht rüber. Er wirkt wie jemand, der wie viele von uns einfach Angst vor der Polizei hatte. Warum denn auch nicht? Die Polizei hat Tausende Menschen getötet, nicht nur Schwarze. Sie misshandelt Leute.

Haben die Zeugen, die sogenannten Schaulustigen, nicht zu zurückhaltend reagiert?

Die Umstehenden haben sich wie Menschen verhalten. Sie sagen »zurückhaltend«, aber die hatten gar keine Wahl. Sie wurden sogar bedroht. Während Chauvin sein Knie auf Floyds Hals drückte, drohte er (dem Passanten und späteren Belastungszeugen, jW) Donald Williams tatsächlich mit seinem Pfefferspray. Die Menge hielt sich zurück, weil die Polizei sie dazu zwang. Die Zeugen waren zum Teil deshalb so aufgebracht, weil sie George Floyd nicht helfen konnten. Sie wussten, dass er Hilfe brauchte. Und das zeigt den Irrsinn der ganzen Polizeiarbeit.

Wenn eine Schwarze Person getötet wird, dann meldet die Polizei manchmal »NHI«, den Code für »No Human Involved« (»Kein Mensch beteiligt«, jW). Nach den Aufnahmen der Bodycams zu urteilen sah es für mich aber so aus, als wäre beim Umgang mit George Floyd »kein Mensch beteiligt« gewesen. Keiner der Polizisten zeigte irgendeine Art von Mitgefühl. Auch die drei Handlanger von Chauvin waren gleichgültig gegenüber Floyds Notlage. Es mag übertrieben klingen, aber es sah fast so aus, als wollten sie ihn umbringen. Auch Officer Alexander Kueng, der ein ziemlich großer Kerl ist, kniete auf Floyds Rücken. Das Video beweist damit klar, dass nicht nur Chauvin sein Knie auf Floyds Nacken drückte. Kueng nahm sein Knie erst weg, als die Sanitäter eintrafen. Und wenn man die Polizisten (im Video, jW) reden hört, sind sie nie wirklich besorgt. Als Floyd sagte: »Ich kann nicht atmen«, war die einzige Reaktion, dass einer zu ihm sagte: »Du kannst ja noch sprechen.« Die Notlage dieses Menschen ließ sie völlig kalt. Der Fall ist eine einzige Anklage gegen das US-Polizeisystem.

Das hier gekürzt veröffentlichte Gespräch führte Amy Goodman am 1. April für die US-Nachrichtensendung »Democracy Now!« mit Mel Reeves, Redakteur der Lokalzeitung Minnesota Spokesman-Recorder

Übersetzung: Jürgen Heiser

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