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Aus: Ausgabe vom 01.04.2021, Seite 11 / Feuilleton
Geschichte

Wie der Tango nach Buenos Aires kam

Vier Finnen, ein Bandoneon und der Tanz des Lebens
Von Ralf Höller
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War oft ziemlich tango: Der finnische Musiker Juho Unto Mononen (1967)

»El tango es un pensamiento triste que se baila.« Dieser Satz – übersetzt in etwa: Der Tango ist ein trauriger Gedanke, der getanzt wird – beschreibt eine Leidenschaft, die im ersten Viertel des 20. Jahrhunderts von Argentinien und Uruguay ausgehend ganz Südamerika und schließlich auch den Rest der Welt erfasste.

Von wem aber stammt er? Gibt man den Sinnspruch in Gänsefüßchen bei Google ein, erhält man als Autor Jorge Luis Borges. Der mag zwar einer der berühmtesten Schriftsteller Argentiniens sein, vielleicht auch der berühmteste – aber von ihm ist der Aphorismus nicht. Zumindest nicht im Original. Ersetzt man »pensamiento« durch »sentimiento«, also den Gedanken durch das Gefühl, erscheint als Zitatgeber Enrique Santos Discépolo. Der Dramaturg und Musiker hat in seinem Leben rund drei Dutzend Tangos komponiert, die meisten von ihnen sind Klassiker geworden. Die berühmte Aussage hat er ebenfalls getätigt – wenn auch nicht als erster.

Um den wahren Urheber zu ermitteln, bedarf es ein wenig Detektivarbeit, gepaart mit einer Portion Glück: Man muss sich des Finnischen behelfen. In der »Gedanken«-Variante ergibt sich der Satz: »Tango on surullinen ajattellin jota voidaan tanssia«; in der »Gefühl«-Version wird aus »ajattellin« ein »tunne«. Tatsächlich ist die korrekte Version viel kürzer: »Tango on elämä, jota voidaan tanssia.« Es fehlt das Adjektiv (in dem ostskandinavischen Land ist ohnehin viel zu vieles viel zu häufig traurig), und »elämä« heißt weder Gefühl noch Gedanke, sondern schlicht Leben: also das Leben, das getanzt wird. Oder der Tanz des Lebens: Das ist der Tango in Finnland, und nicht nur, wie in Südamerika, ein Gedanke oder Gefühl.

Teuflisch scharfer Cachaça

Das Eingangszitat stammt aus einem kürzlich wiederentdeckten, bislang nur auf Finnisch publizierten, recht schmalen Werk. Ins Deutsche übertragen würde der Titel lauten: »Wie ich den Tango nach Buenos Aires brachte«. Im Original heißt es: »Kuinka toin tangon Buenos Airesiin«. Der Verfasser der 1966 in Helsinki erschienenen Autobiographie ist Juho Unto Mononen, 1891 im damals finnischen, nach dem Zweiten Weltkrieg sowjetischen Muolaa geboren. ­Mononen stellt darin eine Behauptung auf, bei der jeder Südamerikaner lauthals protestieren würde: Der Tango sei ein finnischer Tanz. Und die Finnen hätten ihn in Argentinien eingeführt.

Mononen ging im karelischen Viipuri (heute: Wyborg) zur Schule. Anschließend absolvierte er die Navigationsakademie in Finnlands damaligem Überseehafen und nach Helsinki zweitgrößter Stadt mit dem Ziel, in die finnische Handelsmarine einzutreten. Gleich seine erste größere Fahrt als Kadett führte ihn nach Argentinien. Nachdem der Frachter »Sisu« im Hafen von Buenos Aires festgemacht hatte, unternahm ­Mononen gemeinsam mit drei weiteren Matrosen einen ausgedehnten Kneipenbummel. Gegen Ende des Abends betrat das bereits stark alkoholisierte Quartett eine Kaschemme, an deren Name Mononen sich Jahrzehnte nach dem Geschehen nicht mehr erinnern konnte.

In Mononens launiger Autobiographie heißt es dazu: »Während Reijo (Reijo Nevaviita, Mononens Kamerad, der später ein bekannter Kontrabassist wurde, d. A.) eine neue Runde teuflisch scharfen Cachaça-Rum bestellte, packte ich mein Instrument aus. Reijo, klar, hatte seins an Bord gelassen, ein solches Monstrum lässt sich ja nicht wie eine Meikkilauku (finnisch für Schminktasche, d. A.) herumtragen. Unterdessen versuchten Jari und Samu, den einzigen freien Platz in Beschlag zu nehmen. Sie scheiterten bereits auf dem Weg dorthin, so betrunken waren sie. Ich versuchte die Situation zu entspannen. Mein Bandoneon beherrschte ich damals schon recht gut, andererseits ist dieses Instrument mit seinen 144 Knöpfen sehr schwer zu spielen – besonders, wenn man schon 44 Cachaças intus hat.«

Mononen tat sein Bestes. Schon nach wenigen Minuten lauschte die komplette Gästeschar den tieftraurigen Weisen, die der Mann vom Polarkreis, umringt von seinen Kumpanen, seiner Quetschkommode entrang. Jari und Samu, die sich nur mühsam auf den Beinen halten konnten, mussten sich immer wieder gegenseitig stützen. Die übrigen Gäste glaubten, die Seeleute mit den flachsblonden Haaren führten einen exotischen Tanz vor. Mit seinen begrenzten Sprachkenntnissen versuchte Nevaviita, »noch der Nüchternste von uns allen«, die »slapstickartigen Bewegungen zu erklären: ›Wir sind alle reichlich tango‹, brachte er entschuldigend hervor, einen alten karelischen Ausdruck für einen Zustand verwendend, in den man sich erst mühevoll hineintrinken muss.«

Reichlich »tango«

Der Abend kam zu einem guten Ende und das Quartett wohlbehalten auf die »Sisu« zurück. Monate später, längst wieder in der Heimat, stieß Mononen in Kareliens größter Tageszeitung Viipuri Sanomat auf einen Beitrag über einen neuen Tanz aus Südamerika: Der Tango war geboren, und Mononen und seine Matrosenkumpel, wie ihrem Anführer zu schwanen begann, »daran nicht ganz unschuldig«. Mononen hatte sogar sein Instrument gegen eine Gitarre eingetauscht, ein Instrument, auf dem er es später zu ähnlicher Meisterschaft bringen sollte wie die filigranen argentinischen Erben seines Bandoneons.

Mononen machte als Tangogitarrist, Bandoneonspieler und Bandleader Karriere und wurde über sein heimatliches Karelien hinaus in ganz Finnland bekannt. Der Regisseur Aki Kaurismäki setzte ihm ein filmisches Denkmal, als er für den finnischen Teil des Soundtracks seines preisgekrönten Dramas »Ariel« ausschließlich Mononen-Lieder verwendete. Mauri Antero Numminen, der sich mit der Vertonung von Wittgensteins Werken einen Namen gemacht hat und aus Mononens langjährigem südfinnischen Wohnort Somero stammt, spielte eine Zeitlang Schlagzeug in Mononens Combo. Der Bandleader verfasste sogar ein Lied für Numminen, »Naiseni kanssa eduskuntatalon puistossa«, auf deutsch: »Mit meiner Frau im Parlamentspark«.

Auch in Buenos Aires ist Mononens Name bis heute ein Begriff. Im Museo Nacional de la Inmigración prangt ein riesiges Bild von Besatzungsmitgliedern der »Sisu«, auf dem Mononen und Nevaviita gut zu erkennen sind. Auch die Einreisedokumente der Hafenbehörde, mit denen die vier finnischen Matrosen an Land gingen, werden in einer Vitrine dort aufbewahrt. Datiert sind sie vom 1. April 1911, dem Tag, an dem der Tango Einzug in Buenos Aires hielt.

Juho Unto Mononen starb am 28. Juni 1968 in Somero. Sein Ende entsprach so gar nicht seiner erfolgreichen Vita. Gezeichnet von einem Leben nie ganz ohne Alkohol, erschoss sich Mononen mit einer alten Armeepistole. Ob aus Versehen oder Absicht, wurde nie geklärt. Geblieben sind Mononens Lieder und seine Musik.

Vielleicht findet sich noch ein ganz besonderer Platz für ihn: Bereits zu seinem 50. Todestag hatte die ­Wyborger Stadtverwaltung die Eröffnung eines Mononen-Museums geplant. »Es sind Verzögerungen eingetreten«, räumte Bürgermeister Gennadi Orlow kürzlich in einer extra angesetzten Pressekonferenz ein und machte die seit über einem Jahr anhaltende Coronakrise dafür verantwortlich. Doch Orlow versprach auch: »Bis zum 23. Oktober wird alles fertig sein. Darauf gebe ich Ihnen mein Wort!« Das wäre passend zu Mononens 130. Geburtstag.

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