Gegründet 1947 Dienstag, 13. April 2021, Nr. 85
Die junge Welt wird von 2500 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 01.04.2021, Seite 8 / Ansichten

Not lehrt bitten

Merkel an »Sputnik V« interessiert
Von Reinhard Lauterbach
Virus_Outbreak_Slova_68812554.jpg

Ende 1916 hielt Pawel Miljukow, Fraktionsvorsitzender der russischen »Kadetten«-Partei, eine berühmt gewordene ­Rede in der Staatsduma. In ungefähr zehn Punkten fasste er die Niederlagen, Fehlschläge, Affären und Skandale zusammen, die sich das zaristische Russland in zwei Jahren Weltkrieg geleistet hatte. Am Ende jedes Absatzes kam der suggestive Satz: »Ist das noch Dummheit, oder ist es schon Verrat?«

Schaut man auf das Schauspiel, das die Bundesregierung im Zusammenhang mit der Pandemiebekämpfung bietet, drängt sich die Erinnerung an diese Rede auf. Den vorläufigen Gipfel bilden die widersprüchlichen Empfehlungen der sogenannten Impfkommission zum Gebrauch des Vakzins von Astra-Zeneca. Erst sollten alle, dann nur Jüngere, neuerdings nur Ältere damit behandelt werden, wahlweise alle, die sich »trauen« (Markus Söder). Das legt zwei Vermutungen nahe, von denen sich die Herrschenden aussuchen können, welche für sie verheerender ist – sie schließen sich übrigens gegenseitig nicht aus. Die eine, dass die Impfkommission ein Gremium ist, das seine Gutachten auf Bestellung und nach Tageslage schreibt, aktuell wahrscheinlich mit dem Ziel zu verhindern, dass die teuer eingekauften Impfdosen von Astra-Zeneca keine Impfwilligen finden und das viele Geld für die Katz war. Und zweitens, dass die Europäische Arzneimittelagentur (EMA) mit dem Astra-Zeneca-Vakzin genau das gemacht hat, was der gesammelte medizinpolitische Sachverstand des Westens Russland im Zusammenhang mit der Markteinführung seines »Sputnik V« vorgeworfen hat: ein unzureichend getestetes Präparat auf die Menschheit loszulassen. Man gewinnt den Eindruck, dass wir mit Astra-Zeneca im Moment noch mitten in der dritten Phase der klinischen Prüfung stecken.

In dieser Situation kam es am Dienstag zu einer Videokonferenz zwischen Angela Merkel, Emmanuel Macron und Wladimir Putin. Nach Berichten russischer Medien wurde dabei auch über Möglichkeiten der Lieferung des russischen Coronaimpfstoffs in die EU gesprochen. Merkel habe geäußert, wenn die EMA das russische Vakzin nicht oder zu spät zulasse, werde Deutschland das Mittel im nationalen Alleingang bestellen. Eine Bestätigung aus westlicher Quelle gibt es dafür einstweilen nicht – kein Wunder. Denn das wäre genau das, was das offizielle Berlin Ungarn und der Slowakei immer vorgeworfen hat: aus der »europäischen Solidarität« auszuscheren.

Die Miljukow-Rede mit ihrem berühmten Refrain war historisch die Aufkündigung der Gefolgschaft gegenüber der Zarenmonarchie von seiten der russischen Bourgeoisie. In Deutschland weiß man, welche Folgen es hat, wenn die herrschende Klasse samt einem Großteil der Gesellschaft dem parlamentarischen System die Gefolgschaft aufkündigt. Im Vergleich zu dieser Gefahr könnte es auch aus Sicht von Angela Merkel das kleinere Risiko sein, sich von einer Seite helfen zu lassen, der sie ansonsten alles Böse der Welt unterstellt.

Wer fürchtet sich eigentlich vor wem?

Polizei vor Kiezkneipen- oder Waldschützern, Instagram vor linken Bloggern, Geheimdienste vor Antifaschisten? Oder eher andersherum? Die Tageszeitung junge Welt entlarvt jeden Tag die herrschenden Verhältnisse, benennt Profiteure und Unterlegene, macht Ursachen und Zusammenhänge verständlich.

Unverbindlich und kostenlos lässt sich die junge Welt drei Wochen lang (im europäischen Ausland zwei Wochen) probelesen. Abbestellen nicht nötig, das Probeabo endet automatisch.

Debatte

  • Beitrag von Torsten Andreas S. aus B. ( 1. April 2021 um 05:30 Uhr)
    Ich bin davon überzeugt, dass Frau Merkel seit mehreren Monaten kein Problem damit hat, auch »Sputnik W« in das nationale Impfprogramm aufzunehmen (spannend ist die Frage, warum vorher andere Impfstoffe anerkannt wurden), weil bereits seit Dezember 2020 auch die deutschen Forschungsinstitute über dieses Mittel schon mehrmals positive Bewertungen abgegeben hatten.

    Was die Wirksamkeit der Corona-Schutzimpfungen angeht, haben wir insgesamt vor allem positive Rückmeldungen erhalten. Es lässt sich natürlich nicht ausschließen, dass Nebenwirkungen und Spätfolgen auftreten werden. Damit will ich auf die falsche Darstellung hinweisen, dass ausschließlich auf die Todesfolgen von Coronaimpfungen hingewiesen worden ist, denn bisher wurden wir über Spätfolgen nicht informiert – das scheint mir ein entscheidender Makel zu sein.

    Insgesamt wird die Differenz von Möglichkeit und Wahrscheinlichkeit ausgeblendet: Für jeden einzelnen Fall gilt eben nicht die Wahrscheinlichkeit, sondern der positive oder negative mögliche Ausgang. Darum halten wir es für angesagt, die Kitas und Schulen zu schließen.
  • Beitrag von Hagen R. aus R. ( 1. April 2021 um 10:49 Uhr)
    Bei Astra-Zeneca doch bitte bei der Wahrheit bleiben: Die möglichen schweren Nebenwirkungen sind so selten (in D bei 1/100.000, tödlicher Ausgang bei 1/300.000 Geimpften), dass man sie in den üblichen Phase-3-Studien mit einigen zehntausend Teilnehmern gar nicht finden konnte. Es ist also keineswegs so, dass wir »noch mitten in der dritten Phase der klinischen Prüfung stecken«.

    Nun, wo man die Risiken dank des Monitorings doch erkannt hat, ist es doch nur vernünftig, die Präparate so zwischen den Altersgruppen umzuverteilen, dass sie vermieden werden. Hätte man keine Alternative, müsste man trotz des Risikos weiterimpfen, da die Impfung auch bei 30jährigen immer noch 30mal seltener tödlich ist als die Infektion.
    • Beitrag von Torsten Andreas S. aus B. ( 2. April 2021 um 00:45 Uhr)
      Wir reden von zwölf Millionen Kindern und Jugendlichen in der BRD. Es wird keine Schutzimpfung geben, die vom Säugling bis zum Teenie passt, ehe nicht Langzeitstudien die verschiedenen ausgewiesenen Bedarfe analysiert haben. Damit ist gemeint: Eine Schutzimpfung ist erst dann am Start, wenn nach intensiven Studien zum Schluss gekommen werden kann, dass sie wirksam ist und nicht nebenbei – gerade bei unseren Kindern – Schaden anrichtet. Dass gestern oder heute eine Impfung für unsere Kinder auf den Markt kommt, klingt vollkommen unsinnig. Denn wie sollen diese Tests verifiziert, geprüft und manifestiert sein? Auf die Schnelle?

      Nochmals: Alle Kitas und Schulen müssen geschlossen werden, bis es einen Impfstoff für die Kinder und Jugendlichen gibt. Ganz zu schweigen davon, dass auch alle Lehrerinnen und Lehrer in Gefahr sind, auch die vielen Servicekräfte in den Küchen und bei der Reinigung usw.

      Nehmen wir die Tatsache zur Kenntnis: Wir erleben eine Pandemie.

Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Hellmuth Kaiser, Nürnberg: Zu beschönigend Herr Lauterbach schreibt in bezug auf das Astra-Zeneca-Vakzin: »ein unzureichend getestetes Präparat auf die Menschheit loszulassen …« Und: »Man gewinnt den Eindruck, dass wir mit Astra-Zeneca noch mi...
  • Martin Verges: Nach der Revolution Vielen Dank für Ihren Artikel über »Sputnik V«. Im letzten Abschnitt ist allerdings ein klitzekleiner Fehler: 1916 gehörte Miljukow in Russland nicht zur herrschenden Klasse, sondern das waren damals ...

Regio:

Mehr aus: Ansichten