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Aus: Ausgabe vom 31.03.2021, Seite 8 / Inland
Arbeitskampf bei Amazon

»Es ist ein Kampf von David gegen Goliath«

Streiks bei Amazon: Onlineriese will Gewerkschaften außen vor lassen. Gespräch mit Mechthild Middeke
Interview: Gitta Düperthal
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Zum Kampf entschlossen: Organisierte Amazon-Beschäftigte am Montag vor einer Niederlassung in Leipzig

An vier Tagen vor Ostern legen die Beschäftigten im nordrhein-westfälischen Rheinberg und Werne, im rheinland-pfälzischen Koblenz und in Leipzig sowie an zwei Standorten im hessischen Bad Hersfeld die Arbeit beim Onlineriesen Amazon nieder. Was fordern Sie?

Wir fordern generell die Anerkennung des Tarifvertrages des Einzel- und Versandhandels, haben klare Vorstellungen, wie ein Gesundheitstarifvertrag aussehen sollte. Bearbeitungszeiten für Bestellungen werden immer enger getaktet. Coronagerechtes Arbeiten unter Einhaltung von Abstandsregeln und Hygienevorschriften fällt hinten runter. Aktuell ist die Bezahlung im Vordergrund, weil Tarifrunden in Hessen und anderen Bundesländern begonnen haben.

Weshalb bewegt sich da nichts?

Man hat bei Amazon eine grundsätzliche, beinahe schon ideologische Haltung gegenüber Gewerkschaften: Sie wollen nicht mit Gewerkschaften verhandeln. Was sie regeln wollen, ginge nur auf der betrieblichen Ebene mit Betriebsräten. Im Grunde wollen sie allein bestimmen, was Bezahlung und Arbeitsbedingungen ihrer Beschäftigten betrifft. In Bad Hersfeld wird im achten Jahr für die Anerkennung des Tarifvertrags gestreikt.

Amazon erklärt, Beschäftigte profitierten »von exzellenten Löhnen, Zusatzleistungen und Karrierechancen«. Wie kann der Konzern das behaupten, wenn der Tarifvertrag nicht eingehalten wird?

Nach dem hessischen Tarifvertrag für Lagerarbeiter und Kommissionierer wird ein Euro mehr bezahlt. Bei einer 37,5-Stunden-Woche sind das circa 163 Euro, die Mitarbeiter im Vergleich zum Tarifvertrag weniger erhalten. Tarifliche Leistungen wie Urlaubs- und Weihnachtsgeld sind festgeschrieben, die jeweils zwischen 1.200 und 1.300 Euro liegen, und Regelungen, die eine besondere Freistellung sowie spezielle Zuschläge beinhalten. Amazon gibt sich als Vorreiter. Bei Arbeitsbedingungen macht der Konzern vor, wie moderne Fließbandarbeit funktioniert: Fordismus, die weitestgehende Rationalisierung und Standardisierung der Produktion.

Es war zu hören, dass gewerkschaftlich engagierte Beschäftigte drangsaliert werden.

Das läuft subtil. Amazon sagt: Jeder hat das Streikrecht, gleichzeitig habe auch jeder das Recht, nicht zu streiken. Uns wurde berichtet, dass Beschäftigte, die davon Gebrauch machen, für stupidere Arbeiten eingeteilt würden. Für andere Tätigkeiten könne man sie nicht einteilen, weil man nicht wisse, ob sie auch zur Verfügung stünden, heiße es. Wenn sich jemand um eine neue Aufgabe bemüht, eine andere Schicht haben will, könnten Steine in den Weg gelegt werden.

Zudem ist die Klage zu vernehmen, die Mitarbeiter würden insgesamt wenig Wertschätzung erfahren – inwiefern?

Amazon gilt der Wille des Kunden als oberstes Gebot. Wie es den Beschäftigten geht, spiele kaum eine Rolle, heißt es. Viele fühlen sich als Anhängsel von Technik behandelt. In den Robotik-Abteilungen wird das offensichtlich: Roboter bestimmen die Arbeitsbedingungen.

Ein Amazon-Sprecher erklärte, die Proteste zeigten keine Auswirkungen auf Auslieferungen. In Logistikzentren arbeiteten mehr als 90 Prozent der Mitarbeiter ganz normal. Ist das so?

Von bundesweit 14 Logistikzentren wird in sechs gestreikt. Dort stehen nicht alle Räder still. In Bad Hersfeld streiken ungefähr 600 von 3.300 Mitarbeitern. Dass es sich nicht auf die Auslieferungen auswirkt, lässt sich Amazon einiges kosten. Man hat dort Erfahrungen gesammelt. Mit Weihnachten und Ostern kommen jedes Jahr wieder Streiks: Amazon hat in Sachen Technik expandiert; Filialen in Tschechien und Polen können für den deutschen Markt eingesetzt werden. Die Arbeit kann auf andere Verteilzentren umgelagert werden. Es ist ein Kampf von David gegen Goliath. Trotzdem ist der Arbeitskampf für die Belegschaften entscheidend, um sich zu behaupten.

Was ist das Ziel?

Amazon wird es nicht gelingen, Gewerkschaften außen vor zu lassen. Das Unternehmen macht übrigens international ähnliche Erfahrungen: Ob in Italien oder Alabama, nirgendwo wird das akzeptiert.

Mechthild Middeke ist Gewerkschaftssekretärin für den Fachbereich Handel bei Verdi in Hessen

Wer hat Angst vor wem?

Diejenigen, die sich nicht scheuen, gegen Faschismus, Rassismus, Krieg und Ausbeutung einzutreten? Die dafür mit Verfolgung und Repression rechnen müssen? Oder diejenigen, die Verfassung und die herrschenden Verhältnisse »schützen«?

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Dieser Artikel gehört zu folgenden Dossiers:

Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Uri N.: Pinkeln In den USA schlagen folgende Arbeitsbedingungen bei Amazon hohe Wellen: Auslieferungsfahrer pinkeln in Flaschen, damit sie ihr Pensum schaffen. Es gibt eine Anweisung des Konzerns, die Flaschen nach S...
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