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Aus: Ausgabe vom 31.03.2021, Seite 5 / Inland
Serie »Unsere Armut – ihre Profite«

Boom am Bau

Serie. Unsere Armut – ihre Profite. Teil 4: Branche erzielt Rekordumsätze. Beschäftigte drängeln sich durch Pandemie. Sinkende Löhne befördern Schwarzarbeit
Von Bernd Müller
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Fehlende Kontrolle: An jedem dritten Tag stirbt ein Bauarbeiter

Die Coronapandemie hat der Baubranche bislang nur wenig anhaben können. Das Jahr 2020 startete für sie mit gefüllten Auftragsbüchern – und endete mit einem Rekordumsatz: Im Vergleich zum Vorjahr steigerten die Betriebe ihren Umsatz um 6,6 Prozent. Oder in Zahlen: acht Milliarden Euro. Das zurückliegende Jahr war für die Baubranche das achte Wachstumsjahr in Folge.

In den einzelnen Sparten entwickelte sich die Auftragslage sehr unterschiedlich. Der Wohnungsbau konnte ein Plus von 7,6 Prozent verzeichnen. Das Absenken der Mehrwertsteuer wirkte hier wie ein Konjunkturpaket: Zahlreiche Bauvorhaben wurden vorgezogen. Der gewerbliche Bau konnte dagegen nicht an das Vorjahresniveau anknüpfen und verzeichnete ein Minus von 4,8 Prozent.

Für die Beschäftigten am Bau bot das zurückliegende Jahr dagegen einen traurigen Rekord: Die Zahl der tödlichen Unfälle auf den Baustellen stieg um fast 40 Prozent an. Im Durchschnitt gab es an jedem dritten Tag einen Todesfall; insgesamt waren es 97. Es traf vor allem die Arbeiter von kleinen Betrieben mit weniger als zehn Beschäftigten. Die Gesamtzahl der Arbeitsunfälle blieb mit 104.000 auf einem hohen Niveau.

Damit Vorschriften für den Arbeitsschutz eingehalten werden, fordert die Gewerkschaft Bauen, Agrar, Umwelt (IG BAU) mehr staatliche Kontrollen auf den Baustellen. In Deutschland kommen auf einen Aufsichtsbeamten etwa 26.000 Beschäftigte, kritisiert die Gewerkschaft. Dagegen empfiehlt die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) eine Quote von eins zu 10.000.

Die Gewerkschaft führte im zurückliegenden Jahr auch selbst Arbeitsschutzkontrollen durch. So hatte sie im Sommer festgestellt, dass viele Bauunternehmen die Infektionsgefahr für die Arbeiter ignorierten. »Sammeltransporte zu Baustellen im Bulli sind in vielen Firmen wieder an der Tagesordnung«, hatte die IG BAU im August erklärt. Genauso drängten sich die Arbeiter in den Pausen in engen Bauwagen zusammen. Oft hätten die Beschäftigten nicht einmal die Möglichkeit, sich am Waschbecken mit fließendem Wasser und Seife die Hände zu waschen.

Anders sieht es auf der Baustelle des US-Autobauers Tesla in Grünheide aus. Dort wird den Berichten zufolge peinlich genau darauf geachtet, dass die Coronaregeln eingehalten werden. Es würde verwundern, wenn Tesla sein Herz für die Gesundheit der Arbeiter entdeckt hätte; bei dem peinlich genauen Beachten der Hygienebestimmungenn geht es dem Konzern eher um das Erreichen seiner strategischen Ziele: Für den Bau gibt es einen enggestrickten Zeitplan, denn im Sommer sollen die ersten Elektroautos vom Band rollen. Die Pandemie darf deshalb bei den beteiligten Baufirmen keine Verzögerung verursachen. Eigens dafür soll sogar ein eigenes Testzentrum auf der Baustelle errichtet worden sein.

Gleiches – vielleicht nicht ganz mit demselben Aufwand betrieben – schwebt auch dem Branchenverband ZDB vor. Wenn relevante Hygiene- und Sicherheitsmaßnahmen eingehalten werden, könne weitergebaut werden, hatte der Zentralverband des Deutschen Baugewerbes im Januar erklärt. Die IG BAU unterstützt und macht sich stark für regelmäßige Coronatests, Fiebermessungen, die Einrichtung von Kranken- und Isolierzimmern auf Montagebaustellen.

Neben den Arbeitsschutzkontrolleuren haben auch die Beamten des Zolls im letzten Jahr weniger Baustellen aufgesucht als zuvor. Die IG BAU erklärt das damit, dass die Beamten in der Pandemie mehr im Homeoffice arbeiten und verstärkt nach Aktenlage ermitteln. Die Finanzkontrolle Schwarzarbeit hatte bis Ende Oktober knapp 38.000 Betriebe kontrolliert, ob sie Mindestlöhne zahlen oder ob es zu Schwarzarbeit auf den Baustellen kommt. Das seien 16 Prozent weniger Kontrollen gewesen als im Vorjahreszeitraum, erklärte die Gewerkschaft. Sie warnte: »Firmen, die Löhne prellen oder Steuern hinterziehen, dürfen keine Profiteure der Krise sein.« Aber: Durch Kurzarbeit seien Einkommen gesunken, und die Arbeiter hätten mehr Zeit – das würde auch bei ihnen den Anreiz verstärken, sich am Fiskus vorbei etwas hinzuzuverdienen. Handwerksunternehmen würden das für sich ausnutzen.

Lesen Sie am Donnerstag Teil 5: ­Rider im Gegenwind. Lieferdienste drängeln durch die Innenstädte

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In der Serie Unsere Armut – ihre Profite:

Coronapandemie führt zur größten Wirtschaftskrise nach dem Zweiten Weltkrieg. Millionen Beschäftigte in Deutschland müssen Lohneinbußen hinnehmen oder wurden arbeitslos. Gleichzeitig hat der Dax an der Frankfurter Börse ein neues Allzeithoch erreicht.

Dieser Artikel gehört zu folgenden Dossiers:

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