1.000 Abos für die Pressefreiheit!
Gegründet 1947 Sa. / So., 15. / 16. Mai 2021, Nr. 111
Die junge Welt wird von 2519 GenossInnen herausgegeben
1.000 Abos für die Pressefreiheit! 1.000 Abos für die Pressefreiheit!
1.000 Abos für die Pressefreiheit!
Aus: Ausgabe vom 30.03.2021, Seite 5 / Inland
Serie »Unsere Armut – ihre Profite«

»Bisherige Angebote eine Zumutung«

Unternehmer wollen Beschäftigte in der Autoindustrie abspeisen. Ein Gespräch mit Mark Seeger
Von Interview: Simon Zeise
imago0115963769h.jpg
Die VW-Arbeiter machen in der laufenden Tarifrunde Druck

Standortverlagerungen, Massenentlassung, Lohneinbußen. Wie nehmen Sie die Stimmung in den Belegschaften der Autoindustrie war?

Die wirtschaftliche Situation in der Automobil und -zulieferindustrie ist differenziert. Da gibt es Zulieferer, die nicht erst seit der Pandemie unter starkem Anpassungsdruck stehen, und gleichzeitig Unternehmen, die den Umbruch in der Automobilindustrie besser bewältigen. Klar ist aber, dass die Beschäftigten durchaus mit Unsicherheit in die Zukunft blicken. Bei Volkswagen hat die IG Metall schon nach Bekanntwerden des Dieselskandals einen umfassenden Zukunftspakt mit dem Unternehmen geschlossen, der verbindliche Standort-, Produkt- und Beschäftigungszusagen enthält. Damit wurde frühzeitig ein nachhaltiger Umbauprozess vor allem hin zur E-Mobilität eingeleitet. Dieser Prozess ist keineswegs abgeschlossen und wird durch uns kritisch begleitet. Bislang ist es so gelungen, Beschäftigung und Einkommen zu sichern. Die IG Metall und die Betriebsräte begleiten die Veränderungen in der Branche und versuchen nicht zuletzt auch in dieser Tarifrunde, Lösungen für die Herausforderungen zu finden. Gerade bei Volkswagen versuchen wir, die Unternehmensstrategie mit eigenen Positionen mitzugestalten.

Im Zuge der Coronapandemie müssen die Beschäftigten große Einschnitte hinnehmen. Die Autokonzerne erzielten hohe Gewinne. Wie passt das zusammen?

Im Vergleich zu den Jahren vor der Coronakrise verzeichnen nahezu alle Automobilhersteller drastische Gewinneinbrüche. Für die Beschäftigten haben wir Dank unserer starken Mitbestimmung Einschnitte weitgehend in Grenzen halten können, Beispiel Aufstockung zum Kurzarbeitergeld. Bei Volkswagen werden die Entgelte bei Kurzarbeit auf 100 Prozent aufgestockt, so dass niemand etwas verliert. Strenge Coronaauflagen, mobiles Arbeiten für möglichst viele Kollegen und die Gewährung von Freistellungen zur Vereinbarkeit sind nur einige Regelungen, die wir zur Krisenbewältigung auf den Weg gebracht haben. Mit unserer Tarifforderung orientieren wir uns an dem, was wirtschaftlich gut zu begründen ist und den Bedürfnissen der Beschäftigten entspricht, wie zum Beispiel Einkommenserhöhungen als eine faire Beteiligung am Erfolg des Unternehmens und mehr Möglichkeiten, Arbeit, Freizeit und Familie in Einklang zu bringen.

In der Tarifauseinandersetzung in der Metall- und Elektroindustrie
will die Unternehmerseite kaum Zugeständnisse machen. Wie bewerten Sie das bisherige Angebot?

Volkswagen hat bisher etwas vorgelegt, was die Bezeichnung Angebot gar nicht verdient. Deshalb machen wir weiter Druck. Ob in der Metall- und Elektroindustrie durch die zahlreichen Warnstreiks Bewegung in die Verhandlungen gekommen ist, wird sich zeigen. Die bisherigen Angebote waren eine Zumutung.


Der Verbrennermotor ist ein Auslaufmodell. Bietet der Umbau der Autoindustrie Chancen für Gewerkschaften?

Strukturwandel oder Transformation sind schon immer Teil gewerkschaftlicher Arbeit gewesen. Zahlreiche Beispiele der Vergangenheit wie z. B. das Ende des Bergbaus, Branchen wie Werften oder Unterhaltungselektronik gehören auch dazu. Die IG Metall und die Interessenvertretung gestalten Wandel im Interesse der Beschäftigten mit. Die Chancen für uns hängen dabei ganz wesentlich von unserer Durchsetzungsstärke und der strategischen Beweglichkeit ab, mit der wir diese Prozesse begleiten bzw. uns auf sie einlassen. Der schrittweise Übergang vom Verbrennerantrieb hin zur E-Mobilität und die Digitalisierung von Produkt und Produktion sind derzeit die großen Herausforderungen. Wir wollen, dass niemand in diesem Veränderungsprozess auf der Strecke bleibt.

Das sind harte Bretter zu bohren, Arbeitsplätze sichern und Beschäftigte qualifizieren. Wir fordern aber zugleich auch Antworten auf die zukünftigen Herausforderungen der Automobilproduktion. So war es zum Beispiel die Arbeitnehmerseite bei Volkswagen, die das Unternehmen immer wieder gedrängt hat, in den Aufbau einer eigenen Kompetenz für Batteriezellen zu investieren, am Ende erfolgreich.

Mark Seeger ist Vertrauenskörperleiter der IG Metall und Betriebsrat bei Volkswagen in Braunschweig

1.000 Abos jetzt

Die Bundesregierung sagt: der Tageszeitung junge Welt sei mit geheimdienstlichen Mitteln der »Nährboden zu entziehen«. Wirtschaftlich und wettbewerbsrechtlich negative Folgen durch die Nennung der Zeitung im Verfassungsschutzbericht seien sogar beabsichtigt.

Unsere Antwort darauf kann nur sein, dass sie mit diesem grundgesetzwidrigen Eingriff in die Presse- und Meinungsfreiheit genau das Gegenteil erreichen! Deshalb fordern wir alle Freunde, Leserinnen und Leser, Unterstützer, Autoren und Genossenschaftsmitglieder auf: Tun wir alles, um den »Nährboden« der jungen Welt zu stärken – jetzt erst recht!

In der Serie Unsere Armut – ihre Profite:

Coronapandemie führt zur größten Wirtschaftskrise nach dem Zweiten Weltkrieg. Millionen Beschäftigte in Deutschland müssen Lohneinbußen hinnehmen oder wurden arbeitslos. Gleichzeitig hat der Dax an der Frankfurter Börse ein neues Allzeithoch erreicht.

Ähnliche:

  • Boom trotz Überproduktion: Jährlich werden 70 Millionen Autos in...
    30.03.2021

    Mit Vollgas durch die Krise

    Serie. Unsere Armut – ihre Profite. Teil 3: Autokonzerne setzen Massenentlassung durch und zahlen üppige Dividenden aus. Staat subventioniert Gewinne
  • IG Metall kämpft um Erhalt der Arbeitsplätze: Produktionshalle d...
    08.10.2018

    Jobs »mutwillig« gefährdet

    IG Metall drängt auf Verkauf der Neue Halberg-Guss GmbH und wirft den Chefs des Autozulieferers unverantwortliches Handeln vor