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Aus: Ausgabe vom 03.04.2021, Seite 6 (Beilage) / Wochenendbeilage

Späte Rache

Und andere Erinnerungen
Von Wiglaf Droste
Finn Möhle.jpg

Die folgenden Texte sind dem Band »Chaos, Glück und Höllenfahrten« mit autobiographischen Texten von Wiglaf Droste entnommen, der dieser Tage in der Edition Tiamat erscheint. Wir danken dem Verlag für die freundliche Genehmigung. (jW)

The Köln Concert

Einmal, ein einziges Mal nur in diesem Leben, schrieb ich einen Text aus persönlich motivierter Rachsucht, und Grund zur Rache hatte ich, Grund zur Rache an Keith Jarrett. Nicht an Jarrett als Person allerdings, sondern an einem seiner Werke: an der 1976 erschienenen Doppel-LP »The Köln Concert«. Dieser in Schwarz-Grau-Weiß gehaltene Tonträger, auf dem Cover einen schwer auf innerlich gestrickten Mann zeigend, hatte schlimme Auswirkungen.

Fünfzehn war ich, als »The Köln Concert« erschien, und verfügte und gebot über einen sog. Freundeskreis; ein Wort, das beinahe wie Bibelkreis klingt, und in genau einen solchen verwandelte sich dieser Freundeskreis eben auch schlagartig, nachdem jenes Werk ihn erreichte, infizierte und durchdrang.

Zuvor war man, fünfzehnjährig, wie man vor sich hin dölmerte, ein den Dingen des Lebens durchaus zugetaner junger Mensch, ja Jugendlicher gewesen. Auf Flokatis hatte man, so war es 1976 Pflicht, herumgelegen; unter jenen hirtenhundartigen Teppichen, von Müttern als »Staubfänger!« gefürchtet und verständnislos gehasst, befanden sich gern einige möglichst silberfischverseuchte blauweiße Matratzen vom Sperrmüll. Räucherkerzen glommen und müffelten vor sich hin, Sandelholz, Patschuli und was sonst noch streng roch. Unbedingt erforderlich war auch ein braunes, getöpfertes Teeservice mit natürlich henkellosen Tässchen und einem Stövchen, auf dem eine Kanne mit aromatisiertem Tee, oft leider sogar in der Geschmacksrichtung bzw. wohl eher Geschmacksverirrung Vanille, zu stehen hatte, um die herumgruppiert man auf eben jenem Flokati möglichst cool, freakig und lässig herumlag; die als etwas spießiger empfundene Variante zum weißen Webfellteppich war die – von Mutter oder Omma – gehäkelte Patchworkdecke, die dann als, auch ein schönes Wort, sog. »Tagesdecke« auf dem Bett des »Jugendzimmers« ausgebreitet lag.

In diesen in stundenlanger Kleinarbeit auf locker und unaufgeräumt getrimmten Kemenaten also lungerte man herum; einmal hatte man sich sogar für zwanzig Mark vom Bahnhof auch etwas ganz besonders Schönes mitgebracht: ein kleines Päckchen oder Tütchen, und als man es zu Hause öffnete, durfte man feststellen, dass zwei Gramm Currypulver recht teuer sein können. Selbstverständlich sah, wusste und roch man, was man sich da hatte andrehen lassen als grüner Junge; nichtsdestotrotz krümelte man sich tapfer das Currypulver in die Zigarette. Bedeutungsvoll zündete man sie an und inhalierte tief; nach sekundenlanger schwerer Stille ächzte man »O Alter

… günstig«, und gab den angeblichen Joint dann weiter an die anderen, die jetzt ihrerseits in Zugzwang kamen; zwar wussten auch sie ganz genau, was die Zigarette enthielt bzw. eben nicht enthielt, mochten sich aber keine Blöße geben – nein, wenn der stoned war, dann waren sie es schon lange, und so lagen am Ende eben alle auf dem Kreuz als eine Art Leistungskurs Buddhismus, die Augen geschlossen und vor lauter Autosuggestion schon selbst glaubend, dass sie den Adler kreisen sähen.

Aber auch andere Dinge tat man; z. B. hatte ich mit fünfzehn ein Mofa der Marke Rixe, Modell »High Sport«, das ich natürlich »spitzgemacht« hatte, wie das hieß: anderes Ritzel drauf, kleinere Vergaserdüse und einen Klasse-5-Krümmer drunter; einmal wurde ich mit 57 km/h bergauf von den Wachtmeistern gestoppt, konnte aber glaubhaft versichern, ich wüsste auch nicht, wie das käme … tut mir leid … ich habe das so gekauft … äähh … ab Werk.

Mit diesem Mofa aus der Fahrrad- und Mofafabrik Rixe in Bielefeld-Brake knatterte ich fröhlich durch die Gegend; ich wohnte damals in Bielefeld-Altenhagen und besuchte den bereits o.g. »Freundeskreis«, der in eben Brake, Heepen, Oldentrup, Hillegossen, Stieghorst, Kusenbaum, Jöllenbeck, Vilsendorf, Knetterheide oder Milse beheimatet war – allesamt Ortschaften, die so sind, wie sie heißen. Kaum aber hatte ich mein jeweiliges Ziel erreicht und das »Jugendzimmer« betreten, bot sich 1976 das immergleiche Bild des Grauens: Ein junger Mann oder eine junge Frau lagen, mit dem Gesicht nach unten, auf Flokati oder Patchworkdecke, und dazu lief Keith Jarrett, »The Köln Concert«, fast immer die dritte Seite, auf der Jarrett heftiges Füßetrampeln und noch heftigeres Atmen in die Klaviermusik einführte. Dagegen war ja auch gar nichts zu sagen, aber Jarretts elegisches, kunstgewerblerisches Spiel hatte eben auf die jungen Menschen die furchtbarsten Auswirkungen: Schlug man, während diese Platte lief – und sie lief quasi immer – egal was vor, so erhielt man chronisch die Antwort: »Ach nee … mir geht’s heut’ nicht so gut«, tönte es aus der wie waidwund oder todesmatt herumliegenden Gestalt, »ich weiß auch gar nicht, wer ich bin.« So sprachen Fünfzehnjährige, und schon damals schwante mir, während ich eher fassungslos in einem Türrahmen stand und meinen Sturzhelm in der Hand drehte, dass es keine gute Idee ist, wenn Deutsche nach ihrer »Identität« suchen: Entweder langweilen sie sich selbst und andere damit zu Tode, oder aber die Sache endet in Stalingrad.

Erst Jahre später, man hat ja als Schriftsteller in Deutschland »verletzlich«, wenn nicht »verwundbar« zu sein, konnte ich die mir 1976 zugefügten »Verletzungen« und »Verwundungen« bewältigen; 1985 war es, ich wohnte mittlerweile längst in Berlin (denn das war dann Anfang der 80er quasi Pflicht), schleppte mein damaliger Obermieter einen CD-Spieler und mehrere CDs an; im Sortiment hatte der geschmacksfreie Emigrant aus dem Rumänischen nicht nur alles von Pink Floyd und Genesis, sondern auch – genau: »The Köln Concert« von Keith Jarrett. So erfolgreich verdrängt hatte ich jenes Werk und seine fatalen, ja beinahe letalen Folgen, dass ich dem Angebot, da »mal reinzuhören«, bereitwillig zustimmte; kaum aber war die CD bei der ehemaligen Plattenseite drei angelangt, griff ich, ohne zu wissen, was und warum ich es tat, nicht etwa zu einem Joint, sondern zur Whiskykaraffe. Wiederholungen des Tests zeitigten stets dasselbe Ergebnis: Keith Jarrett, »The Köln Concert«, Seite drei: hastiger, ja panischer Griff des Probanden zur Karaffe.

Tief, ja metertief musste ich graben und buddeln, bis meine »inneren Verkrustungen« aufbrachen und ich sie »aufarbeiten«, ja aufessen bzw. sogar aufwischen konnte: In nur acht Zeilen fasste ich die immerhin knapp 80 Minuten dauernde Doppel-LP zusammen – ein Verfahren, das auch beleuchtet, was ich seitdem unter dem Begriff »Gerechtigkeit« verstehe:

Schwarze Tasten, weiße Tasten

Töne, die das Herz belasten

Hände, die nicht ruh’n noch rasten

Hasten über Tasten, Tasten

Junge Menschen wurden Greise

Wenn Keith Jarrett klimperte

Auf dem Flokati litt ganz leise

Wer vorher fröhlich pimperte.

*

Papa, Adolf hat gesagt

Kreuzberg 36, Görlitzer Bahnhof, Wiener Ecke Skalitzer Straße: »Keine neuen Progrome!« steht an die Hauswand gesprüht, »Progrome« wie Promille, Pro Familia und Prostata – schöner und schneidiger ist die Dudenfrage selten endgelöst worden.

Dienstag, 17.9.1991, Café Kuckucksei in der Kreuzberger Wrangelstraße. Im Hinterzimmer lesen Klaus Farin und Eberhard Seidel-Pielen aus ihrem Buch »Krieg in den Städten – Jugendgangs in Deutschland«. Der kleine Raum ist gesteckt voll, und, eine Seltenheit bei derartigen Veranstaltungen, die meisten der Anwesenden sind die, um die es zwischen den Buchdeckeln geht: Jugendliche Delinquenten, Straßengangmitglieder, türkische Antifas, Redskins, und diverse SHARP-Aufnäher (SkinHeads Against Racial Prejudice) sind auch zu sehen. Kein auf progressiv getünchter Pfaffe wird seine uninteressante Meinung ins Runde reihern, kein talkshowkompatibles Lea-Rosh-Geschwätz die Menschheit zum Gähnen rühren, und die verhassten linken Lehrer und Sozialarbeiter sind auch ferngeblieben, obwohl die sich ein paar herbe Lektionen hätten abholen können, denn Farin und Seidel-Pielen weisen den Jugendexperten von Berufs wegen ein ums andere Mal Ahnungslosigkeit, Borniertheit und hilfloses Versagen nach.

Die Weigerung der beiden Journalisten, sich in den Enddarm irgendeiner Klientel hineinzuschreiben bzw. -zulesen, wird im »Kuckucksei« nicht gerade honoriert – gerne hätte man sein heroisiertes Selbstbild bestätigt bekommen, statt auf unangenehme Widersprüche hingewiesen zu werden: »Schwule sind anormale Menschen. Ich hasse so etwas.« Und: »Es ist schlecht, wenn zwei Schwule Hand in Hand durch die Straßen laufen und sich vielleicht auch noch abknutschen. Stell dir vor, da kommt eine Mutter mit ihrem kleinen Kind vorbei und sieht das. Wo kommen wir da hin, wenn das jeder macht?« werden Boyraz und Ego, zwei Angehörige der Weddinger Black Panther, zitiert, und das passt natürlich nicht so gut ins fromme Bild von den grundsympathischen Verfolgten, die sich heldenhaft gegen »faschistischen, rassistischen und sexistischen Terror«, wie das auf Flugblättern gerne heißt, zur Wehr setzen. Schnell ist die Stimmung hitzig, »Schweine!«, »Denunzianten!« oder »Vor die Fresse, Keule ey!« ruft es durcheinander; letzteres entbehrt nicht einer gewissen Pikanterie: Klaus Farin wurde Anfang August ’91 von drei Spandauer Neonazis gezielt angegriffen und krankenhausreif geprügelt – dreifacher Nasenbeinbruch, Brillenglas ins Auge –, die Narben sind gerade heil, aber von solch peinlicher, weil beredter Duplizität will man nichts wissen im Kreuzberger Hinterzimmer, wo man unreflektiert den Helden spielen und raushängen lassen kann und mit einer maximalen Denkfaulheit und Selbstgefälligkeit auftritt, die es ermöglicht, in sich selbst den chronisch, ja notorisch guten Menschen zu sehen und jeden, der daran auch nur leisen Zweifel hegt, zum Arsch zu machen.

Die alte Kreuzberger Faustkeilregel – »Wer als erster Fascho! sagt, hat gewonnen!« – feiert ein so nicht mehr für möglich gehaltenes Comeback, und in schon rührend glühender Pose legen Türken und Deutsche Hand in Hand ihr Gratisbekenntnis ab: »Ich bin Antifaschist!!!« dröhnt es – natürlich, sicher, und was bist du sonst noch? Bzw.: Ist Antifaschismus denn eine Behinderung? Oder, deutsch bis in die Knochen, eine »Identität«? Oder nicht schlicht eine moralische, politische und intellektuelle Selbstverständlichkeit, mit der nur der sich in die Brust wirft, der das bitter nötig hat? Und gilt nicht doch, was der Neuss-Schüler Mathias Bröckers 1988 schrieb: »Kein Faschist ist nur, wer weiß, dass er einer sein könnte«?

Kein Zweifel, kein Gedanke behindert an diesem Abend junge Helden und Märtyrer, deren Kopfinhalt komplett mit »I ♥ my Ghetto« beschrieben ist – spätestens ab U-Bahnhof Hallesches Tor sieht man die harten Jungs regelmäßig weiche Knie kriegen, denn die Welt ist groß und böse, und zu Hause ist es eben doch am schönsten. Da müssen dann auch »Nazis raus!«, auch dies ein Satz für Phrasenprüfer, der die Frage aufwirft: Klar, aber wohin? Ins Baltikum, zu ihresgleichen? Nach Polen, zu Lechz Valuta und seinen Freunden? Oder, ein netter Gedanke, nackt und unbewaffnet nach Soweto? Was soll man machen mit den Nazis?

»Ayhan did the right thing!« heißt es auf einem Button, der Anfang Oktober 1991 in Umlauf kommt. Ayhan Öztürk, »ein Proletarier aus Kreuzberg«, wie ein Flugblatt kitschig zu bramarbasieren sich nicht entblödet, hat am 16.11.1990 in Notwehr drei Nazis mit dem Messer beharkt – einer von ihnen, der REP René Gruber, blieb tot liegen. Na und?, kann man die Achseln zucken – weniger angenehm ist, dass zum Prozess gegen Ayhan Öztürk besagtes Flugblatt erscheint, das in hochgradig präpotentem Ton zu einer Demonstration vor dem Landgericht aufruft, aber nicht einmal den Gerichtssaal nennt, dafür vollmundig von »Brother Ayhan« trompetet und von einer »Bewegung«, die »Rassismus und Faschismus an ihren Wurzeln herausreißt«.

Sind Rassismus und Faschismus Zähne oder Unkraut? Und wäre es, nebenbei, nicht klüger, alles dafür zu tun, dass der immerhin des Totschlags Angeklagte nicht in den Knast zurück muss, statt ihn vorab zu märtyrisieren, ihn, ohne zu fragen natürlich, zu »unserem persönlichen Gefangenen« zu erklären, ihn mittels eines als Solidarität deklarierten vampiristischen Aktes quasi als Geisel zu nehmen? (Ayhan Öztürk wurde am 16.10.1991 freigesprochen, aber nicht wegen, sondern eher trotz seiner selbsternannten Freunde & Genossen Maulhelden.)

Von volljährigen Nazis abgesehen, gegen die Messer und Pistole zwar nicht die adäquaten, aber durchaus legitime und zuweilen die letzten Mittel sind: Wie soll man bei der »Wurzel«-Behandlung von 14- bis 16jährigen Minifaschisten verfahren, die z. T. eher aus Doofheit und vagem Protest denn aus Bösartigkeit »Heil Hitler!« brüllen? Farin und Seidel-Pielen machen den unklar eher-irgendwie-links-orientierten Jugendgangs den Vorwurf, so reizlos und uninteressant zu sein, dass Kids sich lieber bei den Nazis tummeln. »Kümmert euch drum!« werfen sie den »Kuckucksei«-Besuchern vor die Füße, und das wird nicht wohlgelitten – zuhauen und »plattmachen!« ist halt einfacher und angenehmer, wenn man möglichst 100prozentig gedankenfrei durchs Leben kommen möchte. Der Eindruck, dass hier partiell simple Kneipenschläger sich einen politischen Background umhängen, will nicht weichen. Auch andere Identitätswühler springen auf den Gratismartyriumszug. Michael Brinntrup, berufshomosexueller Subventionsexperte und Kleinfilmemacher, quittiert meine natürlich verkürzende und keineswegs gerechte Bezeichnung für Rainer Werner Fassbinder – »Problemfilmschwuchtel« – mit einem »Versuch’s mal mit Hoyerswerda!« und ergänzt, sich seine Blaue Blume aus anderer Leute Tod abkochend: »Wir wurden früher vergast.«

Die SA-artigen Truppen, die eben nicht nur in Hoyerswerda, sondern überall im Land Asylantenheime überfallen, anstecken, ihre Bewohner schwer verletzen, umbringen und vertreiben, erhalten Unterstützung von sozialdemokratischer und grüner Seite: »Beliebig viele Ausländer können wir nicht akzeptieren«, schreibt Peter Glotz am 2.10.1991 in der Bunten. Warum eigentlich nicht? Wo wir schon beliebig viele Beliebig-Glotze zwar schwer nur ertragen können, aber doch hinnehmen müssen? Glotz’ Adlatus, Daniel Cohn-Bendit, schreibt in derselben Ausgabe desselben Blattes unter der Überschrift »Deutsche Party II – Saturday Night Fever in Hoyerswerda (Sachsen) – Tanz den Neger weg« u. a.: »Wir können nicht schweigend hinnehmen, dass in Deutschland Menschen wegen ihrer Hautfarbe oder Herkunft sterben müssen.« Nein, »schweigend« können wir das nicht hinnehmen, wir müssen es, wie Dany mit Sahne, eben schwafelnd tun.

Während Einigkeit (und Recht und Freiheit) darüber hergestellt wird, dass »Deutschland kein Einwanderungsland« zu werden habe, obwohl es längst eins ist, die bayerische Grenze Züge des früher so verhassten Eisernen Vorhangs annimmt und Herr Hitler seine »Festung Europa« nun doch noch bekommt und posthum den Zweiten Weltkrieg gewinnt, verwandeln sich Antifa-Gruppen mit dumpfem Gesinnungsgepoche in Wehrsporttrupps, die in erster Linie ihren »Lebensraum« – sie nennen das wirklich so – auf diversen lokalen Abenteuer- bzw. Kiezspielplätzen verteidigen; ob man die etwas bräunliche Färbung dieser Antifa mit »Fa – die wilde Frische« abwaschen kann?

Man möchte die Haare raufen, aber nicht die eigenen: Die Insassen eines Landes, das Angehörige anderer Nationen und Volksgruppen in Zehnmillionenhöhe auf dem Gewissen hat, bewegen sich mit einer Selbstverständlichkeit und einer Ungebremstheit im Stechschritt durch den verachteten Rest der Welt, die nur ein Urteil zulassen: Das deutsche Volk ist definitiv nicht zivilisierbar und hat die moralische Verpflichtung auszusterben. Moralische Verpflichtungen allerdings verpflichten niemanden zu nichts, und die linke Zwecklüge, der ausländische Mensch sei per se besser und wertvoller als der deutsche, gehört rückstandslos in die Müllverbrennungsanlage. Egal ob besser, schlechter oder auch nicht besser: Jeder Pole, Russe, Jude, Franzose, Schwarzafrikaner, Tamile, Vietnamese usw. hat, so er überhaupt will, dasselbe Recht, »auf deutschem Boden« – von dem gesprochen wird, als handele es sich um heilige, gebenedeite Erde – zu leben wie ein Deutscher.

Ich habe kein persönliches Schuldgefühl, was die deutsche Vergangenheit angeht, und ich möchte niemandem eins einreden. Historisch aber muss eine Gerechtigkeit erzwungen werden, und wenn irgendwann einmal tatsächlich so ca. 100 Millionen Asylanten, egal wie arm, krank und kriminell sie immer sein mögen, aufgenommen und gleichwertig und anständig behandelt worden sind, dann darf von mir aus im Parlament oder in einer anderen Kneipe von »Überfremdung« genölt und gemault werden – eher aber nicht. Die »Deutschland den Deutschen!«-Deutschen haben den Rand zu halten und sich nicht zu mopsen.

Und die Mitglieder der analphabetischen Antifa, die ja durchaus ganz nützlich sind, wenn sie dem einen oder anderen auf Mord und Totschlag sinnenden Nazi die Luft rauslassen, mögen in ihrer Freizeit stille sein und in sich hineinhorchen. Ich bin gespannt, was sie da vorfinden.

Wiglaf Droste (27. Juni 1961 bis 15. Mai 2019) war Schriftsteller, Journalist, Dichter, Polemiker, Satiriker, Vortragsreisender und Sänger. Seit 1994 schrieb er regelmäßig für die junge Welt, seit Januar 2011 hatte er eine tägliche Kolumne. Zuletzt erschienen posthum der Sammelband »Die schweren Jahre ab dreiunddreißig« (2019) sowie die Gedichtauswahl »Tisch und Bett« (2020).

Wiglaf Droste: Chaos, Glück und Höllenfahrten. Eine autobiographische Schnitzeljagd. Hrsg. v. Klaus Bittermann. Mit Beiträgen von Christian Y. Schmidt, Hans Zippert, Funny van Dannen, Gerhard Henschel, Ralf Sotscheck, Rayk Wieland, Joe Bauer, Franz Dobler, Fritz Eckenga, Arnulf Rating, Peter Köhler, Jane Kramer. Edition Tiamat, Berlin 2021, 340 Seiten, 20 Euro

Wer fürchtet sich eigentlich vor wem?

Polizei vor Kiezkneipen- oder Waldschützern, Instagram vor linken Bloggern, Geheimdienste vor Antifaschisten? Oder eher andersherum? Die Tageszeitung junge Welt entlarvt jeden Tag die herrschenden Verhältnisse, benennt Profiteure und Unterlegene, macht Ursachen und Zusammenhänge verständlich.

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