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Aus: Ausgabe vom 03.04.2021, Seite 10 / Feuilleton
Chansons

Auf hohem Niveau

Wie widmet man der Ostberliner Gesangsinstitution Gisela May einen unterhaltsamen Liederabend?
Von Harald Justin
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Am Anfang dieser Doppel-CD steht die Frage eines Journalisten: »Frau May, warum singen Sie nicht mehr?« Die befragte Gisela May, ihres Zeichens neben Lotte Lenya die wohl bekannteste und beste deutschsprachige Interpretin von Bert-Brecht-Texten, ist um eine Antwort nicht verlegen: »Das Stimmband ist ein Muskel, der altert. Und ich habe Ansprüche an mich. Wer mich kennt, weiß, wie es klingen muss.« Und wie muss es denn klingen, wenn die 2016 in Berlin verstorbene Sängerin Texte von Brecht, Jacques Brel oder Heinrich Heine zur Musik von bevorzugt Kurt Weill, Paul Dessau oder Hanns Eisler sang? Das lässt sich nachhören auf alten Tonträgern, das lässt sich nachfragen bei Zeitzeugen, die die Diseuse und ihre bis ins hohe Alter beeindruckende Bühnenpräsenz miterlebt haben.

Aber es geht auch anders. Die Sängerin Scarlett O’ und der Saitenkünstler Jürgen Ehle haben sich ein Bühnenprogramm zusammengestellt, das so noch nicht einmal May selbst auf die Bühne hätte bringen können. Anders als May, die ihre Abende gerne speziellen Dichtern und Komponisten widmete, kann das dynamische Duo sich den Luxus erlauben, sich quer durch ihr Liederbuch zu spielen. Dieses »Best of« wird durch neu inszenierte Schnipsel aus Interviews zusammengehalten, die die Journalisten Stephan Göritz und Ed Stuhler im Laufe der Jahre mit der Sängerin führten. So entsteht über die Dauer von zwei CDs ein collagiertes Porträt, das über die Lieder hinaus einen vor allem unterhaltsamen Einblick in die Produktionsbedingungen des Kulturbetriebs, die persönlichen Arbeitsweisen und Eigenarten der Künstlerin gewährt.

Soviel Unterhaltung darf sein, nicht zuletzt, weil May sich dagegen aussprach, lediglich als »Spatz auf den Dächern der Weltrevolution« oder als »First Lady des politischen Chansons« bezeichnet zu werden. Solche Formulierungen hörte sie nicht gerne, »da sie Einschränkungen beinhalteten«. »Ich singe ja durchaus nicht nur politische Themen«, sagte sie, »sondern ich versuche immer wieder auch ein Unterhaltungsbedürfnis zu befriedigen. Wie Brecht sagte: Zuallererst soll Kunst unterhalten, wenn auch natürlich auf hohem Niveau.«

Scarlett O’ und Jürgen Ehle: »Ach Gisela – Die May, ihre Lieder, ihr Leben« (Electrovadero)

Wer hat Angst vor wem?

Diejenigen, die sich nicht scheuen, gegen Faschismus, Rassismus, Krieg und Ausbeutung einzutreten? Die dafür mit Verfolgung und Repression rechnen müssen? Oder diejenigen, die Verfassung und die herrschenden Verhältnisse »schützen«?

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