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Aus: Ausgabe vom 03.04.2021, Seite 10 / Feuilleton
Pop

Gott wohnt im Kondensstreifen

Grenzenloser Realismus: Lana Del Reys Album »Chemtrails over the Country Club«
Von Hannes Klug
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»You took my sadness out of context / At the Mariners Apartment Complex«, sang Lana Del Rey auf ihrem fünften Album »Norman Fucking Rockwell!« im Jahr 2019. Sie zeigte dabei spielend, wie Weltschmerz, romantische Missverständnisse und die tristen Zeichen spätkapitalistischer Besiedlung in eine Zeile passen. Ihre Texte nennen gern auch noch die armseligsten Orte bei deren von Marketingstrategen entworfenen Namen. Auf dem soeben erschienenen Nachfolger »Chemtrails over the Country Club« treibt die Sängerin die Wegmarken der im Abendglanz nach Moder riechenden USA noch ein paar Zentimeter tiefer in den sumpfigen Erdboden. Was vorher Venice Beach, verwackelte Super-8-Ästhetik und ein paar im Wind schwankende Palmen waren, wird nun zu einem Roadtrip ins Landesinnere, zur »Men in Music Business Conference« nach Florida, in die Freizeitanlagen der Reichen und Angeödeten, in die ländliche Leere nach Nebraska, Oklahoma und Arkansas.

»Chemtrails over the Country Club« ist musikalisch weit weniger publikumsorientiert, längst nicht so eingängig wie sein Vorgänger. Lana Del Rey, so scheint es, folgt nur noch dem mäandernden Klang der eigenen Stimme, sie instrumentiert die akustischen Stücke sparsam, verzichtet weitgehend auf rhythmische Struktur. Disparate Pianoakkorde lassen verborgene Pfade erahnen, die aber bald schon wieder verschwinden. Weitgehend von Popkonventionen befreit, lakonisch und zurückhaltend ist »Chemtrails over the Country Club« außerdem ihre bislang melancholischste Arbeit, die ganz ohne Weichzeichner auskommt. Denn bei allem Hang zur Romantik überwiegt hier doch die Desillusioniertheit. Und obwohl sich Lana Del Reys Worte an namenlose bibeltätowierte Männer richten, hat man den Eindruck, die Sängerin führe in erster Linie ein in sich versunkenes Selbstgespräch.

Lana Del Rey war immer schon mehr als nur eine Popsängerin. Ihr besonderes Talent besteht darin, Poesie im Konkreten und auf den ersten Blick Unscheinbaren zu finden, das ebenso in geographische Koordinaten wie in persönliches Leiden eingebettet ist. In ihren Zeilen verdichtet sich der Kitsch des US-amerikanischen 20. Jahrhunderts mal als Zitat, mal als Emphase und tritt nun in sein Endstadium ein, das, wer weiß, eines des Verfalls, aber auch gesteigerter Verlorenheit und Schönheit ist. Das beinahe devot verehrte, gleichwohl aufs Geschäftliche reduzierte Musikgeschäft im ersten Song »White Dress« beobachtet sie dann auch aus der Perspektive einer 19jährigen Servicekraft, die im weißen Kleid steckt, White Stripes und Kings of Leon hört und sich frei und stolz fühlt, weil sie ihre Arbeitsroutine beherrscht und das Gefühl hat, gesehen zu werden. Prekariats-Jet-Set, Männertristesse, Kongressdepression und die künstlerischen Träume einer jungen Musikerin im Kellnerinnenkostüm verdichten sich in diesem Song zu einem Sittenbild, das einen kristallinen Moment zu gleichen Teilen sehnsuchtsvoll auflädt und zynisch kommentiert.

Mittendrin in diesem raumzeitlichen wie machtpolitischen Zeichenkosmos – auch das macht Lana Del Rey besonders – steht der verletzliche wie verführerische weibliche Körper, um den herum alles kreist, allein aus dem Grund, weil er der eigenen magnetischen Anziehungskraft nicht entrinnen kann. Ist das Koketterie? Vorsintflutliches Rollenverständnis? Gar Antifeminismus? Bei alldem erweist sich die Sensibilität des lyrischen Ichs als scharfsinnig in ihrer Zeitdiagnostik und in ihrer mikroskopischen Beobachtungsgabe. »There’s nothing wrong contemplating God / Under the chemtrails over the country club.« Nichtige Tragödien entfalten sich mühelos in einem Szenario, das Ennui und Dekadenz eines bis zur Implosion gelangweilten Geldadels ausbuchstabiert. Trotzdem, wenn schon Gott suchen, dann bitte in den weißen Kondensstreifen vorbeiziehender Flugzeuge, die Verschwörungsmythen und Klimakollaps anklingen lassen.

Das gottgläubige, reaktionäre und patriotische Amerika ist bei Lana Del Rey im Hintergrund immer anwesend, darauf verweisen nicht zuletzt die sternengesprenkelten Flaggen, die sie üppig auf ihren Plattencovern und in ihren Videos plaziert. »I’m ready to leave L. A. / and I want you to come«, heißt es im Song »Let Me Love You Like a Woman«. Vom Naturwunder Yosemite bleibt dann aber vor allem das Rauschen des Fernsehers in Erinnerung, weil, klar, der Antennenempfang im Nationalpark leider schlecht ist. Der Realismus kennt bei Lana Del Rey keine Grenzen. Sie tritt den Niederungen des Alltags so schonungslos gegenüber wie den eigenen Schuldgefühlen, erotischen Obsessionen und autoaggressiven Selbstanklagen. Längst ist sie zu einer Ikone geworden. Vielleicht, auch das kann sein, ist sie aber auch ganz einfach nur eine der bedeutendsten US-amerikanischen Singer-/Songwriterinnen dieses Jahrzehnts.

Lana Del Rey: »Chemtrails over the Country Club« (Interscope/Polydor/Universal)

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