1000 Abos für die Pressefreiheit!
Gegründet 1947 Sa. / So., 8. / 9. Mai 2021, Nr. 106
Die junge Welt wird von 2512 GenossInnen herausgegeben
1000 Abos für die Pressefreiheit! 1000 Abos für die Pressefreiheit!
1000 Abos für die Pressefreiheit!
Aus: Ausgabe vom 03.04.2021, Seite 11 / Feuilleton
Corona

Auf die Barrikaden

Die Disteln im Blaumilchkanal
Von Pierre Deason-Tomory
Coronavirus_Weimarer_68890964.jpg

In Weimar gibt es jetzt das Weimarer Modell. Es hat am Montag angefangen und sollte am Gründonnerstag enden. Die Geschäfte dürfen öffnen, und jeder kann rein, der sich in einem der Testzentren einen Abstrich hat machen lassen und seine Kontaktdaten hinterlässt.

Vor den Testzentren in der Innenstadt bildeten sich am Montag morgen Schlangen, die Straßen und Geschäfte aber waren nur wenig belebt. Immerhin liefen mehrere Kamerateams nationaler Fernsehsender herum. Die Ladeninhaber, die ich befragt habe, waren auch nicht im Stress, aber sehr einverstanden, »dass irgend etwas passiert«. Sagte einer und raufte sich die Haare.

Dass das Modell nach Ostern fortgesetzt wird, ist unsicher. Die Inzidenzwerte haben sich in den vergangenen 14 Tagen auf knapp unter hundert verdoppelt. Aber die kann man ja durch andere Kriterien ersetzen, um das Infektionsgeschehen der gesellschaftlichen Stimmung anzupassen.

»In Thüringen wird ab Mittwoch nicht mehr mit Astra-Zeneca geimpft«, meldete der MDR am Dienstag. »Grund ist laut Kassenärztlicher Vereinigung, dass der in Thüringen verplante Impfstoff komplett aufgebraucht ist.« Eine glatte Lüge. »Dies sei auch so geplant gewesen«, sagte Jörg Mertz MDR Thüringen. Damit hat der Mann von der KV recht. Schon vor Tagen machte es die Runde, dass die Thüringer Impfzentren auf ihrem Astra-Zeneca sitzenbleiben. Wird aber keiner mitkriegen, passenderweise ist unabhängig von den Thüringern das bundesweite Astra-Zeneca-Chaos ausgebrochen.

Junge Linke von der Gruppe »Die Disteln im Beton« haben am Dienstag in Weimar das ehemalige Dorfner-Haus besetzt. Polizei kam, Demonstranten blockierten die Straße, eine Drohne flog über die Szenerie. Dann wurde verhandelt.

Dieses Gebäude ist ein kunstgeschichtlich bedeutender Ort, praktisch original erhalten, aber von Zerstörung bedroht. Es war das Haus des Buchbinders und Kunsteinbandgestalters Otto Dorfner, der hier gewohnt, gearbeitet und gelehrt hat. Der Inhaber, das Land Sachsen-Unhold, hat es meistbietend an eine Holding verscherbelt, die ein Wohnloft für betuchte Studierende daraus machen will.

Nach Verhandlungen mit der Stadtspitze und der erkennungsdienstlichen Behandlung der Besetzer wurden Besetzung und Straßenblockade beendet. Verloren ist die Sache aber nicht, das Bauverfahren muss noch durch den Stadtrat. Ohne die Aktion wäre das vermutlich einfach so durchgegangen.

Auf der Straße war übrigens zu sehen, dass die Demonstranten nach Anweisung der Besetzer Masken trugen. Das könnte die erste Erstürmung einer Barrikade unter Befolgung von Hygieneregeln ever gewesen sein.

Wer hat Angst vor wem?

Diejenigen, die sich nicht scheuen, gegen Faschismus, Rassismus, Krieg und Ausbeutung einzutreten? Die dafür mit Verfolgung und Repression rechnen müssen? Oder diejenigen, die Verfassung und die herrschenden Verhältnisse »schützen«?

Für alle, die es wissen wollen: Die junge Welt drei Wochen lang (im europäischen Ausland zwei Wochen) gratis kennenlernen. Danach ist Schluss, das Probeabo endet automatisch.

Regio:

Mehr aus: Feuilleton

Drei Wochen gratis lesen: Das Probeabo endet automatisch.