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Aus: Ausgabe vom 03.04.2021, Seite 11 / Feuilleton
Comic

Bläschen überm Schädel

Ästhetik des Kneipengesprächs: Der Comic »Nachtgestalten« von Jaroslav Rudis und Nicolas Mahler
Von Michael Bittner
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Groteske Sonderlinge in kargen Strichen: Panel aus dem besprochenen Band

Wenn es stimmt, dass alle Poesie auf die uralte Kunst des mündlichen Vortrags zurückgeht, dann spricht nichts dagegen, auch im Kneipengespräch eine Form echter Literatur zu erblicken. Dass das tiefnächtliche Gebräu aus Schwadronieren, Kalauern und Wehklagen unter dem Einfluss von hochdosiertem Alkohol ästhetischen Reiz und Wert hat, wissen alle, die selbst zu den Tresenhockern und Nachtschwärmern zählen. Und alle anderen wissen es eben nicht. Vielleicht überzeugt es sie, wenn sie diesen Zauber nun in einem Buch entdecken können: »Nachtgestalten« heißt die Geschichte, aufgeschrieben von Jaroslav Rudis, dem Schriftsteller aus der Biertrinkernation der Tschechen, und illustriert vom habsburgischen Kollegen Nicolas Mahler, dem Cartoonisten aus Wien.

Jaroslav Rudis ist längst nicht mehr nur in seiner Heimat, sondern auch in Deutschland als Autor humorvoller, menschenfreundlicher Romane bekannt, in denen er oft von der deutsch-tschechisch-jüdischen Geschichte und Gegenwart erzählt. Seinen jüngsten Roman »Winterbergs letzte Reise« hat er erstmals auf deutsch geschrieben. Das Medium des Comics ist ihm nicht neu: Gemeinsam mit dem Zeichner Jaromir Svejdik hat er den Eisenbahner Alois Nebel erfunden, dessen persönliches Schicksal in die dunkle Geschichte Mitteleuropas führt.

Nicolas Mahler ist ein Comiczeichner mit unverwechselbarem Stil. Seine Figuren sind stets nur Knubbel oder Stangen. Einziges erkennbares Gesichtsmerkmal sind übergroße Nasen, eingedenk der Tatsache, dass die Nase das komischste Körperteil ist, wenigstens oberhalb der Gürtellinie. Nicht umsonst hat Laurence Sterne im »Tristram Shandy« den Nasen ein ganzes Kapitel gewidmet. Mahlers karger Strich passt bestens zu den grotesken Sonderlingen, denen er sich zeichnerisch widmet. Sein bekanntester Held ist »Flaschko«, ein Mann, der die schützende Hülle seiner Heizdecke nicht verlässt und nur mit seiner Mutter kommuniziert. Dass Mahler Geschick auch darin besitzt, die Geschichten anderer Autoren zu verbildlichen, hat er schon mit vielen Verarbeitungen moderner Klassiker von Proust bis Joyce bewiesen.

Wie es sich für eine komische Geschichte gehört, erleben wir in »Nachtgestalten« die Abenteuer zweier ungleicher Freunde. Die beiden repräsentieren zugleich das ideale männliche Kneipenpaar: Da ist der längliche Vielredner, der Bier in sich hineingießt, um Weltschmerz und Selbstzweifel aus sich herauslaufen zu lassen. Sein unverzichtbarer Widerpart ist der dickliche Zuhörer, der solche Suaden schweigend erträgt oder ihnen mit trockenem Witz widerspricht. Während der Füllige so das Realitätsprinzip verkörpert, ist der Schmale ein typischer Geistesmensch, der sich nach einem einfachen, natürlichen Leben sehnt, zu dem er doch völlig unfähig wäre. Als Historiker glaubt er sein eigenes Unglück durch die Geschichte seiner Familie vorherbestimmt, in der es von verrückten Onkeln und Tanten wimmelt. Statt sich mit der Lehrerin Alenka zu begnügen, die ihn liebt, trauert er seiner längst verlorenen Jugendliebe Hana hinterher.

Das Buch schildert eine einzige Nachtwanderung der beiden Helden durch Prag. Werden sie von einem Tresen durch den Wirt vertrieben, der sein Lokal endlich schließen möchte, machen sie sich auf zur nächsten offenen Kneipe, bis sie schließlich an einer Straßenbude landen, die noch Bier verkauft. Wie es in solchen Nächten geschieht, entzündet sich an einer Geschichte im Gespräch die nächste in einer wilden Unordnung, die doch ihren tieferen Sinn hat. Nicolas Mahler hat seine Kunstmittel trefflich eingesetzt, um diesen merkwürdigen Heldenweg zu zeichnen. Der ganze Comic kennt nur die Farben Weiß, Schwarz und Nachtblau. Die subtile Andeutung, die Wiederholung und die Pause, ohnehin die Stileigenheiten Mahlers, passen hier bestens: Kleine Bläschen überm Schädel deuten die Trunkenheit an, leicht nur wellt sich die Gestalt einer Figur, wenn ihr plötzlich schaudert. Immer wieder entdecken die beiden Trinker überrascht, dass sie längst die Letzten sind, die noch vorm Bierkrug im Lokal sitzen. Immer wieder mit der gleichen Geste fährt der Wirt das Schott vor der Eingangstür herunter. Und wie im wahren Leben, so besteht auch in diesem Comic das Kneipengespräch nicht zuletzt aus Augenblicken des geladenen Schweigens.

Dass »Nachtgestalten« mehr ist als nur eine feucht-fröhliche Kneipengeschichte, ahnt man angesichts der melancholischen Grundstimmung schon zu Beginn. Doch erst am Ende, als die Erinnerung an die europäische Gewaltgeschichte ins Geschehen einbricht und die beiden Protagonisten schließlich sogar dem Tod begegnen, versteht man den ganzen Zusammenhang. Dennoch möchte man nach der Lektüre dieses wundervollen Comics über zwei irrende Trinker nichts lieber tun als es diesen beiden gleich.

Jaroslav Rudis, Nicolas Mahler: Nachtgestalten. Luchterhand-Verlag, München 2020, 144 Seiten, 18 Euro

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