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Aus: Ausgabe vom 03.04.2021, Seite 8 / Ansichten

Umfaller des Tages: Arsen Awakow

Von Reinhard Lauterbach
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Der ukrainische Innenminister Arsen Awakow in Kiew am 12. März 2019

Linguisten wissen es seit langem. Es gibt nicht ein Englisch, sondern mindestens drei: das britische, das amerikanische und das »kontinentale«, in dem sich jene verständigen, für die das Englische keine Muttersprache ist – etwa bei der EU. Letzteres wird von manchen auch als »BSE« abgekürzt: Bad Simple English, zu deutsch »schlechtes, einfaches Englisch«.

In der Ukraine werden faktisch ebenfalls drei Sprachen gesprochen: Ukrainisch – selbst eine Sprache mit starken Einflüssen des Polnischen –, Russisch und ein Mischdialekt aus beiden namens »Surschik«. Das hat außer Philologen nie jemanden gestört, die Menschen sind in der Praxis zweisprachig, und das hätte auch so bleiben können. Hätten sich nicht die Nationalisten in den Kopf gesetzt, das Ukrainische zum landesweiten Standard zu machen, darin ein Zeichen der Nationwerdung zu sehen und dies mit politischer Gewalt durchzusetzen. Durch Vorschriften für die Medien und den Einzelhandel zum Beispiel, mit offiziellen Abmahnungen für russisch redende Verkäufer und Trambahnschaffnerinnen.

Jetzt hat kein Geringerer als Innenminister Arsen Awakow den Rückwärtsgang eingelegt. Er erklärte, die Ukraine dürfe sich ihren Anteil an der russischen Sprache nicht nehmen lassen. Schließlich hätten in der Ukraine geborene Autoren wie Nikolai Gogol oder Michail Bulgakow auf Russisch geschrieben – letzterer übrigens in ausgesprochen mokantem Ton über das »nationalbewusste« Ukrainertum. Die dürfe die Ukraine – deren Beitrag zur Weltliteratur ansonsten auf die »reaktionär-romantischen Verse« (Rosa Luxemburg) von Taras Schewtschenko und ein paar postmoderne Gegenwartsautoren beschränkt ist – nicht »Moskau« überlassen. Awakow, der selbst russischer Muttersprachler ist, wird am besten wissen, dass es nur böses Blut gibt, den Menschen vorschreiben zu wollen, wie ihnen der Schnabel zu wachsen hat.

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