1.000 Abos für die Pressefreiheit!
Gegründet 1947 Mittwoch, 23. Juni 2021, Nr. 142
Die junge Welt wird von 2552 GenossInnen herausgegeben
1.000 Abos für die Pressefreiheit! 1.000 Abos für die Pressefreiheit!
1.000 Abos für die Pressefreiheit!

Kronkorken

Von Helmut Höge
Helmut_Hoege_Logo.png

»Der Computer ist das erste Werkzeug in der Technikgeschichte, mit dem man keine Bierflasche aufmachen kann«, meinte der österreichische Schriftsteller und Technikexperte Peter Glaser kürzlich auf Facebook. Ich dachte, man kann doch an jeder scharfen Kante und mit jedem harten Gegenstand, einschließlich Wegwerffeuerzeugen, Bierflaschen öffnen, also würde Glaser sich irren, denn so was hat eigentlich jeder Computer. Sie wurden ja nicht wie die Radios und Fernseher rund oder eiförmig aus Plastik gestaltet. Bei den anfangs riesigen Zentralrechnern konnte man jedenfalls an allen Ecken und Enden seine Flaschen öffnen. Aber vielleicht hat sich dabei mit der weiteren Entwicklung eine psychische Barriere aufgebaut, so dass man nun aus Scheu gegenüber dem potentiellen Humanoid »PC/Internet« keine Flaschen mehr daran öffnet. Dabei gäbe es selbst in ihren Innereien noch jede Menge flaschenöffnertaugliche Hardwareteile. Aber Peter Glaser denkt vielleicht eher an die Software, mit diesem »Weapon of Math Destruction« kann man tatsächlich keine Flaschen öffnen – bereits vom ersten Algorithmus an nicht mehr.

Weil aber Flaschenöffner zu den beliebtesten Werbegeschenken gehören und nicht zuletzt Souvenirläden, vor allem die an der Küste, gern Flaschenöffner mit Badeortsangabe ins Sortiment nehmen, gehört der Flaschenöffner heute schon fast zu den kleinbürgerlichen Kitschobjekten, die zwar als Erinnerungsstücke gelten, aber gleichzeitig eine Funktion haben. So wie auch manche Muschel, etwa als Andenken an Sylt, ein Thermometer hat. Formen- und Farbreichtum dieser Erinnerungsstücke mit Gebrauchswert sind riesig. Beliebt sind z. B. auch Fische, Knurrhahn oder Scholle, die mit einem Kompass präpariert wurden. Unter Seglern erfreuen sich bis heute Flaschenöffner namens »Sea-Club« in Form einer Kapitänsmütze aus Messing einer gewissen Beliebtheit. Sie werden an die Kajütentür geschraubt, kein Wind bläst sie fort. Kronkorken hingegen schon.

Über Kronkorken wusste ich zunächst nicht viel mehr, als dass Dagobert Duck einmal in einer »Donald Duck«-Geschichte bei einem Südseevolk gelandet war, die Kronkorken als Münzwährung benutzten. Aus irgendeinem Grund wurde Dagobert von ihnen mit irgendwas beschenkt, zum Dank überschütteten seine Flugzeuge die Insel mit Kronkorken, womit ihre Karriere als Zahlungsmittel beendet war.

Ich nahm an, der Kronkorken sei eine US-amerikanische Erfindung, tatsächlich verrät ein Eintrag bei Wikipedia, dass er von einem Erfinder aus Baltimore namens William Painter (1838–1906) im Jahr 1892 zum Patent angemeldet wurde. Er nannte ihn »Crown Cork«. Noch im selben Jahr gründete Painter das Unternehmen Crown Cork & Seal. Seine Kronkorken mussten sich anfänglich noch gegen den Bügelverschluss durchsetzen. Einige Brauereien an der deutschen Küste haben sie noch heute, sie verschließen die Flasche besser als Kronkorken, dieses typische Wegwerfprodukt.

Der handelsübliche Kronkorken weist 21 Zacken auf, ursprünglich waren es 24. Ein Grund für die Änderung war eine Reduzierung des Flaschenhalsdurchmessers. Auf der Internetseite www.mb-kronkorken.de findet man alle DDR-Kronkorken, auf denen Reklame für eine Biersorte oder für Club-Cola gemacht wurde. Die DDR hielt sich lange nicht an die internationale Kronkorkennorm der Glas- und Getränkehersteller, weil sie arbeiterkulturbewusst an den 24 Zacken ihrer Kronkorken festhielt. Mit steigenden Exporten gab man dann aber nach.

Erinnert sei daran, dass Teile des Proletariats, hüben wie drüben, ihren Schlüsselbund am Gürtel trugen, verbunden mit einem Flaschenöffner. Manchmal sieht man solche »Prolls« heute noch. An der entsprechenden Stelle hängt jedoch immer öfter ein Smartphone in einem Lederetui – womit wir wieder bei der Verbindung von Computer und Flaschenöffner wären.

1.000 Abos jetzt

Die Bundesregierung sagt: der Tageszeitung junge Welt sei mit geheimdienstlichen Mitteln der »Nährboden zu entziehen«. Wirtschaftlich und wettbewerbsrechtlich negative Folgen durch die Nennung der Zeitung im Verfassungsschutzbericht seien sogar beabsichtigt.

Unsere Antwort darauf kann nur sein, dass sie mit diesem grundgesetzwidrigen Eingriff in die Presse- und Meinungsfreiheit genau das Gegenteil erreichen! Deshalb fordern wir alle Freunde, Leserinnen und Leser, Unterstützer, Autoren und Genossenschaftsmitglieder auf: Tun wir alles, um den »Nährboden« der jungen Welt zu stärken – jetzt erst recht!

Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Marc Hieronimus: Onkel Dagobert Lieber Herr Höge, die Donald-Duck-Geschichte, auf die Sie sich beziehen, ist ein Klassiker von Carl Barks von 1953. Onkel Dagobert, reichste Ente der Welt, ist nervlich am Ende und reist mit Donald un...

Ähnliche:

  • Befeuert von BRD-Politikern, beteiligten sich Tausende deutsche ...
    22.09.2020

    Verdrängte Vorgeschichte

    Die BRD und die Sozialistische Republik Vietnam unterhalten seit 1975 diplomatische Beziehungen. Was der Kontaktaufnahme vorausgegangen ist, wird heute kaum noch erinnert
  • Karl-Heinz Röder, geboren am 13. Juni 1935 in Schmalkalden, gest...
    12.06.2020

    Profunde Gegnerkunde

    Er stritt für eine marxistische Politikwissenschaft in der DDR und sezierte die politischen Systeme der imperialistischen Staaten. Zum 85. Geburtstag von Karl-Heinz Röder

Mehr aus: Feuilleton