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Aus: Ausgabe vom 03.04.2021, Seite 15 / Geschichte
Geschichte USA

Opfer der Paranoia

Vor 70 Jahren wurden Ethel und Julius Rosenberg zum Tode verurteilt
Von Gerd Bedszent
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Ausschlaggebend war ihre KP-Mitgliedschaft: Das Ehepaar Rosenberg nach der Verurteilung 1951

Das US-amerikanische Ehepaar Ethel und Julius Rosenberg, er Elektroingenieur, sie kaufmännische Angestellte, wurde am 5. April 1951 wegen angeblicher Spionage für die Sowjetunion zum Tode verurteilt und am 19. Juni 1953 auf dem elektrischen Stuhl hingerichtet. Das Urteil gilt bis heute als einer der größten Justizskandale in der Geschichte der USA.

Das Bündnis der Antihitlerkoalition, dem die USA und die Sowjetunion angehört hatten, war unmittelbar nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges zerbrochen. Das anbrechende Zeitalter des Kalten Krieges wurde in den USA von einer beispiellosen antikommunistischen Hysterie, wilden Verschwörungstheorien und einer Verfolgung von bekennenden und vermeintlichen Linken begleitet. Der stockkonservativ-republikanische Senator Joseph McCarthy (1908– 1957) propagierte eine rigorose Säuberung des Regierungsapparates von Mitgliedern und Sympathisanten der Kommunistischen Partei. Auf Forderung von McCarthy wurden in dieser Zeit sogar Bücher progressiver Autorinnen und Autoren aus den öffentlichen Bibliotheken der USA entfernt.

Hexenjagd

Verschärfend wirkte, dass der Kalte Krieg im Juni 1950 in Ostasien in einen heißen übergegangen war. Der drei Jahre dauernde Koreakrieg kostete mehr als vier Millionen Menschen das Leben – überwiegend koreanische und chinesische Zivilisten. In den Kämpfen starben auch etwa 37.000 US-Soldaten. In den USA wurden zu dieser Zeit Linke und Kriegsgegner pauschal als Landesverräter diffamiert. Mehrere Millionen Staatsbedienstete wurden Opfer einer Gesinnungsüberprüfung, über tausend von ihnen entlassen, nicht wenige anschließend verhaftet. Bürgerrechte der Betroffenen wurden permanent missachtet. Öffentliche Anhörungen endeten, selbst wenn den Verdächtigen konkret nichts nachgewiesen werden konnte, im Regelfall mit einem ruinierten Ansehen der Befragten. Eine Aussageverweigerung galt bereits als Geständnis.

Die Hexenjagd auf Linke nahm auf ihrem Höhepunkt geradezu faschistoid-paranoide Züge an und ebbte erst nach der faktischen Entmachtung von Senator McCarthy – nachdem dieser den Fehler begangen hatte, sich sogar mit der Militärführung anzulegen – im Jahre 1954 langsam ab. Für das Ehepaar Rosenberg kam dieses Ende der Verfolgungswelle jedoch zu spät.

Als Hauptschuldige am Aufstieg der Sowjetunion nach Ende des Weltkrieges galten damals »Atomspione«. Die USA hatten sich nach den Atombombenabwürfen des Jahres 1945 auf die japanischen Städte Hiroshima und Nagasaki vorübergehend als militärisch unangreifbar gewähnt. Mit der Erprobung der ersten sowjetischen Atombombe im Jahr 1949 wandelte sich die Situation grundlegend. Das Jahrzehnte währende »Gleichgewicht des Schreckens« verhinderte zwar den Ausbruch eines konventionell geführten Weltkrieges, die Menschheit balancierte jedoch permanent am Rande eines atomaren Schlagabtauschs. In zahlreichen Publikationen hieß es immer wieder, prokommunistische Spione hätten das Produktionsgeheimnis der Bombe an den sowjetischen Geheimdienst verraten. In diesem Klima war die einzige Möglichkeit für Beschuldigte, sich selbst zu entlasten, das Nennen angeblicher Anstifter und Mittäter. Aus einer einzelnen Anklage resultierten oft ganze Ketten gegenseitiger Anschuldigungen, die mit der Wahrheit meist nichts zu tun hatten.

Julius Rosenberg wurde am 17. Juli 1950 auf Grundlage einer solchen Denunziation verhaftet, dann am 1. August 1950 auch seine Frau Ethel. Belastet wurden sie von David Greenglass, Ethels Bruder. Dieser hatte gestanden, technische Planunterlagen gestohlen zu haben, die dann von einem Spionagering in die Sowjetunion geschmuggelt worden seien. Greenglass, von Beruf Mechaniker, war während des Weltkrieges als Unteroffizier der US-Streitkräfte kurzzeitig bei einem Urananreicherungsprojekt eingesetzt worden. Wie er in dieser untergeordneten Position an geheime Rüstungspläne gekommen sein soll, ist bis heute ungeklärt. Sein Schwager Julius, Inhaber eines Radiogeschäftes, spielte das schäbige Spiel gegenseitiger Denunziationen allerdings nicht mit, gestand nichts und nannte auch keine Namen. Im Prozess galt er demzufolge als führender Kopf eines Spionageringes.

Zum Tode verurteilt wurde das Ehepaar Rosenberg aufgrund der Aussage dieses einzigen Belastungszeugen und einiger äußerst dürftiger Indizien. Entscheidend für das Urteil war wohl ihre Mitgliedschaft in der Kommunistischen Partei der USA sowie ihre Weigerung, andere Angeklagte oder Verdächtigte zu belasten. Möglicherweise spielte bei der Verurteilung der Rosenbergs, beide jüdischer Herkunft, auch der Antisemitismus in der damals konservativ-christlich geprägten US-Mehrheitsgesellschaft eine Rolle.

Die Protestbewegung

Die Verurteilung des Ehepaares rief eine Welle internationaler Empörung hervor. Eine sich formierende Solidaritätsbewegung protestierte gegen Anklage und Todesurteil und forderte die Freilassung des Ehepaares. Allein von 1952 bis 1954 sind aus 48 Ländern Demonstrationen und Solidaritätsbekundungen überliefert. Zu den prominenten Persönlichkeiten, die öffentlich für das Ehepaar Partei ergriffen, gehörten u. a. Papst Pius XII., Albert Einstein, der damalige französische Staatspräsident Vincent Auriol, Bertolt Brecht, Frida Kahlo, Pablo Picasso, der Filmregisseur Fritz Lang sowie Jean-Paul Sartre. Kurz vor dem Hinrichtungstermin protestierten Tausende Unterstützerinnen und Unterstützer vor dem Weißen Haus, überreichten dem US-Präsidenten Dwight D. Eisenhower ein Gnadengesuch von Michael, dem damals zehnjährigen Sohnes des Ehepaars. Die Vollstreckung der Hinrichtung konnte dies nicht verhindern.

Der Tod von Ethel und Julius Rosenberg ging als schauriger Höhepunkt dieser repressiven Phase in die Geschichte der USA ein, wurde Gegenstand von Romanen und Gedichten sowie von Werken der Musik und Filmkunst. Diese trugen nicht unwesentlich zu dem linken Aufbruch bei, der dann in den 60er Jahren auch die US-Gesellschaft erfasste.

Viele Jahre später, nach zwischenzeitlicher Öffnung der Archive des sowjetischen Geheimdienstes, stellte sich heraus, dass Julius Rosenberg tatsächlich Kontakt zu sowjetischen Dienststellen hatte. Die von ihm weitergegebenen Informationen waren jedoch unwichtig und für die Entwicklung der sowjetischen Atombombe irrelevant. Die Regierung der USA weigert sich dagegen bis heute, alle Protokolle des FBI über die Verhöre von David Greenglass der Forschung freizugeben.

Robert und Michael Meropol, die Söhne der Rosenbergs, die nach dem Tod ihrer Eltern von einer befreundeten Familie adoptiert worden waren, führten als Erwachsene einen jahrzehntelangen Kampf um die Revision des Urteils. Robert Meropol rief 1990 eine Stiftung ins Leben mit dem erklärten Ziel der Unterstützung und Förderung der Kinder linker Aktivistinnen und Aktivisten, die wegen des politischen Engagements ihrer Eltern Diskriminierung und soziale Benachteiligung erdulden mussten.

»Der Prozess war ein Justizskandal«: Stimmen zum Urteil

»Erinnert ihr euch an Nürnberg und an eine Theorie der Kollektivschuld? Nun, auf euch muss man sie heute anwenden. Ihr seid kollektiv für den Tod der Rosenbergs verantwortlich, die einen, weil sie diesen Mord provoziert, die anderen, weil sie ihn zugelassen haben; ihr habt geduldet, dass die Vereinigten Staaten zur Wiege eines neuen Faschismus wurden; vergeblich werdet ihr darauf erwidern, dass dieser einzige Mord nicht mit hitlerschen Massenmorden zu vergleichen ist; der Faschismus definiert sich nicht durch die Zahl seiner Opfer, sondern durch die Art, wie er tötet.«(Jean-Paul Sartre, 1953)

»Viele, die sich damals eingesetzt haben, meine Eltern zu retten, realisierten nicht, dass sie einen letzten Sieg davongetragen haben. Sie haben Michael und mich gerettet. Ich bezweifle, dass wir ohne ihre Unterstützung glückliche und lebenstüchtige Erwachsene geworden wären.« (Robert Meropol)

»Der wirkliche Rosenberg-Prozess war ein Justizskandal. Darüber hinaus war der Prozess von einem grundsätzlichen Widerspruch zwischen den Punkten der Anklage und der Urteilsbegründung gekennzeichnet. Denn die Anklage gegen die Rosenbergs hatte auf ›Komplott‹ zu Spionagezwecken gelautet, hingerichtet aber wurden sie wegen des ›Tatbestands‹ Hochverrat, das heißt, wegen der Weitergabe geheimer Informationen an eine ausländische Macht. Dieser ›Tatbestand‹ war aber nicht nachgewiesen worden.« (Schofield Coryell, Journalist, 1996 in Le Monde Diplomatique)

Wer hat Angst vor wem?

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