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Aus: Ausgabe vom 29.03.2021, Seite 15 / Politisches Buch
Deutschland und Russland

Verschmähte Liebe

Eher wird Baden russisch: Alexander Rahr über das verspielte Ansehen Deutschlands bei den Russen
Von Matthias Krauß
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Interesse und Sympathie waren einmal fast selbstverständlich: Soldaten der Roten Armee in Meißen (20.5.1990)

Am Anfang steht eine Frage. »Was man in Deutschland über die Russen denkt, steht jeden Tag in der Zeitung. Doch was weiß man hierzulande über die Ansichten der Russen über die Deutschen?« Mit diesem Satz wird der Leser auf der Rückseite des Buches »Anmaßung. Wie Deutschland sein Ansehen bei den Russen verspielt« empfangen. Autor Alexander Rahr hat in dem schmalen Band tatsächlich eine verschlossene Tür geöffnet und vermittelt, dass es bei der hierzulande herrschenden geistigen und thematischen Armut in der Debatte über und mit Russland überhaupt nicht bleiben müsste. Den Grund für diese Armut nennt Gabriele Krone-Schmalz im Vorwort: »Es fällt auf, dass in unserem Land in der Regel nur zwei Kategorien russischer Gesprächs- oder Interviewpartner zu Wort kommen: offizielle Regierungsvertreter und ausgewiesene Kremlkritiker. ›Neutrale‹ Experten muss man mit der Lupe suchen, und Straßenumfragen vermitteln stets ein Bild, als gäbe es nur entweder blinde Regierungsunterstützer oder sich ereifernde Putin-Kritiker.«

Erschütterte Sympathie

Bei Rahr erhalten die das Wort, auf deren Meinung »westliche« Medien verzichten zu können glauben. Wobei der Eindruck von Frische und Originalität bei jenen Stellungnahmen, die scheinbar wahllos und tatsächlich wie in einer Straßenumfrage entstanden wirken, fast noch stärker ist als bei den ebenfalls in den Band aufgenommenen wohlerwogenen Beiträgen von russischen »Deutschland-Kennern«.

Rahr fragt, ob es die Deutschen beeindruckt habe, »dass die Russen seit dem Fall der Berliner Mauer in allen soziologischen Meinungsfragen Deutschland als ihr Lieblingsland, als eine Art Vorbild in Europa betrachten?« Nein, dieser Eindruck hat sie eher überheblich gemacht. Das Buch vermittelt auf bestürzende Weise: Die nahezu unerschütterliche »traditionelle« Sympathie, die Russen trotz aller grauenhaften geschichtlichen Erfahrungen für Deutschland gehegt haben, ist erschüttert. Die deutsche Außenpolitik in der Ära Merkel hat Spuren hinterlassen. Durchweg ist zu beobachten, dass bei »einfachen« Menschen und in den russischen »Eliten« Vorbehalte, Unverständnis, Skepsis und Ärger wachsen. Aber auch unter den Deutschen hinterlässt die konstante Berieselung mit Propaganda Spuren. Rahr: »Fast ein Drittel der Deutschen sieht Russland inzwischen als gefährlich für die eigene Sicherheit an.« Noch vor wenigen Jahren waren es nur sechs Prozent. Nicht nur die Regierungen – auch die Menschen beider Staaten haben sich voneinander entfernt.

Allerdings lohnt sich ein Blick auf die Details. Die eingangs zitierte Behauptung muss dann nämlich etwas eingeschränkt werden: Jeden Tag steht in deutschen Zeitungen, was Westdeutschland über Russland denkt. Viele Ostdeutsche, bei denen aus ihren DDR-Erfahrungen heraus ein differenziertes und facettenreiches Bild von Russland und den Russen vorhanden ist, schlucken nicht ohne weiteres, was Politik und Medien ihnen in dieser Hinsicht vorsetzen. Dass das auf der internationalen Bühne nicht wahrgenommen wird, hat mit der Arroganz der »Sieger« von 1990 zu tun, die den Erfahrungsschatz der Ostdeutschen, bezogen auf die Staaten Osteuropas, in die Tonne traten. Für den Westen waren die Russen ein Schema, für den Osten waren es Menschen. Das Schema hat den Sieg davongetragen, auch wenn Beobachter wie Rahr und Krone-Schmalz noch an Vernunft und Gewissen appellieren. Krone-Schmalz: Es müsse doch ein jeder wissen, »dass das Wohlergehen Europas von einem guten, zumindest auskömmlichen Verhältnis zwischen Deutschland und Russland abhängt«. Sie erinnert an die »kraftvolle Aufbruchstimmung« im deutsch-russischen Verhältnis um 1990.

Kein Interesse

Allerdings ist diese Sichtweise kein Gemeingut in der deutschen politischen Sphäre. Wenn im Buch von Rahr ein Russe daran verzweifelt, dass Deutschland heute auf die Parameter der Russland-Politik eines Otto von Bismarck verzichten zu können glaubt, so übersieht dieser Walodja, dass Bismarck für Außenminister Heiko Maas keine Kategorie und überhaupt kein Begriff ist, jedenfalls keiner, der mit seiner Arbeit etwas zu tun hat. Maas steht, wenn man so will, in der diplomatischen Tradition des einstigen »Rheinbundes«, die in gewisser Weise aufgehoben war in der Politik der alten BRD und kein Interesse an guten Beziehung zu Russland hat, sondern an seiner Schwächung. Und die in dieser Orientierung keinen Fehler, sondern einen Wert sieht, der keineswegs ein Widerspruch zu einer »kraftvollen Aufbruchstimmung« sein muss. Dazu gehört, Russland von Zeit zu Zeit die Hand zu reichen, sie aber in dem Moment zurückzuziehen, wenn sie ergriffen werden will.

Den vorläufigen Sieg haben die davongetragen, die – ohne Waffen – in gewisser Weise zu den politischen Ergebnissen des Friedens von Brest-Litowsk zurückkehren wollten. Russland ist aus dem Baltikum verdrängt, das – wie nach dem Ersten Weltkrieg – umgehend Einflussgebiet des »Westens« wurde. Die Ukraine ist Puffer und Fuß in der Tür zugleich. Ziel auch der deutschen Politik ist es, diesen Zustand zu erhalten und weiter auszubauen. Es sieht also nicht gut aus. Die Hoffnung bleibt, dass die Anmaßung Grenzen hat. Kurt Tucholsky schrieb 1931: »›Russland muss badisch werden!‹ stand zu Kriegsbeginn auf den Viehwägen, in denen man das Menschenmaterial transportierte. Aber ich fürchte: Eher wird Baden russisch.«

Alexander Rahr: Anmaßung. Wie Deutschland sein Ansehen bei den Russen verspielt. Das Neue Berlin, Berlin 2021, 174 Seiten, 16 Euro

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