Gegründet 1947 Dienstag, 13. April 2021, Nr. 85
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Aus: Ausgabe vom 27.03.2021, Seite 4 (Beilage) / Wochenendbeilage
Reportage

Abi in Karl-Marx-Stadt

Die ehemals sozialistische Industriestadt im Wandel der Zeit. Erinnerungen an vier prägende Jahre
Von Steffen Bayer
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Das Wohngebiet »Fritz Heckert« und der Rote Turm: Umschlaggestaltung einer Ende der 80er Jahre vom Rat der Stadt herausgegebenen Broschüre

Vor über 50 Jahren, im Juni 1970 in Karl-Marx-Stadt, feierten Schüler der 12. Klassen der Friedrich-Engels-Oberschule die bestandenen Abiturprüfungen in der Wernesgrüner Bierstube »Zum Güldenen Bock« am Rosenhof. Der harte Kern zog nach dem Besäufnis zum Busbahnhof, um sicherzustellen, dass die im Umland wohnenden Klassenkameraden ihre Anschlüsse erreichten. Auf dem Weg zum damals modernsten Busterminal der DDR entstand die Idee zu einem ultimativen Abigag: Badusan in den Klapperbrunnen, der als dekoratives Element auf dem Bahnhofsvorplatz mit kippbar gelagerten Schalen versehen war, die je nach Füllstand nach unten klappten. Der Erfolg übertraf alle Erwartungen: Nach etwa zwei Stunden überzog eine etwa einen Meter hohe Schaumschicht den Vorplatz, es roch nach Fichtennadel und in den Nasen der herbeieilenden Volkspolizei nach Sabotage. Die Täter wurden nie ermittelt.

Doch zurück zum Anfang. In der Festschrift »50 Jahre Abitur 1970–2020 – EOS Friedrich Engels« liest sich das so:

»Es war ein grauer, kühler und regnerischer Spätsommertag, dieser 1. September 1966. Einhundertundneun 14- und 15jährige Schüler erklommen nach den Sommerferien den Kaßberg. Ehrfürchtig durchschritten sie das Eingangsportal der Erweiterten Oberschule ›Friedrich Engels‹ und wurden in die Aula geleitet. Nach richtungweisender Rede des Direktors dann das erste Kennenlernen im Klassenzimmer. Manche kannten sich aus der vorhergehenden Schule, die meisten aber sahen sich zum ersten Mal. Platz aussuchen, sich vorstellen, erste zurückhaltende Gespräche. (…) Die Beatles waren ein Thema, der neue und für manchen Waldbewohner lange Schulweg ein anderes; die beginnende Kulturrevolution in China sicher keins.

Schritt für Schritt nahmen wir die Penne, die für die folgenden vier Jahre unser zweites Zuhause werden sollte, in Besitz. Regeln für das Zusammensein wollten gefunden und Disziplin für den Unterricht entwickelt werden. Die tägliche Milch in der großen Pause war okay, das ›Im-Kreis-Laufen‹ auf dem Schulhof nicht jedermanns Geschmack. Das Schulessen war mal so, mal so.

Kollektivbildende Zeit

Ein Glücksfall, so scheint es heute, war das temporäre Experiment des Ministeriums für Volksbildung der DDR, an unserer Generation das Konzept ›Abitur mit Berufsausbildung‹ zu testen. Es hatte den Vorteil, dass wir während der vier Jahre monatlich etwas ›Kohle‹ bekamen und neben dem Abi auch noch einen abgeschlossenen Beruf vorweisen konnten.

Müßig wäre, in der vorliegenden Schrift auf den Zweck unseres Daseins an der FES – das Lernen – einzugehen. Das musste schon damals jeder für sich entscheiden und liegt wohl auch rückblickend noch immer im Auge des Betrachters. Festzustellen ist aber dennoch, dass wir alle in jenen Jahren eine exzellente fachliche Ausbildung und humanistische Prägung erfahren haben – dank ambitionierter Pädagogen und günstiger, weitestgehend sorgenfreier Bedingungen.

In dieser Reminiszenz sollten zwei Erfahrungen nicht fehlen: Seedorf, das jährlich durchgeführte Zeltlager auf Rügen, und die viermal im Jahr stattfindenden Schülerbälle. Wahrscheinlich so vom Pädagogischen Rat der Schule nicht konzipiert, waren es doch wichtige Maßnahmen für uns Pubertierende auf dem Weg zum Erwachsenwerden. Erste sexuelle Erfahrungen, das Entstehen und Verlöschen einer Liebe bis hin zu Partnerschaften, die die Zeiten überdauert haben – all das verdanken wir auch unserer Penne.

Der Weg zum Abi dauerte – damals gefühlt – vier lange Jahre. Aufgelockert wurde das tröge Streben durch Wandertage, Klassenfahrten und Tanzstunde. Vorausschauende machten die Fahrerlaubnis, andere holten sich ihre Bestätigung im außerschulischen Sport oder bei der Teilnahme an Mathe- und Russisch-Olympiaden.

Ein bemerkenswerter Vorgang war etwa zur Halbzeit die sogenannte Studienlenkung: Offiziere wurden gebraucht und Lehrerinnen sowieso. Wer seine berufliche Perspektive exotischer plante, hatte meist mit den ›Mühen der Ebenen‹ zu kämpfen.

Im März 1970 trafen sich Willy Brandt und Willi Stoph in Erfurt und leiteten eine Wende in den deutsch-deutschen Beziehungen ein. Im April erklärt Paul McCartney auf einer Pressekonferenz seine Trennung von den Beatles. Von diesen Weltereignissen unbeeindruckt, fieberten wir den Abiprüfungen entgegen. Vierjährige Erfahrung im ›Spicken‹ und tolerante, nachsichtige Lehrer waren der Garant für unseren Erfolg. Natürlich auch Strebsamkeit, wenn einer das so sehen möchte.

Ein letztes Mal Seedorf war für viele der endgültige Abschied von unserer geliebten, manchmal auch verhassten Penne. Wir liefen aber auseinander, ohne wirklich Abschied zu nehmen. Das mussten wir wohl auch nicht; die Klassentreffen in den darauffolgenden 50 Jahren sind der Beweis, dass unsere Schulzeit durchaus ›kollektivbildend‹ war. Wir sind uns nach all den Jahren nicht fremd geworden und haben uns immer noch etwas zu sagen. Danke also unserer Friedrich-Engels-Oberschule und ihren Lehrern für die schöne und prägende Zeit.«

Eine Stadt wird groß

Unsere schulische Ausbildung fiel zweifellos in die prosperierendste Epoche der Stadtentwicklung. Nachdem das »sächsische Manchester« im Zweiten Weltkrieg zu 80 Prozent zerstört worden war, schuf ein engagiertes Wiederaufbauprogramm bis Mitte der 70er Jahre eine moderne sozialistische Industriemetropole. Das in der Folgezeit aufgelegte Wohnungsbauprogramm, zinslose Kredite für junge Ehen und andere sozialpolitische Maßnahmen führten ein Jahrzehnt später zur höchsten Einwohnerzahl nach dem Krieg. Allein im Fritz-Heckert-Gebiet sicherte die Fertigstellung von neuen Wohnungen eine Verbesserung der Lebensbedingungen von rund 85.000 Einheimischen und Zugezogenen.

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Die Erweiterte Oberschule Friedrich Engels in Karl-Marx-Stadt

Und ja, es lebte sich gut in dieser Stadt. Aus den Trümmern entstand von West nach Ost die Magistrale Am Rosenhof und Straße der Nationen. Die Tangente beherbergte unzählige Fachgeschäfte, Modehäuser, Cafés und Restaurants. Die »Kosmos-Bar«, der »Stadtkeller« oder die Tanzbar »Moskau« führten auch in den Nachtstunden zu Betriebsamkeit auf dieser Flaniermeile. Mit der Fertigstellung des Hotels »Kongress« und der Stadthalle wurde das touristische und kulturelle Angebot für die Einwohner und ihre Gäste spürbar erweitert. Zu einem politischen Höhepunkt wurde 1971 die Einweihung der zwölf Meter hohen Bronzebüste von Karl Marx; im lokalen sächsischen Sprachgebrauch fürderhin als »Nischel« bezeichnet.

In jenen 40 Jahren bot die Stadt Tausenden ausländischen Bürgern Zuflucht, Ausbildung und Arbeit sowie zeitweilige Heimat. Bereits Anfang der 50er kamen politisch Verfolgte und ihre Familien aus Griechenland, die erst mit dem Ende der Militärjunta 1974 zurückkehren konnten. Nach dem Pinochet-Putsch konnten sich von Folter und Tod Bedrohte aus Chile hier sicher fühlen. In den 60er bis in die 80er Jahre holte die DDR Vertragsarbeiter aus Polen, Ungarn, Kuba, Vietnam, Angola und Mosambik nach Karl-Marx-Stadt. Neben einer beruflichen Aus- und Weiterbildung sollten sie vor allem für eine Entspannung auf dem Arbeitskräftemarkt in der boomenden Industriemetropole sorgen.

In der kollektiven Erinnerung an jene Zeiten kommen Ausländerfeindlichkeit und -hass nicht vor. Das sollte sich erst nach dem Überstülpen »freiheitlich-demokratischer Werte« grundlegend ändern …

Die Klassentreffen dieser Jahre belegen, dass sich die ehemaligen Abiturienten in der Gesellschaft einzurichten wussten, dass Angst vor beruflichem und sozialem Abstieg kein Thema war. Der heutige Rückblick auf diese Jahre ist mehrheitlich positiv besetzt. Erst das bundesdeutsche Ministerium für Wahrheit, die Bundeszentrale für politische Bildung und gleichgeschaltete »Qualitätsmedien« lehrten uns nach der Übernahme, unter welch unvorstellbarem Maß an Überwachung und Unterdrückung wir leben, lieben und leiden mussten.

Über die Nachwendezeit in unserer Heimat schrieb der Wirtschaftshistoriker und jW-Autor Jörg Roesler im Oktober 2018 im Freitag von einem »Niedergang, wie ihn die Industriestadt Chemnitz in ihrer Geschichte noch nie erlebt hat«. Fürwahr, und: »Ende der 1980er Jahre waren die Hälfte der Betriebe und ein Drittel der Industriebeschäftigten Sachsens in Karl-Marx-Stadt zu Hause.«

Von dem Wüten der Treuhand und der Besetzung von Führungspositionen in Wirtschaft und Behörden, Justiz, Bildung und Medien durch importierte »Spitzenkräfte« hat sich die Stadt bis heute nicht wieder erholt. Ein Bevölkerungsrückgang um 25 Prozent, einhergehend mit dem höchsten Wohnungsleerstand aller deutschen Großstädte, sprechen eine eindeutige Sprache. Auffällig ist bei einem Spaziergang durch die Stadt oder beim Blick in die Regionalpresse, dass freie Wohnungen kaum beworben werden. Was sollen auch Werbeaufwendungen, wenn ohnehin keine Nachfrage besteht. Der Altersdurchschnitt liegt in Chemnitz deutlich über dem des Bundes; die Einwohnerzahl ist weiter rückläufig. Die ehedem stolze Industriestadt steuert der Agonie zu.

Stolz und Scham

Die Treffen der Mitschüler wurden auch nach der Landnahme durch die »Wessis« fortgeführt. Ende der 90er wurde offenbar, wie viele Biographien zu Bruch gegangen bzw. ernsthaft beschädigt worden waren. Lehrerinnen waren entlassen worden, Offiziere geschasst, Diplomingenieure blieben arbeitslos. Selbständigen wurden langjährige Kreditlinien durch die neuen Banken storniert. Manche »machten rüber«.

Im Rahmen eines länger zurückliegenden Klassentreffens entstand die Idee, ein Buch mit den Lebenslinien der ehemaligen Abiturienten, ein Buch über eben diese Brüche zu schreiben. Das Projekt wurde mehrheitlich abgelehnt – aus Scham, dieses vermeintlich individuelle Versagen offenzulegen. Ein ehemaliger Offizier schrieb in seiner Absage: »Ich bin froh, nach der Wende nicht in Kriegsgefangenschaft gekommen zu sein. Ich verfress’ jetzt meine kleine Rente; damit soll es gut sein.« Welch ein Statement für einen Offizier der einzigen deutschen Armee, die keine anderen Völker überfallen hat! Dennoch, auch bei zunehmend auseinanderdriftenden politischen Positionen zum aktuellen Weltgeschehen – der persönliche Zusammenhalt blieb bis heute bestehen. Eine Mitschülerin beschrieb das in einer E-Mail nach dem letzten Treffen so: »Wenn man bedenkt, dass man nur vier Jahr zusammen war, was sich aber viel länger anfühlt, ist das schon ein großes Phänomen. Heimat ist eben nicht nur ein Ort, sondern auch ein Gefühl; und dieses Heimatgefühl hatte ich wieder nach all unseren Gesprächen.«

Dennoch, die heimatlichen Gefühle unserer Generation der Geburts- und Heimatstadt gegenüber beginnen zu bröckeln. Mag es am fortschreitenden Alter liegen, am zunehmenden Verblassen guter Erinnerungen oder eher an der inneren Verfasstheit dieser Stadt 30 Jahre nach dem gesellschaftspolitischen Wandel. Nein, früher war nicht alles besser. Es war nur deutlich wärmer.

Seit Oktober vergangenen Jahres ist klar: Chemnitz wurde zur Kulturhauptstadt Europas 2025 gewählt. Wünschen wir der Stadt auf dem Weg dahin Erfolg. Das von einer Bonner Verlagsgruppe initiierte Topmagazin Südwestsachsen, Ausgabe Winter 2020/2021, widmete diesem Event breiten Raum. Im Entrée lädt es die Chemnitzer schon einmal zum Winterurlaub und »alpinen Powershopping« nach Kitzbühel ein.

Der Ort unserer geselligen Treffen nach dem Unterricht, der »Güldene Bock« am Rosenhof, wurde kurz nach der Wende abgerissen. Die Schaumorgie am Klapperbrunnen erfuhr keine Fortsetzung durch nachfolgende Abiturientengenerationen.

Sic transit gloria mundi.

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