1.000 Abos für die Pressefreiheit!
Gegründet 1947 Freitag, 18. Juni 2021, Nr. 139
Die junge Welt wird von 2552 GenossInnen herausgegeben
1.000 Abos für die Pressefreiheit! 1.000 Abos für die Pressefreiheit!
1.000 Abos für die Pressefreiheit!
Aus: Ausgabe vom 27.03.2021, Seite 15 / Geschichte
Geschichte der Arbeiterbewegung

Aufstand im März

Vor 100 Jahren erhoben sich in Mitteldeutschland radikale Arbeiter
Von Bernd Langer
Bundesarchiv Bild 183-K0105-0601-004, Märzkämpfe in Mitteldeutsc
Verhaftete Arbeiter werden von der preußischen Polizei abgeführt (Eisleben, Ende März)

Im Frühjahr 1921 sind der Oberpräsident der preußischen Provinz Sachsen, Otto Hörsing und Innenminister Carl Severing, beide SPD, über die Situation im mitteldeutschen Industriegebiet beunruhigt. Die Region ist eine linksradikale Hochburg. Mit der Vereinigung des linken USPD-Flügels mit der KPD zur VKPD am 4. Dezember 1920 befinden sich die Kommunisten im Aufwind. Allein im Bezirk Halle-Merseburg treten rund 60.000 USPD-Mitglieder zur VKPD über. Das sind fast so viele Mitglieder wie der KPD insgesamt vor dieser Vereinigung angehörten. Auch die ultraradikale KAPD (das A steht für Arbeiter), die im April 1920 aus der KPD hervorgegangen ist, hat in Mitteldeutschland viele Anhänger.

So kommt es vor dem Hintergrund sozialer Spannungen zu ständigen Streiks und Anschlägen in der Region. Zudem sind seit den Tagen des Kapp-Putsches viele Waffen im Umlauf. Gegen diesen Unruheherd wollen Hörsing und Severing mit Polizeigewalt vorgehen. Zur näheren Absprache findet Anfang Februar 1921 ein Treffen mit Bürgermeistern, Landräten und Industriellen statt.

Zur gleichen Zeit erhält die VKPD-Führung überraschend Besuch von drei Abgesandten des Exekutivkomitees der Kommunistischen Internationale (EKKI). Denn die Politik der Bolschewiki ist in Russland in eine schwere Krise geraten. Um dem entgegenzusteuern, ist man in der Moskauer Zentrale zur Auffassung gelangt, dass eine kommunistische Erhebung in Deutschland die Fortführung der Weltrevolution beleben soll. Passend wird dazu eine »Offensivstrategie« entworfen, nach der eine kommunistische Partei verpflichtet ist anzugreifen, selbst wenn die Niederlage absehbar ist. Beim Parteivorsitzenden Paul Levi und bei Clara Zetkin treffen diese Vorstellungen auf völlige Ablehnung. Levi tritt daraufhin Ende Februar zurück, neuer Vorsitzender wird Heinz Brandler, der die »Offensivstrategie« übernimmt. Konkrete Planungen werden jedoch nicht eingeleitet.

Aufruf zum Streik

Erst als Oberpräsident Hörsing die Polizeiaktion mit Beginn der Osterferien, am Samstag, den 19. März, startet, überschlagen sich die Ereignisse. Unverzüglich verkündet die Bezirksleitung der VKPD in Halle, Gegenaktionen einzuleiten. Auch die KAPD reagiert sofort. Einer ihrer Köpfe, Karl Plättner, eilt am 19. März von Leipzig nach Halle und mobilisiert die 3.200 Mitglieder der Partei im Bezirk. Am Abend ruft er in einer Versammlung zum bewaffneten Aufstand auf. Anschließend wird eine Kampfleitung gewählt und unter Plättners Führung Kontakt mit der VKPD aufgenommen.

Es zeigt sich aber, dass der Einmarsch der Polizei nicht zu einer allgemeinen Empörung der Arbeiterschaft führt. Das liegt nicht zuletzt am defensiven Vorgehen der Polizeihundertschaften, die lediglich ihre Quartiere in den vorgesehenen Schulen beziehen und ansonsten kaum in Erscheinung treten.

Die VKPD will es dabei nicht bewenden lassen und schickt ihr Führungsmitglied Hugo Eberlein nach Mitteldeutschland. Während Eberlein nichts bewirkt, sind andere Trupps, wie der unter Karl Plättner, erfolgreicher. Schachtanlagen und Gleise fliegen in die Luft, Zechenbüros und Banken werden überfallen. Das sorgt für Unruhe, während die Parteiführung eine Streikbewegung zu initiieren versucht. Um das zu verhindern, bilden SPD, ADGB und USPD am 22. März in Halle eine gemeinsame Kommission und überschütten die Bevölkerung mit Aufrufen gegen Streiks.

Entscheidend ist die Ankunft des steckbrieflich gesuchten Max Hoelz in der Nacht zum 22. März im Mansfelder Land. Im Zug aus Berlin befinden sich fünf weitere Genossen, allesamt militante Aktivisten der KAPD. Mit diesem Stab geht Hoelz nach Eisleben und stellt im Handumdrehen eine erste Truppe von 150 Aufständischen zusammen. Damit beginnt der bewaffnete Aufstand.

Parallel versucht die VKPD, den Streik auszuweiten. Besonders wichtig ist das Leuna-Werk, dessen rund 23.000 Arbeiter sich dem Ausstand anschließen. Allerdings bleiben nur 2.000 Streikende im Werk zurück, um es zu besetzen, und von denen ist wiederum nur ein Teil bereit, eine Arbeiterwehr zu bilden. Eine namentliche Auflistung weist 998 Personen auf, eingeteilt in 18 Kompanien. Insgesamt sind nicht mehr als 200 Gewehre und einige Pistolen vorhanden. Der neu gewählte Aktionsausschuss liegt in Händen der KAPD unter Leitung des 23jährigen Franz Peter Utzelmann.

Letztlich gelingt es den kommunistischen Schwesterparteien im mitteldeutschen Industrierevier, weitgehende Arbeitsniederlegungen durchzusetzen. Am 24. März propagiert die VKDP dann den Generalstreik für das gesamte Reichsgebiet. Der Termin ist in der Absicht gewählt, einen erfolgreichen Beginn zu suggerieren, denn der 25. März 1921 ist Karfreitag. Feiertagsbedingt wird vier Tage nicht gearbeitet. Doch trotz aller Bemühungen stößt der Streikaufruf nicht einmal in den umliegenden Großstädten Leipzig, Halle und Erfurt auf den erhofften Widerhall.

Statt dessen treffen weitere Polizeikräfte in erheblichem Umfang ein. Darunter vier Düsseldorfer Hundertschaften, die am 25. März am Bahnhof Sandersleben ankommen. Unterstützt wird die Polizeitruppe durch die 4. Batterie des Reichswehr-Feldartillerie-Regiments 2 aus Halberstadt. Vom 26. bis 28. März ziehen diese verstärkten Hundertschaften in breiter Front einmal quer durch das Aufstandsgebiet und brechen jeden Widerstand. Um ein Ende der Kämpfe im Regierungsbezirk Merseburg zu erreichen, bleibt aber die Zerschlagung der Hoelz-Truppe von zentraler Bedeutung.

Kampf um Leuna

Der Rebellenführer will nicht in die Defensive geraten und lässt am 28. März das Artilleriedepot in Ammendorf ausräumen. Anschließend soll Halle besetzt werden. Als Verstärkung aus Leuna nicht eintrifft, greift Hoelz mit seinen 500 Mann allein an. In einem heftigen Gefecht wird die Truppe völlig aufgerieben. Hoelz schlägt sich zu einem Sammelpunkt nach Gröbers durch, während andere Kämpfer ins Leuna-Werk flüchten. Dort ist Verstärkung willkommen, denn immer mehr Verteidiger verlassen das Werk. Schließlich findet am 28. März eine dramatische Versammlung statt. Bevor es zu spät ist, will sich eine große Gruppe, in der sich alle führenden Kader befinden, absetzen. Auch Utzelmann befindet sich unter den etwa 300 Männern, die unter Mitnahme ihrer Waffen gegen 22 Uhr an den Polizeiposten vorbeischleichen.

Bei der verbleibenden Besatzung herrscht nach der Flucht der Führungsgruppe Ratlosigkeit. Noch im Werk befindliche Mitglieder des Betriebsrats und des Aktionsausschusses wollen das Werk kampflos übergeben. Die Direktion lehnt das Angebot ab. Man will die militärische Lösung.

In der Nacht zum 29. März schließt sich der Ring von 2.000 Polizisten, unterstützt durch eine Haubitzenbatterie der Reichswehr, um das Leuna-Werk. Ab 6.30 Uhr schmettern Artilleriesalven ins Innere des Industriekomplexes. Um 8 Uhr folgt der Sturmangriff der Polizei, der nur auf geringen Widerstand stößt. Ein Polizist fällt, zwei werden verwundet. Demgegenüber sterben 30 bis 70 Arbeiter bei der Einnahme des Werkgeländes. Rund 1.800 Arbeiter werden in Leuna und Umgebung gefangengenommen und in zwei leere Silos auf dem Werksgelände gesperrt. Tagelang bleiben die Gefangenen in den fensterlosen Betonkammern eingepfercht.

Am 30. März wollen vier junge Arbeiter eine Befreiungsaktion starten, ihr Plan misslingt. Zwei von ihnen werden erschossen und zusammen mit sieben anderen gefallenen Leuna-Arbeitern auf dem Gänseacker bei Leuna-Kröllwitz verscharrt, da sich der örtliche Gemeindepfarrer weigert, die Toten auf dem Friedhof zu bestatten. Die letzte nennenswerte Gruppe des Aufstandes, geführt von Max Hoelz, wird am 1. April beim Gutshof Beesenstedt zerschlagen. Hoelz gelingt die Flucht, er wird am 16. April in Berlin festgenommen und zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt.

145 Zivilisten und 35 Polizisten kostet der Aufstand das Leben, hinzu kommt eine unbekannte Zahl Verwundeter. 4.000 Aufständische werden von Sondergerichten abgeurteilt, etliche linke Aktivisten sind auf der Flucht. Der Mitgliederstand der VKPD sinkt von 359.000 zu Beginn der Märzaktion auf 180.443 im Sommer 1921. Infolge der Niederlage kommt es zu Spaltungen der KAPD, die bald in der Bedeutungslosigkeit verschwindet.

1.000 Abos jetzt

Die Bundesregierung sagt: der Tageszeitung junge Welt sei mit geheimdienstlichen Mitteln der »Nährboden zu entziehen«. Wirtschaftlich und wettbewerbsrechtlich negative Folgen durch die Nennung der Zeitung im Verfassungsschutzbericht seien sogar beabsichtigt.

Unsere Antwort darauf kann nur sein, dass sie mit diesem grundgesetzwidrigen Eingriff in die Presse- und Meinungsfreiheit genau das Gegenteil erreichen! Deshalb fordern wir alle Freunde, Leserinnen und Leser, Unterstützer, Autoren und Genossenschaftsmitglieder auf: Tun wir alles, um den »Nährboden« der jungen Welt zu stärken – jetzt erst recht!

Dieser Artikel gehört zu folgenden Dossiers:

Leserbriefe zu diesem Artikel:

Ähnliche:

  • Zehn Jahre nach dem Parteitag in Halle gut gelaunt zurück in der...
    10.10.2020

    Tumulte im Volkspark

    Vor 100 Jahren entschied sich auf einem Parteitag in Halle eine Mehrheit der USPD für den Anschluss an die Kommunistische Internationale
  • Kurze Pause: Lenin (Vordergrund) mit Teilnehmern des II. Weltkon...
    07.08.2020

    Die Revolution beschleunigen

    Euphorische Atmosphäre: Vor 100 Jahren endete in Moskau der II. Weltkongress der Kommunistischen Internationale
  • Streik, Erhebungen und Attentate: Im Mitteldeutschen Aufstand kä...
    22.03.2011

    Es gilt die Tat!

    Vor 90 Jahren begann der Mitteldeutsche Aufstand