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Aus: Ausgabe vom 26.03.2021, Seite 8 / Ansichten

Reishungrige des Tages: Nike

Von Matthias István Köhler
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China schreitet zum Gegenangriff und boykottiert nun westliche Firmen wie den nach einer griechischen Göttin benannten Turnschuhhersteller

Augenzwinkern: »Macht einfach! Just do it!« So mag es abgelaufen sein, als ein windiger US-Agent in schickem Anzug mit Krawatte dem Sportartikelhersteller Nike in seinem Firmensitz in Beaverton den Ukas gab: Keine Baumwolle mehr aus Xinjiang. Die Folge? Kein Reis mehr für das nach der antiken griechischen Siegesgöttin benannte US-Unternehmen. Wer hätte das gedacht?

Nike hat 2019 weltweit einen Umsatz von 37,4 Milliarden gemacht, davon entfielen fast sieben Milliarden auf die Volksrepublik. Das ist nun Geschichte. Am Donnerstag wurde in den chinesischen sozialen Medien die Stellungnahme vom Juli vergangenen Jahres bekannt, dass Nike wegen »Bedenken« bezüglich »Zwangsarbeit« keine Stoffe mehr aus der Uigurischen Autonomen Region beziehen will.

»Gerüchte verbreiten, um Baumwolle aus Xinjiang zu boykottieren und gleichzeitig Geld machen in China? Das ist Wunschdenken«, so ein Post des Kommunistischen Jugendverbands Chinas. Dabei ist nicht nur Nike betroffen. Die Welle der Empörung in der chinesischen Bevölkerung trifft auch H & M, Adidas, Puma, New Balance, Zara und Burberry, die laut Medienberichten ähnliche Statements abgegeben haben. Produkte wurden von Onlineverkaufsplattformen verbannt, in mehreren Städten bereits die Schließung von Läden veranlasst. »Das chinesische Volk wird nicht zulassen, dass einige Ausländer Chinas Reis essen, während sie seine Schalen zertrümmern«, hieß es dazu von einer Sprecherin des Außenministeriums in Beijing.

Während also die neuen Kalten Krieger in den USA und der EU sich mit viel Getöse die »Menschenrechtslage« in Xinjiang zum neuen Hauptschauplatz ihrer Propagandaschlacht erkoren haben, zuckt die chinesische Bevölkerung mit den Schultern. Wer braucht schon olle Nike-Sneaker? Aber im Westen könnte bald Reismangel herrschen, und dann wird das Geschrei groß sein.

Wer fürchtet sich eigentlich vor wem?

Polizei vor Kiezkneipen- oder Waldschützern, Instagram vor linken Bloggern, Geheimdienste vor Antifaschisten? Oder eher andersherum? Die Tageszeitung junge Welt entlarvt jeden Tag die herrschenden Verhältnisse, benennt Profiteure und Unterlegene, macht Ursachen und Zusammenhänge verständlich.

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Debatte

  • Beitrag von josef w. aus H. (26. März 2021 um 10:21 Uhr)
    Es wundert mich schon ein bisschen, wie ignorant die Verantwortlichen von Nike sind – sogar gegenüber ihren Aktionären: Auf die Ankündigung, keine Garne und Baumwolle aus Xinjiang mehr zu beziehen, fragten Netzuser auf Wechat erstaunt, ob Nike wirklich bereit sei, den chinesischen Markt aufs Spiel zu setzen. Es bedarf keines Aufrufs der chinesischen staatlichen Medien, um diese Reaktion der chinesischen Kunden zu provozieren. Hinzu kommt noch ein weiterer Aspekt: Zur wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklung Xinjiangs wurden in den letzten Jahren riesige Areale von Baumwollfeldern in Gegenden erschlossen, die vordem mehr oder weniger Wüste waren. Diese Baumwollfelder sind zu einem großen Teil in Besitz von Uiguren und stellen die Basis für weiterverarbeitende Industrien dar, die natürlich auch der uigurischen Bevölkerung zugute kommen. Ein Boykott wird zweifellos großen wirtschaftlichen Schaden verursachen, und die perfide Absicht besteht darin, den gesellschaftlichen Entwicklungsprozess Xinjiangs zu unterminieren, soziale Spannungen zu verschärfen und für die radikalislamischen Kräfte in der Region soziales Kanonenfutter zu rekrutieren. »Menschenrechte – rechte Menschen«, kalauerte Wiglaf Droste einst, und recht hatte er.

    Allerdings zeigt sich im nachhinein, dass es nicht so klug war von den Behörden vor Ort, vielleicht auch von der Zentralregierung, über die terroristischen Aktivitäten dieser islamischen Bewegung in Xinjiang, die hauptsächlich von Uiguren getragen wurde, den Mantel des Schweigens zu decken. Einerseits, um den Terroristen keine unfreiwillige Propagandaplattform zu bieten, andererseits vielleicht auch, um vor der Zentralregierung nicht als inkompetent in der Lösung sozialer und politischer Probleme zu erscheinen. Mittlerweile erkennt man: Verschweigen und Verdecken von Problemen bringt nichts – die Wahrheit in den Tatsachen suchen ist ein guter Vorsatz für politisches Handeln.

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