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Aus: Ausgabe vom 26.03.2021, Seite 4 / Inland
Krise der katholischen Kirche

Simulierter Kulturwandel

Köln: Unterdrücktes Gutachten zu sexualisierter Gewalt unter Auflagen einsehbar
Von Bernhard Krebs, Köln
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Rainer Maria Woelki am Dienstag bei einer Pressekonferenz in Köln

Ungeachtet der Veröffentlichung eines Gutachtens zum Umgang der Kölner Bistumsleitung mit sexualisierter Gewalt durch katholische Priester in der Vergangenheit brodelt es weiter im größten Bistum Deutschlands. Darum versucht Erzbischof Rainer Maria Woelki, weiter Druck vom Kessel zu nehmen. Seit Donnerstag gewährt er Interessierten bis zum 1. April Einblick in das wegen angeblicher methodischer Mängel und rechtlicher Bedenken ein Jahr lang unterdrückte Gutachten der Münchener Kanzlei Westpfahl Spilker Wastl (WSW). Wie auch das am Donnerstag vergangener Woche vorgestellte Gutachten des Kölner Strafrechtlers Björn Gercke – er war nach der Zurückhaltung des WSW-Gutachtens mit der Erstellung eines neuen Gutachtens beauftragt worden – belastet das WSW-Gutachten Woelki persönlich nicht. Der Erzbischof hatte daraufhin einen Rücktritt ausgeschlossen.

Die Bedingungen für die Einsichtnahme in das WSW-Gutachten im Tagungszentrum des Bistums sind restriktiv: So dürfen nur handschriftliche Notizen gemacht werden, die Anfertigung von Abschriften ist untersagt, Zitate aus dem Gutachten sind somit nicht möglich. Kernforderung des WSW-Gutachtens ist ein »Kulturwandel in der katholischen Kirche«. Die Münchener Kanzlei empfiehlt, dem derzeitigen männerbündlerischen System unter anderem durch die Berufung von Frauen in Führungspositionen entgegenzuwirken. Weiter regt das Gutachten unter anderem eine kritische Überprüfung des priesterlichen Selbstverständnisses als auch eine Reform der Priesterausbildung an. Zwar sei ein Zusammenhang zwischen sexuellem Missbrauch und der vorgeschriebenen Ehelosigkeit katholischer Priester nach derzeitigem Kenntnisstand nicht nachweisbar. Die Frage gehöre aber auf den Prüfstand. Die geradezu paranoide Angst der Kirche vor Öffentlichkeit und der damit verbundene Hang zur Geheimhaltung seien ebenfalls diskussionswürdig. Unverzichtbar sei zudem der direkte Kontakt kirchlicher Verantwortungsträger mit den Opfern des Missbrauchs. Das Erzbistum müsse sich dem Leid aussetzen, das die von sexualisierter Gewalt betroffenen Menschen erfahren hätten.

Wie bereits das Gercke-Gutachten sieht auch WSW schwere Pflichtversäumnisse unter anderem bei Woelkis Vorgänger Joachim Meisner (1933–2017). Meisner war von 1989 bis 2014 amtierender Erzbischof von Köln. Er hatte nach Bekanntwerden des Missbrauchsskandals 2010 beteuert, »nichts geahnt« zu haben – vor dem Hintergrund beider Gutachten also eine glatte Lüge und damit ein Verstoß gegen das achte der zehn Gebote.

Bereits am Mittwoch hatte Maria Mesrian von »Maria 2.0«, einer von Frauen in der katholischen Kirche gegründeten Initiative, einen grundsätzlichen Bruch mit dem »System Meisner« gefordert. In einem Interview mit dem Deutschlandfunk sagte Mesrian: »Dieses System versetzt das Bistum immer noch in Angst und Schrecken.« Auch unter Meisners Nachfolger Woelki habe sich am System nichts verändert. Trotz allem will Mesrian der Kirche weiterhin die Treue halten. Sie schränkte aber ein: »Ich weiß nur nicht genau, wie lange noch.« Die Entscheidung Woelkis im Herbst 2020, das WSW-Gutachten unter Verschluss zu halten, hatte zu einer beispiellosen Vertrauenskrise und zu einer Austrittswelle von Gläubigen im mit 1,9 Millionen Katholiken mitgliedsstärksten Bistum Deutschlands geführt.

Ebenfalls am Mittwoch hatte WSW die restriktiven Bedingungen für die Einsichtnahme in ihr Gutachten kritisiert: »Gegen Zitate spricht aus unserer Sicht nichts«, hieß es in einer auf der Kanzleihomepage veröffentlichten Mitteilung. Ferner gingen die Münchener Anwälte mit ihrem Kölner Kollegen hart ins Gericht: Das »Zweitgutachten« betreibe »Recht ohne Moral«. Idealisierend heißt es weiter: Der »umfassende Schutz von Schwachen und Schutzlosen und namentlich von Minderjährigen« sei seit jeher »Kernbestand des kirchlichen Selbstverständnisses«.

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