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Aus: Ausgabe vom 26.03.2021, Seite 2 / Inland
Ausverkauf der Stadt

Wut über »Meuterei«-Räumung

Polizeilicher Großeinsatz gegen linkes Kneipenkollektiv in Berlin-Kreuzberg
Von Michael Merz
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Das Wohngebiet um die »Meuterei« wurde vor deren Räumung zum Sperrgebiet erklärt (Berlin-Kreuzberg, 25.3.2021)

Ein weiterer links-alternativer Rückzugsort in Berlin ist an einen Immobilienhai verlorengegangen. Am Donnerstag morgen stürmten mit Kettensäge und Vorschlaghammer ausgestattete Polizisten die bekannte Kiezkneipe »Meuterei« im Stadtteil Kreuzberg. Insgesamt 1.100 Beamte waren für den Großeinsatz mobilisiert. Seit Mittwoch nachmittag war mit Absperrgittern eine weiträumige Sperrzone rund um das Gebäude errichtet worden, wo auch das Versammlungsrecht außer Kraft gesetzt wurde. Der Verlust der auch für sozialpolitische Vernetzung und aktive Nachbarschaftshilfe bekannten »Meuterei« reiht sich ein in eine Serie von Räumungen linker Objekte – unter anderem der Kneipe »Syndikat« und des queer-feministischen Hausprojekts »Liebig 34« –, die seit Sommer 2020 ungeachtet der Pandemie fortgesetzt wird. »Die Räumung der Meuterei ist nur ein weiteres Beispiel dafür, wie der ›rot-rot-grüne‹ Senat die Profitinteressen von Investoren durchprügelt«, erklärte das Kneipenkollektiv der »Meuterei« am Donnerstag in einer Stellungnahme. »Wir sind wütend darüber, dass ein Investor wie Goran Nenadic hier ankommt, das Haus kauft, entmietet, schick saniert und wieder weiterverkauft, ohne Rücksicht zu nehmen, was er damit anrichtet. Dabei wird er unterstützt von der Justiz, der Politik und der Polizei.«

Monika Herrmann (Grüne), Bürgermeisterin von Friedrichshain-Kreuzberg, gab sich angesichts der Räumung hilflos: »Es ist bitter, dass wir keine Handhabe haben, um den Fortbestand zu schützen«, teilte sie mit. Auch Katina Schubert, Vorsitzende von Die Linke Berlin, bedauerte die Verdrängung der alteingesessenen Kneipe: »Es ist ein toller Ort, der jetzt zerstört worden ist. Der Eigentümer sollte sich in Grund und Boden schämen«, sagte sie in einem auf Twitter veröffentlichten Videostatement.

Auf mehreren Kundgebungen protestierten Hunderte Menschen am Donnerstag lautstark und kämpferisch gegen den Ausverkauf der Stadt, solidarisierten sich mit dem Kollektiv der »Meuterei« wie auch mit dem von Räumung bedrohten Hausprojekt »Rigaer 94«. Eine weitere große Demonstration war für den Abend angekündigt. Bereits am Dienstag hatte die Polizei Teilnehmer einer Solikundgebung und auch mindestens einen Journalisten mit teils brutalen Übergriffen schikaniert.

Wer fürchtet sich eigentlich vor wem?

Polizei vor Kiezkneipen- oder Waldschützern, Instagram vor linken Bloggern, Geheimdienste vor Antifaschisten? Oder eher andersherum? Die Tageszeitung junge Welt entlarvt jeden Tag die herrschenden Verhältnisse, benennt Profiteure und Unterlegene, macht Ursachen und Zusammenhänge verständlich.

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