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Aus: Ausgabe vom 25.03.2021, Seite 12 / Thema
Geschichte Bangladesch

Bengalischer Flächenbrand

Am 26. März vor 50 Jahren wurde Bangladeschs Unabhängigkeit proklamiert. Der Weg zur Staatsgründung führte über einen blutigen Krieg
Von Thomas Berger
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Rasch bildete sich 1971 in Ostpakistan aus Teilen der alten Armee, der Polizei und Freiwilligen eine Befreiungsarmee heraus. Soldaten der »Freedom Fighters« in der Stadt Jessore (2.4.1971)

Am 26. März begeht Bangladesch, der jüngste Staat Südasiens, seinen nationalen Unabhängigkeitstag – dieses Jahr ist es genau ein halbes Jahrhundert her, dass die von dem bis heute als »Vater der Nation« verehrten Sheikh Mujibur Rahman verfasste Erklärung veröffentlicht wurde: »Heute ist Bangladesch ein souveränes und unabhängiges Land. Donnerstag nacht haben westpakistanische bewaffnete Kräfte die Polizeibaracken in Razarbagh und das EPR-Hauptquartier (East Pakistan Rifles, Grenzschutztruppen Ostpakistans, jW) in Pilkhana in Dhaka angegriffen. Viele Unschuldige und Unbewaffnete sind in Dhaka selbst und anderen Orten Bangladeschs getötet worden. Gewaltsame Zusammenstöße zwischen EPR und Polizei auf der einen und den Streitkräften Pakistans auf der anderen Seite halten an. Die Bengalen bekämpfen den Feind mit großem Mut – für ein unabhängiges Bangladesch. Möge Allah uns leiten in unserem Kampf um Freiheit. Joy Bangla (Es lebe Bengalen).« Die wenigen Zeilen sollten sich als Startschuss für eine breite Volkserhebung erweisen, dem ein äußerst gewaltsamer, blutiger Freiheitskampf folgte, der sich über den Rest des Jahres 1971 hinzog und erst im Dezember, nicht zuletzt nach der hilfreichen Intervention des großen Nachbarn Indien zugunsten der bengalischen Unabhängigkeitskämpfer, tatsächlich in der Gründung eines neuen Staates mündete.

Gerade 50 Jahre später lohnt ein Blick auf die damaligen Ereignisse. Die seinerzeit gerissenen Wunden sind teilweise bis heute nicht vernarbt: Kaum eine Familie landesweit, die damals nicht wenigstens ein Opfer bei den brutalen Auseinandersetzungen zu beklagen hatte. Und dass jahrzehntelang die Details und Widersprüche des komplexen Konflikts kaum aufgearbeitet wurden, hat keineswegs dazu beigetragen, eine Gesellschaft wieder zu versöhnen, die damals zwischen Befürwortern und (vergleichsweise wenigen) strikten Gegnern der Unabhängigkeit gespalten war. Viele mutmaßliche Kriegsverbrecher unter den bengalischen Kollaborateuren des pakistanischen Militärs blieben – nicht zuletzt aufgrund der starken innenpolitischen Verwerfungen des noch jungen Staates – zunächst unbehelligt. Als man nach der Jahrtausendwende einigen doch noch den Prozess machte, sorgte das für neue Turbulenzen.

Die Vorgeschichte

Die Ereignisse lassen sich ohne die Teilung des Subkontinents beim Abzug der britischen Kolonialherren im August 1947 nicht verstehen. Damals entstanden zunächst zwei neue Staaten – Indien und Pakistan. Insbesondere Mohandas Karamchand Gandhi, besser bekannt unter seinem Beinamen Mahatma, hatte sich bis zuletzt gegen diesen nicht nur aus seiner Sicht verhängnisvollen Schritt einer künstlichen Aufspaltung des vormaligen »Kronjuwels« des britischen Empire gewehrt. Doch es war die von Mohammed Ali Jinnah geführte Muslimliga, die sich am Ende mit ihrer Forderung nach einer eigenen Heimstatt für die größte religiöse Minderheit durchsetzen konnte. In aller Eile erfolgte die Grenzziehung zwischen jeweiligen Mehrheitsgebieten von Hindus und Muslimen. Im Falle Punjabs und eben Bengalens ging der Schnitt quer durch diese Territorien, und auch sonst verblieben zahlenmäßig teils beachtliche Minoritäten, die sich urplötzlich auf der »falschen« Seite der neuen Grenze befanden. Die heillosen Fluchtbewegungen in entgegengesetzte Richtungen und Übergriffe, die teils in einem Blutbad mündeten, gingen oft noch über das hinaus, was Gandhi und andere Mahner in ihren schlimmsten Alpträumen befürchtet hatten.

Das neuentstandene Pakistan war ein Kunstgebilde und bestand damals aus zwei weit voneinander entfernten Teilgebieten. Die Einwohner Westpakistans, also im Kern die späteren Provinzen Sindh, (West-)Punjab und Belutschistan sowie einige besonders schwierig einzugliedernde Stammesgebiete im Norden nahe der Grenze zu Afghanistan, hatten geschichtlich und kulturell herzlich wenig gemeinsam mit den Menschen, die in Ostpakistan, also dem östlichen Teil des nun geteilten Bengalen, lebten. Das einzige wirklich verbindende Element war die Religion, also der Islam, dessen konkrete Auslegung und Alltagsprägung allerdings zwischen den beiden Territorien stark voneinander abwich. Bereits 1905 hatten die Briten Bengalen entlang religiöser Mehrheiten administrativ geteilt – ein Akt, der gerade die relativ junge indische Unabhängigkeitsbewegung in ihrem Kampf beflügelte. Sechs Jahre später, 1911, erzwang sie die Wiedervereinigung.

Die neuen Grenzziehungen 1947 waren jedoch auf Dauer angelegt. Die Ostbengalen, die schon damals bevölkerungsmäßig eigentlich die Mehrheit stellten, sahen sich recht bald als fünftes Rad am Wagen. Alle politische Macht war in Westpakistan konzentriert, wo die Regierung völlig neu aufgebaut werden mussten. Die Konfrontation der Landesteile verschärfte sich noch, als im Zuge der Reorganisation 1956 die Provinzen formell aufgelöst wurden. Über die Jahre hinweg sahen sich die Menschen in Ostpakistan immer weiter abgehängt. Unmut machte sich breit, aus dem schließlich eine Bewegung für Freiheit in Form von Autonomie oder gar Eigenstaatlichkeit hervorging. Dabei drehte es sich nicht nur um die örtliche Konzentration politischer Macht und mangelnde Teilhabe, sondern auch um ein Streben nach kultureller Hegemonie. Insbesondere die Setzung von Urdu als alleiniger Staatssprache ließ die stolzen Bengalen bereits 1948/49 erstmals aufbegehren.

Schon dabei machte ein junger Mann von sich reden, der später eine entscheidende Rolle spielen sollte – Sheikh Mujibur Rahman. Das junge politische Talent forderte als Delegierter der zweiten Konstituierenden Versammlung 1956, die Bezeichnung Ostpakistan durch Ostbengalen zu ersetzen (letztlich erfolglos). Im selben Jahr wurde er als Vertreter der 1949 gegründeten Awami-Liga als Minister in eine Koalitionsregierung berufen. Kurzzeitig war er für ein umfangreiches Ressort zuständig, das Industrie, Handel, Arbeit, Korruptionsbekämpfung und Förderung der Dörfer umfasste. Doch bereits 1957 trat er zurück. Mujib, wie er bis heute oft verkürzt genannt wird, widmete sich dem Untergrundkampf, nachdem im Folgejahr General Ayub Khan (seit 1951 erster einheimischer pakistanischer Armeechef und ab 1953 in Personalunion auch Verteidigungsminister) in einem Putsch die zivile Regierung abgesetzt, das Kriegsrecht verhängt und sich selbst zum neuen Staatspräsidenten ernannt hatte. Es folgte die erste Etappe einer nur von kurzen demokratischeren Phasen unterbrochenen Militärherrschaft.

Ökonomisches Ungleichgewicht

Als früher Meilenstein der bengalischen Unabhängigkeitsbewegung erwies sich die sogenannte Sechspunktedeklaration, die Mujibur Rahman im Namen eines breiten Bündnisses nationalistischer Kräfte im Februar 1966 vorlegte. Pakistan sollte in eine Föderation umgewandelt werden und die Zentralregierung nur noch für Verteidigung und Außenpolitik zuständig sein – alle anderen Bereiche würden den beiden Gliedstaaten obliegen. Im dritten Punkt ging es um Finanzfragen, dabei wurde sich für zwei separate Währungen ausgesprochen (oder zumindest für eine eigene Hoheit Ostpakistans in zentralen Währungsangelegenheiten, um die Kapitalabwanderung in den Westteil des Landes zu unterbinden), der vierte Punkt zielte darauf, das Steuererhebungsrecht jeweils bei den beiden Teilstaaten anzusiedeln. Der letzte Punkt sah sogar die Schaffung eigener Streitkräfte sowie die Ansiedlung des Marineoberkommandos in Ostpakistan vor. Der Vorstoß wurde nicht nur von Ayub Khan und seiner Regierung, sondern auch allen wesentlichen parteipolitischen Kräften Westpakistans schroff zurückgewiesen. Die Erklärung ging als eine Freiheitscharta in die Annalen der Geschichte des späteren Bangladesch ein. Von einem »Scheidepunkt unseres Kampfes um Unabhängigkeit« sprach die Zeitung The Daily Star am 7. Juni 2008 rückblickend in einem Artikel, der an den 7. Juni 1966 erinnerte, als die Awami-Liga öffentlich zu einem Hartal (Generalstreik) aufrief, um eben diese Sechspunktedeklaration durchzusetzen. Das Unterfangen endete jedoch mit der Festnahme Mujiburs und zahlreicher anderer Anführer.

Die Bewegung ließ sich aber langfristig nicht mehr stoppen. Die Fronten verhärteten sich immer weiter. Selbst andere politische Kräfte, die ein Ende der Militärherrschaft anstrebten, hatten bei der Oppositionskonferenz in Lahore im Februar 1966, als die Deklaration vorgestellt wurde, die Forderungen wenigstens nach einem Höchstmaß an Autonomie für die Bengalen kategorisch zurückgewiesen – unisono kamen Separatismusvorwürfe von der konservativen Muslimliga, den Religiösen der Jamaat-e-Islami und der nationalistischen National Awami Party (NAP). Da nützte es auch nichts, dass Mubjibur Rahman später in Interviews zu erklären versuchte, dass diese Forderungen keinen echten Nachteil für die Menschen in Westpakistan mit sich brächten.

Die Empörung im östlichen Landesteil, in dem damals rund 70 Millionen Menschen lebten, wuchs stetig weiter. Zwar wurde dort ein großer Teil der Exportgüter (Jute u. a.) hergestellt, der einen nicht unwesentlichen Teil der Staatseinnahmen lieferte, doch im Gegenzug wurde die Region bei den Ausgaben für Investitionen immer stärker benachteiligt. Ein Blick auf die nackten Zahlen, die in den Fünfjahresplänen nachzulesen sind, illustriert deutlich, wie die Bengalen Schritt für Schritt ins Hintertreffen gerieten: Gingen zwischen 1950 und 1955 immerhin 31,7 Prozent der staatlichen Zahlungen in den Osten, waren es 1965 bis 1970 nur noch 29,2 Prozent – bei wiederum einem Anteil von knapp zwei Dritteln der Gesamtbevölkerung.

Immer mehr Streiks und andere Protestaktionen erschütterten das Land. Machthaber Ayub Khan, der 1968 einen Attentatsversuch überlebt hatte, stand mit dem Rücken zur Wand. Sein Versuch, Anfang des Folgejahres durch Gespräche eine Einigung mit der Opposition zu finden, schlug fehl – vor allem deshalb, weil er die beiden wichtigsten Kräfte, die Awami-Liga und die 1967 von Zulfikar Ali Bhutto gegründete Pakistanische Volkspartei (PPP), ausgeschlossen hatte. Die damals sozialdemokratisch geprägte PPP war auf bestem Weg, in Westpakistan zur bestimmenden Kraft zu werden. Am 25. März 1969 trat der angeschlagene Präsident ab und übergab die Macht an seinen Armeechef Yahya Khan. Unter ihm kam das Land, das 1962 noch eine neue Verfassung erhalten hatte, erneut unter Kriegsrecht, doch kündigte Khan vier Monate nach seiner Machtübernahme Wahlen für Ende 1970 und damit die Rückkehr zu parlamentarischen Verhältnissen an.

Anhebende Protestbewegung

Dieser Urnengang, abgehalten am 7. Dezember, war die erste allgemeine demokratische Wahl in Pakistan seit der Unabhängigkeit – und sollte die letzte sein, die in dem bisherigen Staatsgebilde mit seinen zwei sich mittlerweile gänzlich voneinander entfremdeten Landesteilen stattfand. Die Awami-Liga errang 162 von 300 Sitzen und war damit der klare Wahlsieger. Die noch junge sozialliberale PPP Bhuttos hatte ihrerseits mit 81 Sitzen sämtliche konservativen und religiösen Kräfte auf westpakistanischer Seite ausgestochen. Alle Zeichen deuteten darauf hin, dass ausgerechnet Mujibur Rahman, für viele im anderen Landesteil das Schreckgespenst schlechthin, als Premier die neue Regierung anführen würde. Genau das wollte Yahya Khan unter allen Umständen verhindern. Am 1. März 1971 saßen die Menschen vor ihren Radios und Fernsehgeräten, um eine Erklärung des bisherigen Präsidenten zu verfolgen, in der dieser die anstehende Konstituierung des neuen Parlaments vage auf einen »späteren Zeitpunkt« verschob. Wahlsieger Mujib, dem Unheilvolles schwante, rief für den Folgetag für die Metropole Dhaka einen Generalstreik aus, der einen Tag später auch für den ganzen Landesteil galt. Als Gegenreaktion wurde vorsorglich Admiral S. M. Ahsan, bis dato Gouverneur Ostpakistans, durch einen loyaleren Gefolgsmann Yahya Khans ersetzt. Grund dafür war, dass sich Ahsan, wie u. a. in der minutiösen Schilderung der damaligen Tagesereignisse auf der Webseite des Bangladesh Genocide Archive nachzulesen ist, der Verkündung eines Schießbefehls verweigert hatte.

Die Massenstreiks blieben tatsächlich nicht aus, in Scharen strömten die Bengalen zu Protestaktionen auf die Straßen. Die (west-)pakistanischen Soldaten versuchten, den Protest mit Gewalt zu unterdrücken. Mujib rief auch in den nächsten Tagen weiter zum Streik auf, wandte sich aber gegen die Rufe radikalerer Vertreter der Bewegung, die schon einer bewaffneten Erhebung das Wort redeten. Er hingegen sprach, sich damit implizit auf die Methoden Mahatma Gandhis berufend, von Maßnahmen des zivilen Ungehorsams. Der 3. März, eigentlich Datum des Zusammentritts der neu gewählten Nationalversammlung, verstrich, ohne dass sich die Lage klärte. Am 6. März war erneut Yahya Khans Stimme in allen Radios zu vernehmen: Er kündigte die erste Parlamentssitzung nun für den 25. März an. Wortwahl und Tonfall, in dem dies erfolgte, verhießen aber nichts Gutes, und am Folgetag verlas Mujibur Rahman (nach einem Führungstreffen der Awami-Liga am Vorabend) im Herzen von Dhaka vor einer großen Menschenmenge seine Vierpunkteerklärung. Darin forderte er die sofortige Aufhebung des Kriegsrechts, die Rückkehr der Armeeverbände in die Kasernen, die umfassende Aufklärung aller bisherigen Todesfälle und eine Machtübergabe an die gewählten Kräfte noch vor dem 25. März.

Doch die Lage eskalierte weiter. Am 15. März reiste der Präsident nach Dhaka, wo er sich am Folgetag in aufgeheizter Stimmung erstmals mit Mujibur Rahman zu Verhandlungen traf. Doch eine Einigung wurde nicht erzielt. Als am 19. März Soldaten erneut das Feuer auf Protestierende eröffneten, brach Mujib das Gespräch ab: »Bangladesch kann nicht mit Gewalt unterdrückt werden. Wenn nötig, geben wir unseren letzten Tropfen Blut, um unsere Entwicklung als freie Bürger in einem freien Land zu sehen«, gab er sich kurz darauf in einer Erklärung kämpferisch. Zwar wurden die Verhandlungen am 20. März wieder aufgenommen, und am 22. März stieß sogar Bhutto dazu. Dieser forderte seit einer Weile einen Machttransfer in Westpakistan an seine PPP als dort dominierende Kraft.

Ein Ausweg war aber immer noch nicht zu erkennen. Am späten Abend des 25. März, nachdem der Präsident und einige Generäle heimlich aus Dhaka abgereist waren, schlugen die Soldaten los: Mit der um 23 Uhr offiziell begonnenen sogenannten Operation Searchlight (Scheinwerfer) sollte die bengalische Freiheitsbewegung gewaltsam und zügig niedergeschlagen werden. Diese wiederum erklärte am nächsten Tag, am 26. März 1971, offiziell die Unabhängigkeit.

Eskalation der Gewalt

Mujibur selbst war bereits in der Nacht festgenommen worden. Regelrechte Todesschwadronen waren nicht nur in Dhaka, sondern auch in der wichtigen Hafenstadt Chittagong und anderen urbanen Zentren unterwegs. Bereits in der ersten Mordnacht fielen etwa 7.000 Menschen dem Terror zum Opfer, schätzt man beim Bangladesh Genocide Archive, und »binnen einer Woche waren es um die 30.000«. Doch das sollte lediglich der Auftakt eines noch weitaus größeren Blutvergießens sein. Der noch in der Stadt befindliche Bhutto konnte angeblich von seinem Hotelzimmer im Hotel Sheraton aus beobachten, wie die Redaktionsräume der Zeitung The People in Flammen standen.

In demselben Hotel hielt die Armee auch die allermeisten internationalen Korrespondenten fest, die kurz darauf (in der Regel all ihrer Aufzeichnungen beraubt) ausgewiesen wurden. Nur wenige konnten sich dem nächtlichen Zugriff entziehen. Einer von ihnen, der Brite Simon Dring vom Daily Telegraph, beobachtete vom Hoteldach aus das Morden und Brandschatzen der Soldaten und paramilitärischen Kräfte. Am 30. März erschien sein von Bangkok aus übermittelter Bericht, der ebenfalls von 7.000 Opfern allein in Dhaka binnen der ersten »Searchlight«-Nacht ausgeht: »Die Studenten tot in ihrem Bett, die Fleischer auf dem Markt getötet hinter ihren Verkaufsständen, die Frauen und Kinder lebendig geröstet in ihren Häusern, die Pakistaner hinduistischen Glaubens herausgezerrt und en masse erschossen«, beschrieb er das Grauen anschaulich. Penibel schilderte er in seinen Artikeln auch, wie Soldaten auf dem Unigelände mit Panzern von der Bibliothek aus auf die Räume des Studentenwohnheims schossen – mit mutmaßlich 200 Toten allein dort. Die Räume von Angehörigen der Studentenvereinigung, die sich dem Unabhängigkeitskampf angeschlossen hatte, seien »durchsiebt von Maschinengewehrfeuer«. Der Korrespondent des Daily Telegraph, der sich auch am 26. März in der Innenstadt Dhakas umsah, wurde so zu einem der wichtigsten Augenzeugen der brutalen Ereignisse und Berichterstatter für das internationale Publikum.

Nicht nur die Festnahme der ausländischen Journalisten illustriert: Bei »Searchlight« handelte es sich um eine genau geplante Operation, die schon eine ganze Weile in allen wichtigen Details vorbereitet worden war. Bereits in jenen Tagen, da Yahya Khan und Mujib noch verhandelten, waren klammheimlich loyale Truppenteile aus Westpakistan in den Osten verlegt worden.

»Tragödie in Pakistan«, titelte die International Herald Tribune über einem Beitrag am 30. März, als die Ereignisse längst ihre blutige Wendung genommen hatten. Die Hauptdarsteller der Tragödie waren der bisherige Militärherrscher, der bewusst eine Zuspitzung der Lage herbeigeführt hatte, Bhutto, der sich als führender Vertreter des demokratischen Lagers in Westpakistan lieber mit Yahya Khan verbündete als Mujibur Rahman dessen Wahlsieg auf gesamtnationaler Ebene zu gönnen, und eben letzterer selbst, der bis zuletzt vergeblich auf einen Kompromiss mit den Eliten im anderen Landesteil gehofft hatte. »Gott sei Dank, Pakistan ist gerettet«, sagte Bhutto zu einigen Reportern, als er am Abend des 26. März wieder in Karatschi gelandet war: Ein Satz, mit dem er quasi seinen Segen nicht nur dem Blutvergießen der vorangegangenen Stunden, sondern faktisch auch allen nachfolgenden Eskalationen gab.

Noch einmal einen Tag später meldete sich erstmals ein Mann zu Wort, der nicht nur im Unabhängigkeitskampf, sondern auch später in der Politik Bangladeschs eine wesentliche Rolle spielen sollte. Zia-ur Rahman, damals Major, stellte sich am 27. März mit einer in den Abendstunden verbreiteten Erklärung samt seinen Truppen des Bengalischen Regiments auf die Seite der Unabhängigkeitsbewegung und schwang sich de facto in Diensten des zunächst festgesetzten Mujib zum Oberkommandierenden der bengalischen Streitkräfte, später als Befreiungsarmee tituliert, auf. »Im Namen Sheikh Mujibur Rahmans rufe ich alle Bengalen auf, sich gegen die Attacke der pakistanischen Armee zu erheben. Wir werden bis zum letzten kämpfen, um unser Mutterland zu befreien«, hieß es in dem Text.

Während sich Yahya Khan bei seinem Vorgehen der Rückendeckung aus Washington versicherte, da Pakistan im Kalten Krieg für die USA eine verlässliche Basis in Südasien abgab, verkündete die bengalische Untergrundregierung am 11. April die formelle Gründung der Befreiungsarmee, angeführt von Zia. Die bisher nur vereinzelten Kämpfe nahmen in den kommenden Monaten bürgerkriegsartigen Charakter an. Erst das Eingreifen Indiens auf seiten der Freiheitskämpfer brachte schlussendlich die Wende. Wie viele Menschen tatsächlich ums Leben kamen, bis Mitte Dezember 1971 der von Mujib in jenen Märztagen proklamierte neue Staat auch offiziell gegründet war, ist bis heute strittig – die Schätzungen schwanken von mehreren hunderttausend bis zu drei Millionen. Sicher ist, dass jene Monate zur blutigsten Episode südasiatischer Geschichte seit den Pogromen im Zuge der Grenzziehungen von 1947 wurden.

Thomas Berger schrieb an dieser Stelle zuletzt in der Ausgabe vom 25. Februar 2021 über Elek­tromobilität in Südostasien.

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