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Aus: Ausgabe vom 25.03.2021, Seite 8 / Ansichten

Zenit überschritten

NATO-Außenministertreffen
Von Jörg Kronauer
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US-Außenminister Antony Blinken beim NATO-Treffen am Mittwoch

Martialisch protzen kann er noch, der Westen. »Die NATO ist die stärkste Allianz in der Geschichte«, prahlten die Außenminister des Militärpakts in einer gemeinsamen Erklärung, die sie auf ihrem am Mittwoch beendeten Treffen in Brüssel verabschiedeten. Mal ganz abgesehen von der Frage, ob die machttrunkene Behauptung überhaupt stimmt – was ist zum Beispiel mit der Antihitlerkoalition? Was mit den Mongolen unter Dschingis Khan oder den Römern? Die NATO-Außenminister jedenfalls haben ihre Erklärung zu einem Zeitpunkt verabschiedet, in dem die westliche Hegemonie so stark Gegenwind bekommt wie noch nie seit dem Sieg des Bündnisses im Kalten Krieg.

Daran sind – Ironie der Geschichte – die NATO-Mächte zu einem gewissen Grad selbst schuld. Sie haben im Bestreben, ihre Dominanz auf Biegen und Brechen zu zementieren, in letzter Zeit die beiden Staaten, die jeweils eigenständige Einflusspole bilden, immer stärker politisch attackiert, ökonomisch angegriffen und militärisch unter Druck gesetzt. So schwerwiegend, dass Russland und China sich nun trotz aller Differenzen, die sie untereinander haben, eng zusammentun. Bereits in der Vergangenheit haben sie sich gegen die eskalierenden westlichen Aggressionen entschlossen zur Wehr gesetzt. Russlands Außenminister Sergej Lawrow etwa prangerte kürzlich die zunehmenden westlichen Sanktionen als »Instrumente aus der kolonialen Vergangenheit« an, während Beijing – die stetigen transatlantischen Menschenrechtsbelehrungen konternd – seit einiger Zeit seinerseits Berichte über die Menschenrechtslage in den USA publiziert, zuletzt am Mittwoch unter dem »Black Lives Matter«-Motto »I can’t breathe«. Zu Wochenbeginn haben Lawrow und sein chinesischer Amtskollege Wang Yi nun angekündigt, gemeinsam Maßnahmen zur Abwehr der transatlantischen Aggressionen zu ergreifen; zunächst soll die Abkehr vom US-Dollar beschleunigt werden. Das schützt nicht nur gegen Sanktionen – es bedroht auch die finanzielle Basis der westlichen Hegemonie.

Und die NATO? Sie protzt, prahlt, rüstet massiv auf. Ihre Außenminister haben jetzt beschlossen, ein neues »Strategisches Konzept« zu erstellen: Das aktuell gültige stammt aus dem Jahr 2010, also noch aus der Zeit, in der das Bündnis vor allem auf Einsätze wie denjenigen in Afghanistan orientierte. Seit 2014 nimmt die NATO jedoch bekanntlich wieder Großmächte stärker ins Visier, nicht nur Russland, sondern auch China. Dem soll nun ein neues Grundsatzpapier Rechnung tragen. Die Zeichen stehen auf Eskalation. Dabei kann, das sollte man nicht übersehen, die angeblich »stärkste Allianz in der Geschichte« seit Jahren keine Erfolge mehr vorweisen; jüngstes Beispiel ist ihr Scheitern in Afghanistan. Womöglich hat die NATO, so martialisch sie auch auftritt, ihren Zenit überschritten; das war schließlich auch bei früheren Hegemonen irgendwann einmal der Fall.

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Debatte

  • Beitrag von Matthias M. aus H. (24. März 2021 um 23:31 Uhr)
    Mit der gegenseitigen Anprangerung der Menschenrechtslagen ist es immer so eine Sache.

    Biblisch gesehen, ist das die Story mit dem Splitter im Auge und dem Balken im eigenen, den man nicht sieht.

    Sprichwörtlich geht da auch oft das Glashaus, in dem man mit Steinen wirft.

    Um solche Diskussionen abzuwürgen, nehme man die Keule des »Whataboutismus«-Vorwurfs.

    Am besten und neutralsten ist hier eine bequeme Position zwischen allen Stühlen.

Leserbriefe zu diesem Artikel:

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  • Istvan Hidy, Stuttgart: Nutzloser Werbeträger (…) Spätestens seit der Wiedervereinigung Deutschlands hat die NATO ihre Berechtigung verloren. Seither werden für sie immer neue Aufgaben erfunden, die unnötige Osterweiterung oder der Afghanistan-Ei...

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