Gegründet 1947 Montag, 12. April 2021, Nr. 84
Die junge Welt wird von 2500 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 24.03.2021, Seite 12 / Thema
Wirtschaftslehre

Flut ohne Folgen

Die Notenbanken überschwemmen den Markt mit günstigen Krediten. Zur Politik der Null- und Negativzinsen
Von Klaus Müller
imago0082058377h.jpg
Immer höhere Staatsverschuldung, immer mehr Geld in den Kreisläufen: Jerome Powell, Präsident der Federal Reserve, der US-Notenbank, bei einem Rechenschaftsbericht vor dem US-Kongress (27.2.2018, heute liegt die Verschuldung der USA bei rund 27,9 Billionen Dollar)

Jerome Powell, der Präsident der Federal Reserve (Fed), der US-amerikanischen Notenbank, verkündete im März dieses Jahres, er wolle die Politik niedriger Zinsen beibehalten. Der Leitzins – also der Zins, zu dem die Notenbanken den Geschäftsbanken Kredite gewähren – soll unverändert null Prozent betragen oder höchstens bis 0,25 Prozent steigen. Nicht nur der Leitzins soll nahe der Nulllinie bleiben, auch will die Fed weiterhin milliardenschwere Wertpapierkäufe an den Kapitalmärkten tätigen. Derzeit kauft die US-Zentralbank pro Monat für 80 Milliarden Dollar Staatsanleihen und für 40 Milliarden Dollar hypothekenbesicherte Wertpapiere. Also kein Ende der Geldschwemme und der Nullzinsen in Sicht – sehr zum Leidwesen der Sparer.¹

Powell übernahm die extrem lockere Geldpolitik seiner Vorgänger im Amt, Janet Yellen (2014–2018) und Paul Bernanke (2006–2014), und will sie bis mindestens 2024 nahtlos fortsetzen. Analog im Euro-Raum: Mario Draghi, der Chef der Europäischen Zentralbank (EZB) von 2011 bis 2019, hatte im November 2016 den Leitzins erstmals auf null Prozent gesenkt. Seine Nachfolgerin Christine Lagarde hält bis heute daran fest. Viel und billiges Geld, am besten zinsloses, in die Kreisläufe pumpen – die expansive Geldpolitik wird auch in der EU betrieben. Warum? Notenbanken schöpfen Geld. Geld ist das Blut der Wirtschaft und galt dem Ökonomen John Maynard Keynes (1883–1946) und seinen Anhängern fast als Wunderdroge. Gibt es viel davon und die Wirtschaft boomt, geht es den Leuten gut. Gibt es zuwenig davon, leiden sie Not. Ohne Geld keine Urlaubsreisen, kein Konsum, keine Investitionen.

Ein alter Klassiker der politischen Ökonomie, der Engländer Sir William Petty (1623–1687), nannte Geld das »Fett des Staatskörpers«. Die Zentralbanken träufeln es in das Getriebe der Wirtschaft. Aber er warnte: Zuviel behindere dessen Beweglichkeit, zuwenig mache ihn krank. Man müsse die optimale Menge finden. Alles hänge von der richtigen Dosis ab. Zuviel und die Inflation zieht zu stark an – angeblich solle sie höchstens zwei Prozent betragen, doch warum gerade soviel, kann niemand sagen –, zuwenig und die Wirtschaft schlittere in die Krise und komme nicht mehr heraus.

Strippenzieher der Weltökonomie?

Bankdirektoren – graue Eminenzen, die die Fäden in der Hand haben? Indem sie die Leitzinsen und Geldmengen änderten – ihre angeblich »schärfsten Waffen« – würden sie die Preise, das Wirtschaftswachstum und die Erwerbslosigkeit in ihren Währungsräumen bestimmen. Erhöhen sie die Leitzinsen, wird die Geldbeschaffung für die Geschäftsbanken teurer, die daraufhin ihre höheren Kosten über steigende Kreditzinsen an ihr Klientel weiterreichten. Unternehmer investierten nun weniger. Verbraucher schränkten Kreditaufnahme und Konsum ein. Reduziert die Zentralbank die Kreditgewährung und verkauft Wertpapiere ebenso: Die verringerte Geldmenge kappe die Güternachfrage und den Anstieg der Preise. Umgekehrt pflanzten sich niedrige Leitzinsen auf den Märkten fort, regten die Nachfrage nach Darlehen an, belebten Investitionen und die Käufe von Konsumgütern. Die umlaufende Geldmenge steigt auch, wenn die Zentralbank Wertpapiere kauft. So bringe sie die Wirtschaft wieder in Schwung, die Beschäftigung könne steigen. Scheinbar einleuchtende Prozesse – die Quintessenz der Geldpolitik in der bürgerlichen Ökonomie. Wirtschaftsprofessoren haben sie Generationen von Studenten gelehrt und sich eingebildet, damit die ökonomische Realität zu erklären.

US-Starökonom Paul Krugman behauptet, dass Rezessionen in der Wirtschaft »schlicht und einfach mit einem technischen und folglich reparierbaren Versagen zu tun (hätten), nämlich damit, dass der Staat nicht genug Geld druckt.« Und reagiert vorauseilend auf die zu erwartende Kritik seiner an Naivität nicht zu überbietenden Diagnose: »Ich weiß, dass man diese These leicht für einen Scherz halten mag – nur ist es eben keiner.«² Es sieht danach aus, als befolgten die Chefs der großen Notenbanken seit Jahren die Tipps, mit denen es gelingen soll, die Wirtschaft anzukurbeln. US-amerikanische und europäische Zen­tralbanken kaufen Massen von Wertpapieren und überschwemmen den Bankenmarkt mit billigem Geld in Billionenhöhe! Gigantische Anleihekäufe der EZB und der Fed, um den Staaten Geld zur Bekämpfung der Corona- und Wirtschaftskrise in die Hand zu geben. Die Effekte sind gering: Wider Erwarten nehmen die Unternehmen nicht mehr, sondern weniger Kredite auf, trotz historisch niedriger Zinsen. Die Liquiditätsschwemme kommt nicht bei den Produzenten an. Sie flutet lediglich die spekulativen Finanzmärkte und begünstigt dort die berüchtigten Blasen.

Die Freigeldidee

Die Lobpreisung zinslosen Geldes geht zurück auf die »Freiwirtschaftslehre« Silvio Gesells (1862–1930). Die »Freiwirtschaft« ist ein Modell einer »natürlichen« Wirtschaftsordnung, die weder kapitalistisch noch sozialistisch sein soll. Von Zins und Bodeneigentum befreit, beruhe sie auf drei Säulen: Freiland, Freigeld und Freihandel.³ Gesell war der Namhafteste unter den zahlreichen Dilettanten, die sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts auf das komplizierte Feld der Geldtheorie wagten und glaubten, den Kapitalismus von seiner ihm innewohnenden Krisenhaftigkeit befreien zu können. Seine Idee vom Frei- oder »Schwundgeld« wurde von dem US-amerikanischen Grenznutzen- und Geldtheoretiker Irving Fisher (1867–1947) geschätzt, der bekannte, »ein bescheidener Schüler des Kaufmanns Gesell« zu sein.⁴ Keynes widmet in seinem Buch »Allgemeine Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes« Silvio Gesell mehrere Seiten und bescheinigt ihm »Einfälle tiefer Einsicht«. Er glaube, »dass die Zukunft mehr vom Geiste Gesells als von jenem von Marx lernen wird«.⁵ In bezug auf Gesell ist Keynes unter den Akademikern die Ausnahme. Er stimmt mit ihm überein, dass das Grundübel darin bestehe, dass Menschen, aus welchem Grund auch immer, Geld zurückhielten, statt es auszugeben. Beide verkennen damit auf eklatante Weise die wahre Widersprüchlichkeit kapitalistischer Produktion. Der Ökonom Joseph Schumpeter (1883–1950) ist mit Recht zurückhaltend: »Ich bin kein Marxist. Dennoch erkenne ich zur Genüge die Größe von Marx an, um mich beleidigt zu fühlen, ihn zusammen mit Silvio Gesell und Major Douglas auf die gleiche Ebene gestellt zu sehen.«⁶ Eine harsche Kritik – auch an der Urteilsfähigkeit des »Jahrhundertökonomen« Keynes.

Die Theorienhistoriker der DDR haben Gesell kaum Beachtung geschenkt. Sein Name wird weder im von Herbert Meißner herausgegebenen Lehrbuch »Geschichte der politischen Ökonomie« erwähnt noch im von Werner Krause und Günther Rudolph verfassten Standardwerk »Grundlinien des ökonomischen Denkens in Deutschland 1848 bis 1945«. Einzig Fritz Behrens befasst sich näher mit den Lehren Gesells. Er kommt zu einem vernichtenden Urteil: »Es gibt auf jedem wissenschaftlichen Gebiet Käuze, deren Komik darin besteht, dass ihre Wichtigtuerei ihrer Unkenntnis umgekehrt proportional wächst: die Konstrukteure des Perpetuum mobile auf physikalischem Gebiet, die Weiße-Käse-Doktoren auf medizinischem Gebiet und die ›Freigeld-Leute‹ auf ökonomischem Gebiet.«⁷

Silvio Gesells Theorien gelang es trotz Fürsprache eines Keynes nicht, auf akademischem Boden Fuß zu fassen. Lange Zeit dachte man, dass der Gedanke einer vom Zins befreiten Marktwirtschaft völlig unrealistisch sei. Verständlich, dass die etablierten Wissenschaftler Gesell ignorierten oder dessen ökonomische Auffassungen belächelten. Sie tun es immer noch. Kaum ein Lexikon oder Lehrbuch räumt der Freiwirtschaftslehre Platz ein. Selbst in rar gewordenen theoriehistorischen Exkursen an Hochschulen werden Name und Werk Gesells kaum erwähnt. Das ist per se kein Qualitätssiegel und betrifft andere alternative Ansätze ebenso. Dennoch hat er bis heute Anhänger, und außerhalb der etablierten Wissenschaften stößt Gesells Idee einer zinsfreien Wirtschaft angesichts wachsender nationaler und internationaler Verschuldung auf Zuspruch.

Mehr noch: Die Wirtschaftsakteure tun seit Jahren scheinbar genau das, worin Gesell den Schlüssel zur Lösung aller wirtschaftlichen Übel gesehen hatte. Nullzinsen sind keine Ausnahme mehr. Im Gegenteil: Immer mehr Banken berechnen sogar Negativzinsen. Das entspricht einer weiteren ­obskuren Idee Gesells, seiner Forderung nach einem Schwundgeld, einem Geld, das immer mehr an Wert einbüßt, je länger man es behält. Erstmals ausprobiert mitten in der Weltwirtschaftskrise Anfang der 1930er Jahre in Wörgl, einer kleinen Gemeinde in Österreich. Die »Arbeitsscheine« – das regionale Ersatzgeld – verloren in Wörgl jeden Monat ein Prozent ihres Wertes. Durch Klebemarken konnte dies ausgeglichen werden. Jeder Geldschein enthielt zwölf Felder. Nach Ablauf eines Monats behielt der Geldschein nur dann seinen Nominalwert und wurde akzeptiert, wenn sein Inhaber eine Wertmarke von ein Prozent des Nennwerts auf das entsprechende Monatsfeld geklebt hatte. Wer einen Geldschein zwölf Monate zurückbehielt, konnte ihn nur wieder in Umlauf bringen, wenn er die zwölf Felder mit Wertmarken beklebt hatte. »Das Zurückhalten von 100 Schillingen für die Dauer von zwölf Monaten kostete also eine Gebühr – oder einen Zins – von 12 Schillingen, also 12 Prozent. Je schneller man das Geld wieder in den Umlauf brachte, um so eher konnte man der Gebühr entgehen.«⁸ Wenn das Geld ständig wertloser wird oder durch Negativzinsen immer weniger, so die gewitzte Idee, werde es niemand mehr horten, sondern möglichst rasch wieder ausgeben. Somit bleibe es ständig im Umlauf und kurbele die Wirtschaft an. Klingt vernünftig. Doch warum funktioniert die expansive Geldpolitik nicht?

Getriebene Währungshüter

Die Wirklichkeit ist komplexer als die fiktive Welt der Lehrbücher. Besonders die Nachfrage der Unternehmen nach Krediten hängt nicht nur von den Zinsen ab. Wichtiger ist die Frage, ob die kreditfinanzierte Mehrproduktion mit Gewinn verkauft werden kann. Die Aussichten dafür sind schlecht: Weit und breit werden Überschüsse produziert, sind Märkte gesättigt, verlangsamt sich das Wirtschaftswachstum und steigen die Ersparnisse. Da hilft es auch nicht, dass die EZB die Geschäftsbanken mit einem Negativzins für das Halten von Geld bestraft, um sie zu zwingen, Kredite zu vergeben. Das würde wenig bewirken: Wer leiht sich Geld, das er nicht braucht, nur weil gerade die Zinsen niedrig sind? Und wer stößt sein Geld ab, wenn er für das Halten mit Zinsen bestraft wird, wenn er nicht weiß, wohin damit? Bargeld ließe sich unterm Kopfkissen verstecken oder im häuslichen Safe aufbewahren. Manche Ökonomen wollen es daher abschaffen, damit sich die Leute nicht der scheinbar wirtschaftlich belebenden Wirkung der Negativzinsen entziehen können. Mehr Geld, um zu investieren, ist aber überflüssig, solange die Nachfrage der Märkte bereits hinreichend gedeckt ist, Kapazitäten nicht ausgelastet und sogar die Lager überfüllt sind.

Die offenkundige Hilflosigkeit der Geldpolitik steht im Widerspruch zum ehrfurchtgebietenden Ruf der obersten Währungshüter und ihrem Selbstbewusstsein. Die Zentralbanken treiben die Wirtschaft nicht, sie sind Getriebene. Warum bleibt die expansive Geldpolitik der Europäischen Zentralbank weitgehend wirkungslos? Die Geldpolitik, der mitunter Heilwirkungen in bezug auf die Beschäftigungspolitik nachgesagt werden, kann lediglich die Verfügbarkeit des Geldes und die Bedingungen der Inanspruchnahme von Geld beeinflussen. Damit diese Politik güterwirtschaftliche Effekte und solche auf den Arbeitsmärkten auslösen kann, müsste Geld in Einkommen und Kredite transformiert werden. Automatisch geschieht das nicht. Dazu müssten die Voraussetzungen erfüllt sein, müssten Konsum- und Investitionsgüter und dann auch Arbeitskräfte nachgefragt werden. Und darauf haben die Banken allenfalls einen mittelbaren Einfluss. Das viele Geld, das die Zentralbanken in die Zirkulation drücken, kommt folglich in den produktiven Sektoren gar nicht im notwendigen Umfang an.

Marktmechanismen

Der maßlose Verwertungstrieb des Kapitals führt periodisch zur Überproduktion von Waren, hinein in die Rezession. Danach werden die Überschüsse abgebaut, die Produktion verringert und Investitionen eingestellt. Die Nachfrage nach Bankkrediten lässt in einer rezessiven Lage nach. Banken senken die Zinsen. Sie hoffen, dadurch den Rückgang der Nachfrage abzubremsen. Denn je weniger Kredite sie vergeben, um so geringer ist ihr Profit. Die sinkende Nachfrage der Unternehmen nach Fremdkapital mindert den Bedarf der Banken, sich frisches Zentralbankgeld zu borgen. Im Gegenteil: Bei ihnen sammeln sich Geldüberschüsse an. Sie werden den Zentralbanken angeboten. Früher oder später senken deshalb auch diese ihre Zinsen. Der Zinssatz für Einlagen bei der EZB betrug November 2013 null Prozent, seit 2014 ist er sogar negativ. Einige Banken reichen die Negativzinsen, die sie selbst auf Einlagen bei der Europäischen Zentralbank zahlen, direkt an ihre Privatkunden weiter.

Die Verbraucherschutzorganisation im Finanzbereich Verivox recherchiert tagesaktuell die online zugänglichen Finanzprodukte und ihre Preise bei rund 1.300 Kreditinstituten: Danach berechneten am 18. März 278 Banken ihren Privatkunden Negativzinsen, 15 Banken verlangten Gebühren für das üblicherweise kostenlose Tagesgeldkonto, de facto also auch Negativzinsen. Einige Banken und Sparkassen erheben laut Medienberichten Negativzinsen, veröffentlichen das aber nicht online.⁹ Widersinnig: Erstmals in der langen Zinsgeschichte werden die Geldgeber und Sparer nicht belohnt. Sie werden bestraft und bekommen weniger zurück, als sie einzahlen.

Anders im Aufschwung: Die Marktzinsen ziehen an, hervorgerufen durch eine steigende Produktion und hohe Investitionen. Die Geschäftsbanken fragen, sobald ihre Liquidität sich zu erschöpfen beginnt, verstärkt Geld bei der Zentralbank nach, um ihr Kreditangebot ausweiten zu können. Dies zwingt die Geldpolitiker der Zentralbank, ihre Zinsen zu erhöhen. Die Zentralbanken stehen also am Ende einer Wirkungskette und passen sich dem Druck der Märkte an. Dennoch lobt die Wirtschaftselite die Steuerleute der Notenbank: Toll, in der Rezession die Zinsen zu senken, genial, sie im Aufschwung zu erhöhen. Belustigend ist, dass die Notenbanker dabei nur eine Korrektur der Zinsen sanktionieren, die sich ohne ihr Zutun auf den Märkten längst vollzieht. Vordergründiges Ziel der Geldpolitik sei es, die Stabilität der Preise zu sichern. Zentralbanken rühmen sich ihrer vermeintlichen Erfolge gegen die Inflation. Dabei hat keine von ihnen jemals eine Geldentwertung vereitelt. Wie kann man angesichts anhaltender Preissteigerungen behaupten, die Zentralbanken hätten Kaufkraftverluste verhindert? Die Preise für Strom, Mineralöl, Kraftstoffe, Lebensmittel und andere Güter steigen seit Jahren und zum Teil stark. Das heißt auch: Die Reallöhne sinken. Die Geldpolitik der Zentralbanken hat diese Umverteilung über den Preisanstieg weder abgewendet noch – entgegen üblichen Verlautbarungen – unterbinden wollen. Die Vorstellung ist abwegig, die Preissprünge auf den Gütermärkten hätten mit den Zinsentscheidungen und Geldmengenprognosen der Notenbanker zu tun. Das würde bedeuten, dass die Preise bei einer »richtigen« Zins- und Geldmengenpolitik nicht gestiegen wären. Kein vernünftiger Mensch glaubt das. Immer steigen zuerst die Preise und danach wird das dazu benötigte Geld aus dem Bankensystem abgerufen.

Geldpolitische Entscheidungen, gefällt in altehrwürdigen Sitzungssälen der Notenbanken, verpuffen oft. »Seit der Gründung der US-Zentralbank im Jahr 1913 blieben ihre Maßnahmen gegen steigende Teuerungsraten und insbesondere gegen konjunkturelle Abschwünge von nachhaltiger Wirkungslosigkeit«, bilanziert der US-Ökonom John K. Galbraith.¹⁰ Zentralbanken sind keine Institutionen, die mittels Geldpolitik nach ihrem Gusto die Märkte dirigieren. Sie sind ein Element eines komplexen wirtschaftlichen Ganzen, dessen Gesetzen sie sich nicht entziehen können, an die sie sich vielmehr anpassen und auf deren Zwänge sie reagieren müssen. Sicher nicht wirkungslos. Der türkischen Notenbank zum Beispiel gelang es Ende Januar 2014, den Verfall ihrer Lira vorübergehend zu stoppen, indem sie den Leitzins von 4,5 auf 10 Prozent anhob. Doch prinzipiell sind Zentralbanken unfähig, die ökonomischen Prozesse souverän, zielgerichtet und planvoll zu steuern. »Der Glaube«, schrieb Galbraith, »etwas so Komplexes, Heterogenes und seinem Wesen nach für jeden einzelnen Menschen so Wichtiges wie Geld lasse sich durch gründlich erörterte, aber einfache Entscheidungen beeinflussen, die in einem gefälligen und unauffälligen Gebäude der amerikanischen Hauptstadt getroffen werden, entspringt nicht nüchternem Realitätssinn, sondern frommem Wunschdenken. So viel inbrünstige Realitätsverleugnung ist schier unglaublich.«¹¹ Auch wenn der Schriftsteller Ludwig Thoma nicht die Notenbanken gemeint haben dürfte, sein Satz passt auch auf sie: »Man muss die Leute an ihren Einfluss glauben lassen – Hauptsache, dass sie keinen haben.«

Anmerkungen

1 Wall Street Online, 21.3.2021

2 Paul Krugman: Schmalspurökonomie. Die 27 populärsten Irrtümer über Wirtschaft. Campus-Verlag, Frankfurt am Main/New York 2000, S. 18

3 Vgl. Silvio Gesell: Die natürliche Wirtschaftsordnung durch Freiland und Freigeld. 1920, neue Ausgabe im Gauke-Verlag, Lütjenburg 2007

4 Werner Onken: Silvio Gesell. Reichtum und Armut gehören nicht in einen geordneten Staat. Werkauswahl zum 150. Geburtstag, Gauke-Verlag, Kiel 2011, S. 207

5 John Maynard Keynes: Allgemeine Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes, Berlin 1936, S. 300

6 Zit. nach Onken: Silvio Gesell. a. a. O., S. 208

7 Fritz Behrens: Grundriss der Geschichte der Politischen Ökonomie, Band IV. Akademie-Verlag, Berlin 1981, S. 42

8 Bernd Senf: Der Nebel um das Geld. Zinsproblematik, Währungssysteme, Wirtschaftskrisen. Ein Aufklärungsbuch. 8. Aufl. Gauke-Verlag, Lütjenburg 2005, S. 123

9 Siehe den Artikel »Negativzinsen für Privatkunden: Liste der Banken (18.3.2021)« auf der Website verivox.de

10 John Kenneth Galbraith: Die Ökonomie des unschuldigen Betrugs. Vom Realitätsverlust der heutigen Wirtschaft. Pantheon-Verlag, München 2005, S. 85 f.

11 Ebd., S. 89

Klaus Müller schrieb an dieser Stelle zuletzt in der Ausgabe vom 29. Dezember 2020 über Oligopole.

Wer fürchtet sich eigentlich vor wem?

Polizei vor Kiezkneipen- oder Waldschützern, Instagram vor linken Bloggern, Geheimdienste vor Antifaschisten? Oder eher andersherum? Die Tageszeitung junge Welt entlarvt jeden Tag die herrschenden Verhältnisse, benennt Profiteure und Unterlegene, macht Ursachen und Zusammenhänge verständlich.

Unverbindlich und kostenlos lässt sich die junge Welt drei Wochen lang (im europäischen Ausland zwei Wochen) probelesen. Abbestellen nicht nötig, das Probeabo endet automatisch.

Dieser Artikel gehört zu folgenden Dossiers:

Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Peter Nowak: Völkisches Denken Klaus Müller hat leider nicht erwähnt, dass Silvio Gesell im völkischen Denken verhaftet war und seine strukturell antisemitische Schwund-Geld-Theorie dort eingeordnet werden sollte. Es gab in den let...
  • alle Leserbriefe

Ähnliche:

  • Auf den Absturz an den Aktienmärkten reagierten die Regierungen ...
    24.12.2020

    Corona und der große Crash

    Jahresrückblick 2020. Heute: Weltwirtschaftskrise. Staaten stützen Nachfrage und Finanzmarkt. Abwärtsspirale droht dennoch
  • Die Grundlage des abstrakten Finanzwesens ist doch wieder ganz h...
    15.10.2020

    Barbarisches Relikt

    Vorabdruck: Das kapitalistische Geld- und Kreditsystem hat sich seit Marxens Zeiten weiterentwickelt, doch die Grundprinzipien der Werttheorie behalten ihre Gültigkeit – und auch Gold spielt weiterhin eine zentrale Rolle