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Aus: Ausgabe vom 24.03.2021, Seite 4 / Inland
Gutachten zu Missbrauch

Systematische Vertuschung

Erzbistum Köln: Woelki räumt »Fehler« im Umgang mit sexualisierter Gewalt ein
Von David Maiwald
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Den Rücken zugekehrt: Kölner Erzbischof Rainer Maria Woelki

Nach Veröffentlichung des ihn persönlich entlastenden Gutachtens geht der Erzbischof in die Offensive: Bei einer Pressekonferenz am Dienstag in Köln sprachen Rainer Maria Woelki und Generalvikar Markus Hofmann über die Konsequenzen des am 18. März vorgestellten Gutachtens zum Umgang mit sexualisierter Gewalt im Erzbistum Köln. Er habe sich rechtlich korrekt verhalten, auch wenn er sich moralisch schuldig gemacht habe, so Woelki. Der Erzbischof hatte schon zuvor einen Rücktritt als Konsequenz aus dem Gutachten als »Symbol, das nur für kurze Zeit hält«, ausgeschlossen. Missstände im Erzbistum räumte er jedoch ein. Die allerdings haben seiner Ansicht nach alle wenig mit dem System Kirche zu tun: Demnach hätten Chaos in der Verwaltung, unklare Zuständigkeiten und Nachlässigkeiten zur systembedingten Vertuschung von Missbrauchsfällen geführt. Im Erzbistum habe ein »System aus Schweigen, Geheimhaltung und mangelnder Kontrolle« geherrscht.

Die Aufarbeitung dürfe nicht stocken und solle weiterhin konsequent betrieben werden, erkärte Generalvikar Hofmann. Das Gutachten habe Probleme in der Verwaltung des Erzbistums aufgezeigt, aus denen nun Konsequenzen zu ziehen seien. Demnach habe die gemeinsame Erklärung der Bischofskonferenz und des Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, Johannes-Wilhelm Rörig, bereits in der vergangenen Woche verbindliche Rahmenbedingungen zur Aufarbeitung sexualisierter Gewalt in der katholischen Kirche vorgegeben, so Hofmann in der Pressekonferenz. Eine unabhängige Aufarbeitungskomission solle mit Experten aus Wissenschaft, Fachpraxis und Justiz sowie Betroffenen und Kirchenvertretern zusammengesetzt werden. Dabei solle die Mehrheit, konkret fünf der sieben Komissionsmitglieder, aus Kandidaten des Landes Nordrhein-Westfalen und dem Betroffenenbeirat bestehen.

Ein Fonds solle finanzielle »Anerkennungsleistungen« für Betroffene möglich machen, auch wenn bereits eine Verjährung von Taten eingetreten sei. Wer bereits Leistungen erhalten habe, solle trotzdem einen weiteren Antrag stellen können. Für eine bessere »Kontrolle und Begleitung substanziiert beschuldigter Kleriker und Laien« solle zukünftig ein Team aus psychologischer Fachkraft und kirchlichem Vertreter sorgen, so Hofmann. Bei Verstößen gegen Auflagen sollen Beschuldigte »gemäß rechtlicher Bestimmungen zur Verantwortung gezogen werden«. Die bei Bekanntwerden von Missbrauchsfällen tätig werdende »Stabsstelle Intervention« solle spätestens im Mai personell von nun drei auf vier Mitarbeitende aufgestockt werden. Ein anonymes Hinweisgebersystem solle zudem in Zukunft die Meldung von »Missständen« sicherstellen.

In der Vergangenheit sei eine Manipulation von Akten möglich gewesen, »und möglicherweise auch geschehen«, sagte Hofmann. Die Digitalisierung der Personalakten solle in Zukunft Manipulationen unmöglich machen. Bei der Priesterausbildung sollten zukünftig Frauen stärker miteinbezogen werden. Nach Auffassung von Woelki braucht es auch im Kirchenrecht Änderungen. So werde Missbrauch bisher nur als Verstoß gegen das Versprechen des Zölibats gewertet.

Das in der vergangenen Woche vorgestellte Gutachten hatte den Umgang des Erzbistums mit Fällen sexuellen Missbrauchs durch Geistliche seit 1975 untersucht. Dabei wurden bei 314 dokumentierten Missbrauchsfällen durch Kirchenangehörige 75 Pflichtverletzungen bei Amtsinhabern festgestellt. Seit Veröffentlichung sind bereits fünf kirchliche Verantwortungsträger von ihren Ämtern freigestellt worden. Nach der Pressekonferenz am Dienstag warf der Kirchenrechtler Thomas Schüller Erzbischof Woelki vor, auf Kosten anderer Bischöfe seine eigene Person einer Mitverantwortung entziehen zu wollen. Es sei nicht glaubhaft, dass Woelki in vorherigen Ämtern nichts von Missbrauchsvorwürfen gegen Priester mitbekommen habe, sagte er der Nachrichtenagentur dpa.

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