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Aus: Ausgabe vom 20.03.2021, Seite 6 (Beilage) / Wochenendbeilage

Der Mann, der sein Alter nicht wusste

Ein riesiger Topf Durchblick: Erinnerungen an Hans Kantereit
Von Christian Y. Schmidt
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Hans Kantereit (ganz links) und die Dreck-Redaktion, bestehend aus (v. l. n. r.): Fritz Tietz (vorne), Constanze Wachsmann, Christian Y. Schmidt, ­Rüdiger Stanko (ganz hinten), Hans Zippert und Thomas Pöschel. Der zweite Mensch rechts hinter Kantereit ist unbekannt

Als ich Mitte Februar aus der Zeitung von Hans Kantereits Tod erfuhr, fiel mir unsere letzte Begegnung ein. Es war bei der Eröffnung einer Ausstellung mit Zeichnungen verschiedener Berliner Karikaturisten, in einer Kneipe in Neukölln. Nach der Besichtigung trat ich vor die Tür, um eine zu rauchen. Da stand bereits ein alter Quarzer, den ich um Feuer bat. Erst, als er mich ansprach, wusste ich, wen ich vor mir hatte: »Schmidt, Grüssung, Chef. Wo kommst du denn her?« Diese sonore-freundliche Stimme, das Privatvokabular. Klar jetzt, dass der Mann Hans Kantereit war, nur in deutlich älter. Richtig, ja: »Ein Satirikerjahr sind fünf Menschenjahre«, hat Simon Borowiak vor Jahren mal in der FAZ dekretiert. Kantereit bildete keine Ausnahme von dieser Regel.

Wann diese letzte Begegnung war, habe ich trotz emsigen Herumfragens nicht herausbekommen. So behält sie etwas Nebulöses. Auch das passt gut zu Hans Kantereit. Große Teile seiner Biographie liegen im dunkeln. Günter Willen, der Anfang der Neunziger Kantereits Kollege beim Spaßmagazin Kowalski war, bestätigte das erst neulich in einem Nachruf: »Man wusste eigentlich so gut wie nichts über ihn, nix Privates, nada, niente.«

Präzise weiß ich allerdings, dass ich Hans Kantereit einiges zu verdanken habe. Es dürfte 1984 gewesen sein, als er und Richard Kähler – damals beide Redakteure des Satiremagazins Titanic – uns, die Redaktion des legendären Dreck-Magazins aus Bielefeld, auf der Frankfurter Buchmesse ermutigten, es mit Beiträgen für die Titanic zu versuchen. Im Sommer 1986 machte ich dann als erster von uns Dreck-Redakteuren mein dreimonatiges Volontariat bei dem Heft. Obwohl sich mir damit ein Teenagertraum erfüllte, fühlte ich mich in Frankfurt zunächst ziemlich unwohl. Die Redaktion war damals gespalten, zwischen dem Chefredakteur Jörg Metes auf der einen, und den »Hamburgern« um Richard Kähler und Hans-Werner Saalfeld auf der anderen Seite. Beide Parteien hielten nicht viel voneinander, und ich, der Frischling aus der Provinz, saß zwischen den Stühlen. Kantereit spürte offenbar mein Unbehagen und lud mich eines Tages zum Bier in einem der Straßencafés auf der Zeil ein, wo wir den Nachmittag verplauderten.

Der Satirestar

Das war für mich keine geringe Sache. Hans Kantereit war für uns in Bielefeld ein kleiner Star, vielleicht noch etwas größer als die anderen Titanic-Redakteure. Ein Grund dafür war sicher, dass er gelegentlich als Titanic-Posterboy fungierte. Kantereit (»weiß alles«) warb mit seinem Foto für den legendären »Hansi-Magneten«, der einen reich, glücklich und berühmt machen sollte. »Das ist Hans K. … Von seinem Passfoto geht eine ungeheure Kraft aus. Millionen tragen bereits Hansi-Magnet bei sich …«

Sehr lustig fanden wir auch das Plakat »Ich vögele gern«, das das Porträt eines unbeschwert lachenden Kantereit zeigte, dazu eine Packung Kondome: eine Parodie auf eine Anzeigenkampagne für die Leichtzigarette »R1«, für die smarte, junge Raucher mit dem Satz »Ich rauche gern« warben. Später erzählte mir Kantereit, wie ihm das Plakat inzwischen zuwider sei. »Alle denken, ich sei der große Stecher. Schön wär’s.« Da dämmerte mir, dass es auch Satirestars nicht immer einfach hatten.

Als ich dann Anfang 1989 selbst Titanic-Redakteur wurde, hatte sich die Spaltung der Redaktion auch räumlich vollzogen. Bereits 1987 waren Kantereit, Kähler, Saalfeld und Tietz nach Hamburg gegangen, wo sie von nun an bis 1993 Kowalski machten. Dieses Heft – Fanny Müller nannte es die »Titanic für Mopedfahrer« – war deutlich unpolitischer als das Frankfurter Satiremagazin. Das kam Hans Kantereit sicherlich entgegen. Er war nie ein politischer Kopf, sondern stand Zeit seines Lebens auf der Seite der Nonsensefraktion im Komikproduktionsgeschäft.

Von nun an verfolgte ich seine Karriere aus der Ferne. Sie schien glänzend zu verlaufen. Nach der Pleite von Kowalski veröffentlichte er in steter Regelmäßigkeit kleine komische Bücher, übersetzte aus dem Französischen und Englischen und schrieb an Kino- und Fernsehfilmen mit. Als routinierter Texter, der er war, landete er eines Tages sogar beim Hochglanz- und Society-Magazin Gala: Vielleicht nicht der Höhepunkt einer humoristischen Karriere, aber sicher eine Garantie für gutes Geld.

Melancholiker und Bohemien

Es war ihm zu gönnen. Kantereit blieb freundlich und charmant gegenüber jedermann. »Ein liebenswerter und liebenswürdiger Melancholiker«, erinnert sich Film- und Fernsehproduzentin Andrea Jedele, mit der er an verschiedenen Projekten gearbeitet hat. Außerdem ein exzellenter Zuhörer und lustiger Geschichtenerzähler. Letzteres wird man auch weiterhin anhand von Büchern wie »Reisen mit Judith« oder »Dr. Kartoffel erklärt uns die Welt« überprüfen können.

Zu Charme, Liebenswürdigkeit und Redegewandtheit gesellte sich ein ausgesprochen bohemienhafter Lebensstil. Hans Kantereit schätzte gutes Essen und Trinken; obendrein war er ein eingefleischter Raucher. Kein Wunder, dass es den Bonvivant immer wieder ins frankophone Ausland zog. Schon als Titanic-Redakteur setzte er – der nie einen Führerschein besaß; noch so ein sympathischer Zug an ihm – sich am Wochenende in den Nachtzug, nur um ein paar Stunden in Südfrankreich zu verbringen. Die Affinität zu Frankreich rührte wahrscheinlich von einem frühen Aufenthalt in Paris her, wo er nach einer Buchhändlerlehre in Karlsruhe bei einem Kunstbuchhändler seine Ausbildung zum Buchmenschen komplettierte. Später wohnte er zusammen mit seiner Frau, einer berühmten Satirikerin, zeitweise an der Côte d’Azur, in Avignon und Brüssel. Das war wohl die Zeit, in der ich, der ich Bohemien nie wirklich konnte, Kantereit auch ein wenig beneidete.

But in every dreamhome a heartache. Die Ehe scheiterte aus Gründen, die hier nichts zur Sache tun, und wie es sich für einen echten Bohemien gehört, hatte Kantereit immer wieder Probleme mit Behörden und Finanzamt. Schon bei unserem Plausch 1986 auf der Zeil erzählte er mir, die Steuer sei hinter ihm her. »Woher soll ich denn wissen, was eine Steuererklärung ist? Über so etwas Unanständiges redet man doch nicht.« Diese sympathische Lebensuntüchtigkeit hat sich offenbar nie gelegt. »Post von Behörden hat er nicht aufgemacht«, erzählt seine letzte, langjährige Freundin, die Künstlerin Karen Koltermann. »Er wollte ja noch nicht einmal wissen, wie alt er ist. Wenn man ihn fragte, sagte er nur ›Keine Ahnung …‹«.

Tresenarzt und Airbuspeter

Irgendwelche Betrüblichkeiten hielten Kantereit jedoch nie von der Arbeit ab. Allein von 2010 bis 2012 haute er gleich acht solide komponierte Gebrauchskomikbücher im Lappan Verlag raus. Gleichzeitig saß er mit »Tatort«-Regisseur Richard Huber und Produzentin Jedele an einem Projekt, das »Tresenarzt und Airbuspeter« hieß, und das von zwei Gestalten im Hamburger Kneipenmilieu inspiriert war. Zu der Zeit kontaktierte er mich und meine Frau per Mail in Beijing, um ein paar Dinge zu recherchieren. »Ich müsste demnächst (frach nich) mal ne möglichst detailgenaue Beschreibung einer chinesischen Verlobung in der oberen Mittelschicht geben. Ihr habt doch bestimmt einen riesigen Topf Durchblick auf dem Herd! Her damit!« Als ich ihm antwortete, dass es Verlobungen in Mainland China allenfalls unter affektierten Schauspielern gäbe, sonst eher nicht, schrieb er zurück: »Okay, Chef, aus der Nummer seid Ihr raus. Ich streiche die Verlobung. Höre aber nicht auf zu nerven. Gibt es in Peking sowas wie ein Hauptelektrizitätswerk? Oder wenigstens ein zentrales Verwaltungsgebäude für das E-Werk?«

In der nächsten Mail fragte ich ihn dann doch, wozu er denn, um Himmels willen, dieses ganze Zeugs wissen wolle. Als Antwort kam zurück: »Nee, bin doch nicht verrückt. Versuche mich tatsächlich an nem Romanstoff, der spielt aber in D. Allerdings kommt die schönste Frau der Welt zu Besuch, und zwar als Abgesandte des chinesischen Ministeriums für Landwirtschaftliche Forschung. (Oder so). Und dann bricht natürlich ein Herz hier in D. Und folgt ihr nach P. (Wie ich darauf komme? Keinen Schimmer!) Wollte nur eine kleine, geheimnisvolle Blende machen, wie sie Peking verlässt, oder sich von ihrem Verlobten verabschiedet (Chef der Pekinger E-Werke). Mal ›sehen‹. Da ich nichts mehr liebe, als wenn zwischen Aufwand und Ertrag eine möglichst große Lücke klafft, kann das tatsächlich noch passieren, dass ich vorbeikomme …«.

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»Und dann bricht natürlich ein Herz«: Hans Kantereit in einem Trickfilm von Karen Koltermann

Diesen Roman, der offenbar zum Teil von meiner Biographie inspiriert war, hätte ich furchtbar gerne gelesen, und noch lieber hätte ich Hans Kantereit in Beijing empfangen und bewirtet. Doch ist das Buch leider nie erschienen, genausowenig wie die Fernsehserie »Tresenarzt und Airbuspeter« realisiert wurde. (Ein Verbrechen, wenn der Inhalt nur zehn Prozent von dem hält, was der geniale Titel verspricht). Im Dezember 2011 brach dann unser Mailkontakt ab. Der Grund war, dass dem emsigen Mann ein neuer Job zugeflogen war: Kantereit wurde verantwortlicher Redakteur bei Effilee, dem Magazin für »Essen und Leben«. Eine Traumbesetzung für den Posten.

Leichter Stolz

Nicht viel später muss es zu unserer letzten persönlichen Begegnung vor der Tür der Neuköllner Kneipe gekommen sein. Dann verdüsterte sich seine Biographie. Nachdem im Herbst 2017 Kantereits letzter Beitrag in Effilee erschienen war, hinderte ihn sein Gesundheitszustand weitgehend am Arbeiten. Es folgten mehrere Klinikaufenthalte, an deren Ende die Amputation beider Beine stand. Ein schwerer Schlag, von dem sich wohl die wenigsten erholen würden. Aber auch das gelang Hans Kantereit, mit dem ihm ganz eigenen Stoizismus, vor allem aber mit Stil und Haltung. »Vor seinem Pflegeheim im Wedding hingen immer ein paar Leute ab«, erzählt Karen Koltermann. »Kam Hans mit seinem Elektrorollstuhl vorbei, zischten die sich zu: Aufgepasst, hier kommt unser Dandy.«

Im letzten Jahr schien sich dann alles wieder zum Besseren zu wenden. Die Deutsche Künstlerhilfe des Bundespräsidenten, die in Not geratene Künstler unterstützt, erkannte dem Humoristen eine kleine Rente zu. Dass auf der damit verbundenen ­Urkunde vermerkt ist, er habe »zum kulturellen Ansehen der Bundesrepublik Deutschland beigetragen«, erfüllte ihn dann doch mit leichtem, nicht-ironischem Stolz. Inzwischen war er auch soweit wieder hergestellt, dass er das Pflegeheim verlassen konnte. Eine eigene Wohnung im Berliner Nikolaiviertel stand bereit, in die er in nächster Zeit hätte ziehen können. Auch mit dem Schreiben hatte er wieder begonnen.

Aber dann, im Januar dieses Jahres, wurde er immer müder. »Ich glaube, ich habe die Schlafkrankheit«, scherzte er gegenüber seiner Freundin. Doch offenbar ist es was Ernsteres. Am Donnerstag vor seinem Tod führt Karen Koltermann noch einmal ein langes Telefongespräch mit ihrem Freund. Als ob Hans Kantereit ahnt, dass es das letzte sein würde, sprechen sie über alles, ihre Jahre miteinander, Gott und die Welt. »Das war sehr schön«, erzählt Koltermann später. Als sie ihn zwei Tage danach, am 30. Januar, wieder anruft, ist am anderen Ende nur eine Pflegerin: »Tut uns leid. Herr Kantereit ist heute verstorben.«

Hans Kantereit wurde nur einundsechzig Jahre alt. Auch deshalb war sein Tod für viele, die ihn kannten, ein Schock. Dass er für ihn selbst aber nicht unerwartet kam, legt ein letzter kleiner Kantereit-Text nahe. Der erschien beinahe zeitgleich mit seinem Tod im Februarheft der Titanic, muss aber mindestens zwei Wochen früher eingeschickt worden sein. Er ist mit »Letztes Anliegen« überschrieben :

»Wenn dann sogar unsere Zeit im Krematoriumsofen abgelaufen ist und es ›klick‹ macht, ob man dann wohl, bevor man das Türchen aufmacht, auch diese berühmte Anstandsminute abwartet wie zu Hause bei der Mikrowelle?«

Typisch für Kantereit war selbst der eigene Tod zunächst einmal eine (komische) Form- und Stilfrage.

Vielleicht zu spät

Für die Zurückgebliebenen stellen sich andere Probleme. Zu seiner Familie – noch eine große Unbekannte in seinem Leben – hatte Kantereit schon lange keinen Kontakt mehr. Deshalb kämpft jetzt Karen Koltermann dafür, dass man den Nachlass, soweit er sich im Weddinger Pflegeheim befindet, an sie herausgibt. Doch was soll danach mit Kantereits Manuskripten, Briefen, Fotos und anderen Memorabilien geschehen? Sie an einem öffentlichen Ort aufzubewahren, wo sie einem interessierten Publikum und im Zweifel auch der Wissenschaft zugänglich gemacht werden, wäre sicher das Angemessene. Die Publikationen der Angehörigen der Neuen Frankfurter Schule sowie ihren Nachfolgern bei Titanic und Kowalski sind für die Mentalitätsgeschichte West- und später auch Gesamtdeutschlands mindestens so aufschlussreich wie die Veröffentlichungen der Simplicissismus-Mitarbeiter für die Zeit des Wilhelminismus.

Das Deutsche Literaturarchiv in Marbach dürfte sich jedoch für einen Humoristen wie Kantereit nicht zuständig fühlen, und Caricatura – das Museum für Komische Kunst in Frankfurt kümmert sich zur Zeit nur um die Vor- und Nachlässe von Zeichnern der Neuen Frankfurter Schule und ihrer Folgegenerationen, aber nicht um die der nur Schreibenden. Museumsdirektor Achim Frenz weiß, dass das ein Problem ist: »Wir haben die komischen Autoren auf dem Zettel, denn eigentlich gehören ihre Nachlässe auch in unser Haus. Allein: Die Politik kann sich nicht entscheiden. Deshalb fehlt uns dafür im Moment noch der Etat.«

Die Frage stellt sich um so dringlicher, als mich noch beim Schreiben an diesem Nachruf die nächste traurige Nachricht erreicht; nunmehr ist auch Hans-Werner Saalfeld gestorben. Der gelernte Grafiker, bis zum Schluss einer der besten Freunde von Hans Kantereit, war in den Achtzigern ebenfalls Titanic-Redakteur, 1984 sogar kurzzeitig Chef, und nach der Gründung von Kowalski zusammen mit Richard Kähler wiederum dessen Chefredakteur.

Frenz hofft, dass die Stadt Frankfurt dem Museum für Komische Kunst in den nächsten Jahren einen zusätzlichen Etat bewilligen wird, damit es auch das Schaffen der Autoren dokumentieren kann. Doch für die Nachlässe von Kantereit und Saalfeld könnte es dann schon zu spät sein. Das aber wäre mehr als nur jammerschade. Es wäre auch ein kulturhistorischer Verlust.

Christian Y. Schmidt war von 1989 bis 1996 Redakteur des Satiremagazins Titanic und ist seitdem freier Schriftsteller. Zuletzt veröffentlichte er den Roman »Der letzte Huelsenbeck«, die Erzählung »Der kleine Herr Tod« und den Bericht »Corona Updates Bejing«

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