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Aus: Ausgabe vom 22.03.2021, Seite 8 / Ansichten

Proletarier des Tages: Goldman-Sachs-Banker

Von Simon Zeise
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Yuppies in Panik. Goldman-Sachs-Analysten kommen nicht mehr zur Ruhe

Überlastung bis zum Burnout. Die Coronakrise verschärft den Druck auf die Beschäftigten. »Mein Körper schmerzt ständig, und mental geht es mir wirklich düster.« Die Klage entstammt dem neuen Proletariat: Investmentbanker von Goldman Sachs haben in einer am Wochenende veröffentlichten Umfrage unter ihresgleichen die sklavenähnlichen Verhältnisse in US-Finanzunternehmen angeprangert.

Mehr gefällig? »Es gab Zeiten, in denen ich von morgens bis nach Mitternacht nicht gegessen, geduscht oder etwas anderes getan habe, als zu arbeiten.« Ein »Kollege« fasst zusammen: »Was für mich nicht in Ordnung ist, sind 110 bis 120 Stundenwochen! Die Rechnung ist einfach, es bleiben vier Stunden pro Tag für Essen, Schlafen und Hygiene. Das ist jenseits von ›hart arbeitend‹, das ist unmenschlich und missbräuchlich.« Die ganze Plackerei nur wegen des schnöden Mammons? »Arbeitslos zu sein macht mir weniger Angst als die Frage, was aus meinem Körper wird, wenn ich diesen Lebensstil fortführe«, stöhnt einer der anonymen Analysten. Die Betriebsgruppe prangert an, die Arbeitszeiten hätten sich negativ auf ihre Beziehungen zu Familie und Freunden ausgewirkt. Mit letzter Kraft fordern die ausgelaugten Yuppies eine Wochenarbeitszeit von maximal 80 Stunden und eine ausreichende Vorbereitungszeit für Besprechungen.

Goldman-Sachs-Chef David Solomon hat nicht so genau hingehört. Er legt in der Freizeit begeistert als DJ in New Yorker Klubs Platten auf. »Wir erkennen an, dass unsere Leute sehr beschäftigt sind, weil das Geschäft stark ist und die Handelsvolumen ein historisches Niveau erreicht haben«, ließ er von seiner PR-Abteilung ausrichten – und drehte den Bass noch ein wenig lauter zu ABBAs »Money, Money, Money«. Was seine pauperisierten Untergebenen anbelangt, empfiehlt junge Welt kollektiven Klassenverrat. Im Sozialismus klappt es besser mit der Work-Life-Balance.

Wer fürchtet sich eigentlich vor wem?

Polizei vor Kiezkneipen- oder Waldschützern, Instagram vor linken Bloggern, Geheimdienste vor Antifaschisten? Oder eher andersherum? Die Tageszeitung junge Welt entlarvt jeden Tag die herrschenden Verhältnisse, benennt Profiteure und Unterlegene, macht Ursachen und Zusammenhänge verständlich.

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