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Konjunkturoptimismus

Zu Lust und Risiken des Kapitalverkehrs
Von Lucas Zeise
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Die Notenbanken zweier wichtiger G-20-Staaten haben in der vergangenen Woche die Leitzinsen erhöht, erklärtermaßen, um die heimische Inflationsrate zu drücken. In Brasilien wurde am Mittwoch der Leitzins, zu dem Banken Kredit bei der Notenbank erhalten, um 0,75 Punkte auf 2,75 Prozent angehoben. Die türkische Zentralbank folgte einen Tag später mit einer Erhöhung des Leitzinses um satte zwei Prozentpunkte auf 19 Prozent. Zum Umfeld gehört, dass ebenfalls am Mittwoch die US-Notenbank Fed verkündete, sie werde ihren Leitzins mindestens bis Ende 2023, also noch fast drei volle Jahre lang, auf dem jetzigen Niveau von praktisch null Prozent halten. Normalerweise folgen auch große Schwellenländer wie Brasilien und die Türkei in ihrer Zinspolitik der Fed, genauer: Sie werden von den Finanzmärkten dazu gezwungen, so zu handeln, damit sie einen Kapitalabfluss aus ihren Ländern abwehren und einen Kursverfall ihrer Währung vermeiden. Man hätte annehmen können, dass die »Garantie« der US-Notenbank, die Zinsen noch fast drei Jahre lang niedrig zu halten, den Schwellen- und Entwicklungsländern genug Spielraum bietet, ihrerseits eine expansive Geldpolitik zu betreiben, ohne Gefahr zu laufen, dass das Finanzkapital in großem Stil Geld abzieht.

Das scheint in diesem Fall nicht wie üblich zu funktionieren. Die Ursache dafür liegt auch im globalen Finanzzentrum, nämlich den USA. Denn anstatt wie meist der Vorgabe der Notenbank zu folgen, reagierten die großen Geldanleger dieses Mal anders als sonst. Die Zinsen am Kapitalmarkt stiegen. Die Rendite für zehnjährige US-Staatsanleihen erhöhte sich bis auf 1,7 Prozent. Anders gesagt, dem Versprechen der Zentralbank, die Geldversorgung über einen langen Zeitraum hinweg üppig zu halten, wurde wenig Glauben geschenkt. Die Erfahrung lehrt, dass diese Skepsis gerechtfertigt ist. Auch noch so kluge Banker oder Notenbanker wissen nicht, wie sich die Wirtschaft im Kapitalismus über zwölf Monate, geschweige denn über 30 Monate entwickelt.

Konkret tragen in den USA das umfangreiche Konjunkturprogramm des neuen Präsidenten (in Höhe von 1,9 Billionen Dollar), die Hoffnung auf ein baldiges Ende der Coronakrise dank der vergleichsweise erfolgreichen Impfkampagne und auch die auf Dauer angelegte lockere Geldpolitik der Notenbank dazu bei, dass der Wirtschaftsaufschwung gleich um die Ecke vermutet wird. Schon wird unterstellt, dass die Arbeitslosigkeit sinkt, dass die Löhne wieder steigen und dass beides die Inflation anheizt. Die Zinsführerschaft in der Breite der Wirtschaft hat in diesem Fall für jedermann sichtbar nicht die Notenbank, sondern der Kapitalmarkt übernommen. Für Länder außerhalb der USA ist das fatal. Während in Brasilien die Coronakrise wütet wie nie zuvor und in der Türkei die Lage sich auch nicht bessert, müssen diese Staaten absurderweise ihre Zinsen erhöhen und die heimische Wirtschaft abbremsen, weil in den USA der Konjunkturoptimismus tobt.

Unser Autor ist Finanzjournalist und Publizist. Er lebt in Frankfurt am Main

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