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Aus: Ausgabe vom 20.03.2021, Seite 8 / Ansichten

Sterilitätsbeauftragter des Tages: Roland Jahn

Von Arnold Schölzel
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Roland Jahn am Freitag: »Aus eins mach zwei.« Jesus hat vergleichsweise nichts gekonnt

Am Freitag übergab »Stasi«-Unterlagenchef Roland Jahn, der im Juni nach zehn Jahren Amtszeit aufhört, den 15. Bericht seiner Behörde an Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble. Bei der anschließenden Pressekonferenz herrschte gähnende Leere, der Sender Phoenix drehte die Direktübertragung nach 20 Minuten ab: Keiner will’s wissen. Was waren das für Superspreader-Zeiten, als Seuchenprediger Joachim Gauck das »Stasi«-Virus noch überall im Osten aufspürte.

Dabei war der Zweck der Anstalt schon immer derselbe: politische Asepsis, Freiheit vom sozialistischen Keim. Bei Amtsantritt Jahns 2011 hatte die Süddeutsche Zeitung etwas gewunden formuliert: »Die Schärfe der Beurteilung von Stasi-Kontakten wächst im Quadrat des Zeitabstands zur DDR.« Da hatte der Bundestag gerade beschlossen, die »Stasi«-Überprüfungen bis 2019 zu verlängern – gewissermaßen die Grundlage für Jahns Dotierung mit Staatssekretärsgehalt. Er verlangte außerdem, die 47 Mitarbeiter, die vom Ministerium für Staatssicherheit übernommen worden waren, zu entfernen. Als erstes jemand wegen Herkunft rauszuschmeißen, ist keine AfD-Spezialität. Selbst im Tagesspiegel war von »Bürgerrechthaberei« die Rede. Totschlag verjähre nach 20 Jahren, »Stasi«-Mitarbeit »offenbar nie«.

Richtig, Dank sei Jahn. 2019 verlängerten alle, die im Bundestag bisher auch für Krieg gestimmt hatten, das Gesetz bis zum 31. Dezember 2030. Ende nicht absehbar. Jahn meldete zudem am Freitag: »Aus eins mach zwei.« Seine Behörde wird jobsicher vom Bundesarchiv übernommen, und obendrein wird es einen »Bundesbeauftragten für die Opfer der SED-Diktatur« geben. Einst speiste einer mit zwei Broten 5.000 Leute, Jahn kennt Parkinson: »Arbeit dehnt sich in genau dem Maß aus, wie Zeit für ihre Erledigung zur Verfügung steht.« Und für Reinheitsgebote gibt es keine Grenzen. Deutschnationale Tradition.

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Debatte

  • Beitrag von Ralf S. aus G. (21. März 2021 um 01:52 Uhr)
    Ich sollte auch mal eine Anfrage stellen, um zu sehen was die Stasi so über mich wusste. Ich war zwar weder Bürger der DDR noch der BRD, und ich war keine zehn Jahre alt, als die Freiheit siegte, aber die Stasi hatte bestimmt trotzdem 'ne Akte über mich. Was anderes kann ich mir gar nicht vorstellen, wenn ich höre, was Herr Jahn und Gauck so von sich geben.

    Dann wiederum, jede Anfrage, sei sie noch so offensichtlich sinn- und ergebnislos, dient ihnen in der Statistik zur Rechtfertigung ihrer Existenz. Also lieber doch nicht.
    • Beitrag von Wieland K. aus N. (21. März 2021 um 09:11 Uhr)
      Lieber Ralf S.,

      warum wollen Sie keine Anfrage stellen? Bitte tun Sie es und fügen Sie als driftigen Grund bei, dass Sie sich für eine hohe Staatsfunktion bewerben wollen und Sie dabei noch eine Reihe von Mitbewerbern aus den westlichen Bundesländern haben. Ich möchte mit Ihnen fast eine Wette abschließen, dass die Ex-Jahn-Behörde eine Akte aus der Ecke wie Kai aus der Kiste zaubert mit gewichtigen Gründen, die gegen Ihre Bewerbung sprechen. Sie meinen, das geht nicht? Doch, ging schon vielfach an DDR-Lebensläufen. Wie? Ganz einfach. Es wurden genug leere Formulare gefunden, die man eilfertig ausfüllte und gekonnt mit Unterschriften frisiert, auf dass sich der Betroffene nicht mehr wehren konnte. Und außerdem wären Sie vermutlich der 84.376.294. Antragsteller auf Einsichtnahme.

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