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Aus: Ausgabe vom 19.03.2021, Seite 5 / Inland
Jubiläum von Arbeiterorganisation

Vereint im Arbeitskampf

Dienstleistungsgewerkschaft Verdi vor 20 Jahren gegründet. Etappensiege gegen Unternehmer errungen. Herausforderungen bleiben
Von Gudrun Giese
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Frank Bsirske (ÖTV), Detlef Hensche (IG Medien) und Margret Mönig-Raane (HBV) auf dem Verdi-Gründungskongress am 16. März 2001 in Berlin

Am 19. März 2001 entstand die Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft – kurz Verdi – aus der Verschmelzung von fünf Organisationen. Die Jubiläumsfeier am Freitag findet wegen der Coronapandemie nur im Livestream statt.

»Raus aus den Gewerkschaftsghettos, rein ins Leben!« appellierte der frisch gewählte Verdi-Vorsitzende Frank Bsirske beim Gründungskongress in Berlin in seiner Grundsatzrede. Nach vierjähriger Vorbereitung durch zahlreiche Konferenzen, Sitzungen und Abstimmungen verschmolzen die Gewerkschaft Öffentlicher Dienst, Transport und Verkehr (ÖTV), Deutsche Angestelltengewerkschaft (DAG), Deutsche Postgewerkschaft (DPG), Gewerkschaft Handel, Banken und Versicherungen (HBV) sowie Industriegewerkschaft Medien – Druck und Papier, Publizistik und Kunst (IG Medien) zur damals europaweit größten Einzelgewerkschaft mit 2,8 Millionen Mitgliedern.

Bsirske kam, siegte und blieb

Unfallfrei gelang der Weg zur Verdi-Gründung nicht. So war der ÖTV-Vorsitzende Herbert Mai beim Gewerkschaftstag im November 2000 zurückgetreten, weil ihm 62,4 Prozent Zustimmung der Delegierten zur Gewerkschaftsfusion nicht reichten. Bsirske, bis dahin Stadtrat in Hannover für Bündnis 90/Grüne und zuvor auf ÖTV-Kreisebene aktiv, übernahm den Vorsitz und konnte 73,6 Prozent Zustimmung für die Verdi-Gründung holen.

Bsirske kam, siegte und blieb – bis er 2019 das Rentenalter erreichte. Sein Nachfolger Frank Werneke gehört ebenfalls zum Verdi-Urgestein: Der gelernte Verpackungsmittelmechaniker kommt aus der IG Medien und ist seit der Gründung im Bundesvorstand der Gewerkschaft, von 2002 bis 2019 als stellvertretender Vorsitzender.

Verdi versuchte von Beginn an das nahezu Unmögliche, nämlich Beschäftigte aus mehr als tausend verschiedenen Berufen durch eine Gewerkschaft zu vertreten. Das klappte nicht überall, zumal der Organisationsgrad sehr unterschiedlich ist – bei Müllwerkern und Erzieherinnen in kommunalen Kitas eher hoch, bei Callcentermitarbeitern und Discounterbeschäftigten mit Teilzeitjob ziemlich niedrig. Dass allerdings die Vorgängergewerkschaften erfolgreicher gewesen wären, darf bezweifelt werden. Schließlich gab es Ende der neunziger Jahre gute Gründe für die Fusion. Verdi war mit der Hoffnung verknüpft, dass man »Gemeinsam mehr bewegen« könne, wie das Motto des Gründungskongresses lautete. Die im Vergleich zur ÖTV kleinen Gewerkschaften DPG, HBV, DAG und IG Medien versprachen sich mehr Einfluss, fürchteten allerdings die Dominanz des großen Partners.

Verdi nennt anlässlich des Jubiläums auf der Webseite wir-sind-verdi.de exemplarisch einige Erfolge aus zwanzig Jahren Gewerkschaftsgeschichte: Die Kampagne für den allgemeinen, flächendeckenden gesetzlichen Mindestlohn habe man gemeinsam mit der Gewerkschaft Nahrung, Genuss, Gaststätten (NGG) ab 2006 bundesweit vorangebracht – mit Erfolg. Seit der Einführung des Mindestlohns zum 1. Januar 2015 habe sich »die Einkommenssituation von Millionen Menschen in Deutschland verbessert«, zumal er seitdem bereits viermal erhöht worden sei, heißt es auf der Webseite.

Ebenfalls auf der Habenseite bucht die Gewerkschaft den mit 16 Wochen längsten Streik im öffentlichen Dienst Deutschlands, mit dem die Teilnehmer 2006 die Verlängerung ihrer Arbeitszeit abwehren konnten. Die zur selben Zeit stattfindende Ablösung des Bundesangestelltentarifvertrages (BAT) durch die Tarifverträge für den öffentlichen Dienst von Bund, Ländern und Kommunen (TVöD sowie TVL) lobte Bsirske: »Damit haben wir das Tarifrecht im öffentlichen Dienst zukunftsfest gemacht.« Auch um die Schlechtverdiener im Dienstleistungssektor kümmerte sich Verdi: Dem Discounter Lidl wurden zwei Schwarzbücher und eine Kampagne gewidmet, beim Onlinegiganten Amazon sind seit Jahren Streiks an der Tagesordnung, und für die Beschäftigten der Billigfluglinie Ryanair schloss die Gewerkschaft 2019 einen Tarifvertrag ab.

Auf zu neuen Taten

Neue Impulse sind gleichwohl nötig. Das weiß auch Werneke, denn inzwischen liegt die Mitgliederzahl bei knapp unter zwei Millionen, und die Probleme im Dienstleistungssektor sind durch die Coronapandemie besonders deutlich geworden: Überlastung von Beschäftigten in der Pflege und Betreuung, Regelungsbedarf beim Homeoffice, Lösungen für Teile des Handels umreißen einige der Aufgaben. Zudem gelte es, die Digitalisierung der Arbeitswelt »im Sinne unserer Mitglieder zu gestalten«, so Werneke in einem Interview mit der Verdi publik. »In manchen Branchen gelingt uns das ganz gut, wir haben in den letzten Jahren eine Reihe von Digitalisierungstarifverträgen abgeschlossen.« Zunehmend müsse sich Verdi in naher Zukunft mit branchenübergreifenden Veränderungen befassen.

Wer hat Angst vor wem?

Diejenigen, die sich nicht scheuen, gegen Faschismus, Rassismus, Krieg und Ausbeutung einzutreten? Die dafür mit Verfolgung und Repression rechnen müssen? Oder diejenigen, die Verfassung und die herrschenden Verhältnisse »schützen«?

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