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Aus: Ausgabe vom 18.03.2021, Seite 7 / Ausland
Donbass

Kiew stellt Kriegsfalle

Ukrainische Militärs sehen sich laut Bericht für Rückeroberung von Donbass gerüstet
Von Reinhard Lauterbach
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Aus Militärsicht wieder bereit für den Angriff: Ukrainische Soldaten im Schützengraben in Wodjane nördlich von Donezk (6.3.2021)

Die ukrainische Militärführung sieht sich nach Darstellung des der »Oppositionsplattform« nahestehenden Portals Strana.ua gut vorbereitet für eine militärische Rückeroberung der 2014 verlorenen Teile des Donbass. Das Portal zitiert Quellen im Verteidigungsministerium und im Kiewer Generalstab mit der Aussage, die ukrainische Armee sei heute wesentlich besser ausgebildet und ausgerüstet als vor sieben Jahren. Insbesondere habe sie aus dem Karabach-Konflikt gelernt und sich eine große Anzahl von Kampfdrohnen zugelegt.

Aus den frontnahen Stellungen berichtet das Portal, dass die ukrainischen Truppen personell und materiell aufgefüllt worden seien, und es herrsche Urlaubssperre; der Rückzug der schweren Waffen aus der Frontnähe, wie im Sommer 2020 zur Deeskalation vereinbart, sei inzwischen rückgängig gemacht. Außerdem hätten beide Konfliktparteien jene vorgeschobenen Stellungen wieder bemannt, die sie im vergangenen Jahr symbolisch geräumt hätten. Militärisch sei die Ukraine zum Angriff bereit – es fehle nur der Befehl von der politischen Führung, fasst der Bericht zusammen. Mit einer kleinen, aber wesentlichen Einschränkung: Es müsse sichergestellt sein, dass Russland von einem Eingreifen an der Seite der »Volksrepubliken« abgehalten werde. Hierfür gebe es im Sommerhalbjahr, solange die Gaspipeline Nord Stream 2 noch nicht fertig sei, ein Zeitfenster, um Moskau zu erpressen. Auf der anderen Seite behauptet das ukrainische Militär, Russland habe heute schon Anlagen zur elektronischen Kriegführung – im Klartext: zur Bekämpfung ukrainischer Drohnen – im Donbass stationiert, und direkt hinter der Grenze stünden schlagkräftige Verbände mit Panzern und Artillerie. Sollte es zu einem Eingreifen kommen, bliebe der Ukraine einzig der Abbruch der Operation und der Rückzug. Ansonsten drohten Kesselschlachten wie die von 2014 und 2015.

Größte Befürchtung der ukrainischen Strategen ist aber offenbar gar nicht eine russisch-volksrepublikanische Gegenoffensive im Donbass selbst, sondern eine großangelegte »Zangenoperation« im Stil des Zweiten Weltkriegs: mit Panzervorstößen von der Krim aus im Süden und im Norden von der Region Belgorod (unweit Charkiws) aus mit dem Ziel, die ganze Ostukraine abzuschneiden und das Land praktisch zu teilen.

Vordergründig lesen sich die zitierten Auffassungen der ukrainischen Offiziere wie eine verklausulierte Warnung der politischen Führung vor militärischen Abenteuern. Auf einer politischen Ebene aber käme es der Ukraine vermutlich durchaus recht, wenn sie Russland zu einem offenen militärischen Eingreifen provozieren könnte. Denn die Ukraine behauptet ja seit Jahren, sie stehe in einem Krieg nicht gegen die Donbass-Republiken, sondern gegen Russland. Dessen militärisches Eingreifen würde die Sanktionsfront in Europa bis auf weiteres stabilisieren und die Ukraine als unmittelbaren Frontstaat dieser Auseinandersetzung politisch aufwerten.

Es sieht allerdings einstweilen danach aus, dass Russland sich in diese Falle nicht locken lassen will. Aus Moskau wird regelmäßig wiederholt, Konfliktparteien seien Kiew und die »Republiken«; wenn Kiew zu politischen Zugeständnissen an die »Volksrepubliken« bereit wäre, ließe sich sehr schnell über die künftige Koexistenz Konsens herstellen, sagte am Dienstag der russische Beauftragte für die Gespräche im »Normandie-Format«, Dmitri Kosak. In dieser Situation eines hartnäckigen diplomatischen Patts wird es dann jedoch denkbar, dass die Ukraine va banque spielt und mit einem Angriff im Donbass neue Fakten zu schaffen versucht.

Klar ist, dass eine solche Entscheidung in Kiew zwar verkündet, aber in Washington getroffen würde. An dieser Stelle erweckt eine am Mittwoch verbreitete Meldung Besorgnis: Die US-Geheimdienste hätten Russland die Einmischung auch in den letzten Präsidentschaftswahlkampf vorgeworfen. Einzelheiten nennt der freigegebene Bericht der Geheimdienstkoalition nicht, folglich auch keine Beweise, die man überprüfen könnte. Es bleibt also eine abstrakte Feindschaftserklärung und damit die Ankündigung eines fortgesetzten Konfrontationskurses.

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Debatte

  • Beitrag von Torsten Andreas S. aus B. (18. März 2021 um 01:00 Uhr)
    Hier wird die eine wichtige Tatsache ausgeblendet: Von den Volksrepubliken im Osten der Ukraine gingen bisher keine Offensiven zur Eroberung der Ukraine aus. Andersherum stellt es sich so dar:

    »In dieser Situation eines hartnäckigen diplomatischen Patts wird es dann jedoch denkbar, dass die Ukraine va banque spielt und mit einem Angriff im Donbass neue Fakten zu schaffen versucht.«

    Aber welches Ergebnis wird dann erreicht? Ist eine militärische Lösung sinnvoll? Was wäre das Resultat? Die Einnahme des Gebietes? Also die Übernahme der Kontrolle über die dort lebenden Menschen? Mit welchem Ziel? Kurz und gut: Aus welchem Grund wird dieser militärische Konflikt ausgeführt, anstatt zum Ende zu kommen? Kann es vielleicht auch an der aggressiven Haltung der Regierenden in Kiew liegen?

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