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Aus: Ausgabe vom 17.03.2021, Seite 11 / Feuilleton
Jazz

Die Signale wären da

Aber wo sind die Völker? Oder: Wie geht’s eigentlich dem Protestsong?
Von Ulrich Kriest
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Und wo bleibt die Revolution? – Jazzmusiker und Gitarrist Jo Ambros (Kassel, 2017)

Jetzt, in der großen Stille, wäre hinreichend Zeit, einmal mehr über die gesellschaftliche Funktion von Musik zu diskutieren. Fehlt da nicht etwas? Oder ist es ein Phantomschmerz? In den Liner notes zu »Bread and Roses«, dem aktuellen Album seines Trios, fragt Gitarrist Jo Ambros: »Wo ist das politische Lied, wo sind die Protestsongs, wo ist die Revolution in der Musik? Anlass gibt es genug, Feindbilder auch, aber in der Breite äußert sich niemand.«

Mögliche Gründe für diesen Mangel? Ambros spekuliert über Saturiertheit, Bequemlichkeit, Angst, Resignation, die unterstellte Wirkungslosigkeit von Songs. Und macht einen Schritt zur Seite und widmet sich »vorerst den alten Songs«, auch »I Won’t Back Down«, um sich selbst politisch zu positionieren. Diese alten Songs tragen dann Titel wie »Die Moorsoldaten«, »Hasta siempre, comandante«, »Foggy Dew« oder »We shall overcome«. Auch die »Internationale« fehlt nicht. Als Reggae.

Historische Kämpfe

Um es ganz klar zu sagen: »Bread and Roses« ist ein ausgesprochen interessantes, musikalisch mit allen Wassern der Improvisation gewaschenes, auch angenehm humorvolles Instrumentalalbum geworden, das wirklich dazu einlädt, die »alten Songs« neu zu entdecken. Gerade, weil sie sich hier nicht so leicht zu erkennen geben. Aber vielleicht auch – eine nicht repräsentative Umfrage auf Ambros’ Website macht das deutlich –, weil die »alten Songs« nicht mehr als bekannt vorausgesetzt werden können. Vielleicht noch die Melodien, aber weder die Texte noch die historischen Kontexte. Weshalb dem Booklet von »Bread and Roses« eine besondere Bedeutung zukommt, denn hier steht zu lesen, was »Foggy Dew« mit der Unabhängigkeit der Republik Irland zu tun hat, oder was »Die Moorsoldaten« mit dem KZ Börgermoor im Emsland zu tun haben.

Die »alten Songs« bewahren also durchaus Erinnerungen an historische Konstellationen und Kämpfe, was grundsätzlich zu begrüßen ist. Schwieriger wird es allerdings in Sachen »Positionierung« der Künstlerinnen und Künstler durch das gewählte Repertoire. Im Falle von »Bread and Roses« reicht dieses Repertoire von der Französischen Revolution über den Spanischen Bürgerkrieg bis nach Kuba um 1965, was einerseits schon okay ist, andererseits aber nur sehr vermittelt, in einer Art von Kostümfest, auf den eingangs konstatierten Mangel an politischen Liedern in der Gegenwart reagiert.

Interessanterweise befindet sich das Projekt »Bread and Roses« mit all seinen Wünschen, Fragen und Widersprüchen in international bester Gesellschaft. Erinnert sei in diesem Zusammenhang an das Album »Songs of Resistance 1942–2018« des US-amerikanischen Gitarristen Marc Ribot, den man aus seinen Arbeiten mit John Zorn und Tom Waits kennen kann. Hier kam nun alles zusammen zwischen Holocaust und Klimakatastrophe, Hannah Arendt und Volksfront, dem Art Ensemble of Chicago und den italienischen Partisanenliedern und sehr viel Wut auf die Verhältnisse unter dem orange gebürsteten Clown im Weißen Haus. Erzählt Ribot selbst in seinen Liner notes zum Album. Ob nun authentisch oder sehr gut ausgedacht, geht eine Anekdote wie folgt: In den Tagen von »Occupy Wall Street« kursierte eines Morgens das Gerücht, die Polizei werde kommen, um die Aktivisten abzuräumen. Jetzt, so Ribot, wäre es geboten gewesen, gemeinsam ein Lied anzustimmen, doch alles, was den Leuten spontan einfiel, war Tom Pettys »I Won’t Back Down«, was irgendwie nicht so recht zu passen schien. Angesichts der so reichen Geschichte des politischen Liedes war Ribot derart frustriert, dass er stellvertretend für den »stummen« Widerstand die Archive durchmusterte. Für spätere, bessere Zeiten! Auch hier finden sich Songs aus der Bürgerrechtsbewegung, italienische Partisanenlieder, aber auch ein paar Songs, die nicht aus dem Archiv stammen, sondern 2018 ganz aktuell gegen Trump, Bannon, Rassismus und Homophobie in Stellung gingen. Durchaus unironisch bringt Ribot das Konzept einer Einheitsfront ins Spiel, die »worked last time around (1942–45)«.

Ribot und seine Mitstreiterinnen und Mitstreiter arbeiten textlich mit Referenzen zu Rosa Parks, Emma Goldman, Pete Seeger, John Brown und Malcolm X, musikalisch mit gehöriger Verve. Fire Music mit Noise-Anteilen. Letzteres verweist auf die Dringlichkeit des Unternehmens und schützt vor sich allzu leicht einstellender Musealität, die dann auch glatt mal als bloß noch nostalgischer »Radical chic« durchgeht. Dass zuviel Kunstfertigkeit nämlich politisch kontraproduktiv sein kann, zeigt beispielhaft das Projekt »Garofani Rossi« des italienischen Bandoneonista Daniele Di Bonaventura und seiner Band’Union. Ganze Konzertabende widmet das Quartett »musiche della resistenza e delle rivoluzioni« – Musiken des Widerstands und der Revolutionen. In Zeiten, in denen das Partisanenlied »Bella ciao« zum Mitgrölhit in Großraumdiscos wird, geben Di Bonaventura und seine virtuos mit Jazz-, Folk- und Klassikidiomen spielende Band’Union den »alten Songs« wie »El Quinto Regimiento« oder »El Pueblo Unido Jamás Será Vencido« ein würdevolles, aber wenig kämpferisches kammermusikalisches Gepräge, das auf Sommerfestivals bestenfalls einen Schuss Sentiment ins gut gekühlte Glas Pinot Grigio mengt. Gleiches gilt leider auch für das aktuelle Album des Kronos Quartet. »Long Time Passing« verbeugt sich mit Hilfe von Gastvokalistinnen und -vokalisten wie Maria Arnal, Lee Knight oder Sam Amidon vor den Songklassikern Pete Seegers (»If I Had a Hammer«, »We Shall Overcome«, »Which Side Are You On?«). Seit einem halben Jahrhundert steht das Kronos Quartet dafür, das Format des klassischen Streichquartetts durch originelle Repertoireerweiterungen (Evans, Monk, Piazzolla, Hassell, Hendrix) erfolgreich durchzulüften, doch in diesem Fall klingt das Resultat wie ein unreflektiert-hämischer Schachzug in Sachen kultureller Aneignung beziehungsweise Enteignung. Hier werden aktivistische Klassiker in zahnlos Klassisches transformiert.

Keine Sprache mehr

Wahrscheinlich spricht aus dem reflexartigen Griff ins Archiv der Soundtracks längst geschlagener Schlachten eine Sehnsucht nach übersichtlicheren Zeiten und Fronten, wie Ambros eingangs ja auch unterstellt hat. Zumindest sollte epische Distanz zum historischen Kontext des gewählten Materials vor falschem Pathos schützen. Gerade aber vor dem Hintergrund aktueller Identitätspolitiken sollten Protestsongproduzenten, die auf das Heute reagieren wollen, sich der Einsicht des »Unsichtbaren Komitees« entsinnen, wo es heißt, dass »das vage Konglomerat von Milieus, Institutionen und individuellen Blasen, das man ironisch ›Gesellschaft‹ nennt, (…) keine Sprache mehr für die gemeinsame Erfahrung« hat. Aus diesem Befund hilft ein altes Partisanenlied nur sehr bedingt.

Jo Ambros: »Bread and Roses« (Hinterland Records)

Marc Ribot: »Songs of Resistance 1942–2018« (Anti/Epitaph)

Daniele Di Bonaventura & Band’Union: »Live« (DdB Music)

Kronos Quartet: »Long Time Passing« (Smithsonian Folkways Recordings)

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