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Aus: Ausgabe vom 17.03.2021, Seite 10 / Feuilleton
Comic

Dachau in Braun-Grau-Blau

Die Erinnerungen eines französischen Widerstandskämpfers als Graphic Novel
Von Herbert Bauch
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Das Greuel weniger Worte: Panel aus dem besprochenen Band

Die Kleinstadt La Roche-sur-Yon im Département Vendéeam 8. Mai 2015: Ein 91jähriger wird zum Ritter der Ehrenlegion ernannt, bekommt bei strömendem Regen einen Orden an die Brust geheftet. So beginnt in der Graphic Novel »Überleben in Dachau« die Geschichte, die ihren Ausgang mehr als sieben Jahrzehnte zuvor nahm. Es sind die Erinnerungen von Guy-Pierre Gautier, der ab 1941 Mitglied der französischen Widerstandsbewegung war. Erlebnisse, die sich tief in sein Innerstes eingegraben haben, die er bisher nicht preisgab. Gautier hat das KZ Dachau überlebt, will vergessen. Nun holt ihn die Geschichte ein, die späte Ehrung zwingt ihn, sich der Vergangenheit zu stellen. Er erzählt dem Trickfilmer und Zeichner Tiburce Oger – seinem Enkel – seine Erinnerungen an die 1940er Jahre, als die deutschen Faschisten Europa mit Krieg und Terror überzogen.

Dem Wiener Verlag Bahoe Books ist es zu verdanken, dass der Band jetzt auch in deutscher Übersetzung vorliegt. Jedoch rückt der deutsche Titel »Überleben in Dachau« nur einen Teil der Geschichte in den Mittelpunkt – »Ma guerre. De la Rochelle à Dachau« (Mein Krieg. Von La Rochelle nach Dachau) lautet er im französischen Original. Ein gewichtiger Teil der Geschichte Gautiers nimmt seine Widerstandstätigkeit in Frankreich ein, die zu seiner Verhaftung und Deportation führt. Über seine Mitgliedschaft im Arbeiter-Leichtathletikverein von La Rochelle kommt er mit der Widerstandsbewegung in Berührung und fungiert »ab und zu, ohne es zu wissen, als Bote«. Die Erschießung eines kommunistischen Vereinsmitglieds wird für ihn zum Weckruf.

Gautier lässt sich von anderen Vereinskameraden anwerben: Zusammen bilden sie eine studentische Geheimorganisation, die gegen die Okkupanten gerichtete Flugblätter in Umlauf bringt. Die Gruppe besteht zur Hälfte aus Linken, zur anderen aus Katholiken und Nationalisten. Später verteilen sie Flugblätter im Auftrag der Kommunistischen Partei; Gautier gerät ins Visier des französischen Geheimdienstes, wird verhört und taucht anschließend für einige Zeit unter. Zurück in La Rochelle schließt er sich den Francs-tireurs et partisans (FTP) an, einer von der KP gegründeten Widerstandsorganisation. Die Aktionen werden militanter: Sabotage, Brandanschläge. Gautier wird geschnappt, ins Gefängnis von Niort eingeliefert, brutal verhört und zu zehn Jahren Zwangsarbeit verurteilt. Ein Aufstand im Gefängnis scheitert. Zwölf »Rädelsführer« werden exekutiert, die anderen zu Hunderten in Viehwaggons gepfercht, Ziel ist das Konzentrationslager Dachau. Die Fahrt zieht sich über viele Tage hin, denn die Résistance hat an zahlreichen Stellen den Schienenweg zerstört, Angriffe alliierter Flieger auf den Transport verzögern ebenfalls die Fahrt. Sie endet am 21. Juni 1944.

Mit diesem Tag beginnt ein neues Grauen im Leben von Guy-Pierre Gautier, das alle bisher erfahrenen Schrecken übertrifft. Die Brutalität der Wachmannschaften und der Kapos, die Zählappelle. Häftlinge kommen durch Hunger, Prügel, Krankheiten oder Kälte ums Leben, oder sie schuften sich im Außenlager zu Tode. Tiburce Oger gelingt es, die nüchterne Schilderung – in der gesamten Graphic Novel finden sich kaum Dialoge – seines Großvaters eindringlich zu visualisieren. Die Farben der Panels verändern sich jetzt von einer zurückhaltenden Farbigkeit in düstere braun-grau-blau-Töne und verstärken damit die gezeichneten Greuel. Doch es gibt auch Momente der Menschlichkeit. Die Krankenschwester, welche Gautiers Bein nach dem Biss eines Wachhundes behandelt, oder der deutsche Arbeiter, der Häftlingen, die im gleichen Fabriktrakt arbeiten, Marmeladebrote zusteckt. Und die Solidarität unter den Häftlingen selbst. Gautier gehört zu den Überlebenden, auf welche die 42. US-Infanteriedivision »Rainbow« am 29. April 1945 stößt.

Zurück im Nachkriegsfrankreich leidet Gautier unter »dem Schuldgefühl der Heimkehrer«. Der Empfang bei seiner Schwester und ihrer Familie gerät distanziert, verlegen. Und im Bistro muss er sich die Frage anhören: »Wa­rum seid ihr eigentlich zurückgekommen und die anderen nicht? Hm …?« Auch seine Verlobte hat sich einem anderen Mann zugewandt.

General de Gaulle setzte nach Kriegsende den Mythos in die Welt, nur eine Minderheit der Franzosen habe mit den deutschen Besatzern kollaboriert. In Wirklichkeit arbeiteten nicht wenige Franzosen mit den Faschisten zusammen, die Mehrheit verhielt sich indifferent. Die Mitglieder der Résistance waren die Minderheit.

Guy-Pierre Gautier/Tiburce Oger: Überleben in Dachau. Aus dem Französischen von Mathias Althaler. Bahoe Books, Wien 2020, 86 Seiten, 19 Euro

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