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Aus: Ausgabe vom 16.03.2021, Seite 11 / Feuilleton
Literatur

»Du machst das Besondere zum Allgemeinen«

Über den ersten Roman, die Gesetzmäßigkeiten des Literaturbetriebs – und einen Hund als Perspektivfigur. Ein Gespräch mit der Autorin Kaska Bryla
Von Katharina Bendixen
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Kein Scherz: Die Welt aus Hundeperspektive

In den Monaten vor dem Erscheinen Ihres Debütromans »Roter Affe« haben Sie als Teil des Redaktionskollektivs der Zeitschrift PS – Anmerkungen zum Literaturbetrieb/Politisch Schreiben an der sechsten Ausgabe mit dem Thema Debüt gearbeitet. Hat das die Vorfreude auf Ihr erstes Buch gesteigert oder eher getrübt?

Ich würde meinen, es hat die Vorfreude getrübt, weil es mein Debüt in einen Kontext gesetzt hat, der durchzogen ist von Konkurrenzsituationen und Kalkül. In Gesprächen mit meiner Redaktionskollegin Yael Inokai, die sehr jung war, Anfang 20, als sie ihren ersten Roman veröffentlichte, traten die unterschiedlichen Erwartungshaltungen auch klar zutage. Sie erzählte, dass sie einfach nur glücklich darüber war, überhaupt einen Verlag für das Buch gefunden zu haben, und damals noch keine Ahnung von Vorschauen, Plazierungen oder Werbestrategien hatte, und darum beneidete ich sie ein wenig. Ich dagegen habe mich im Erscheinungsjahr des »Roten Affen« mit nahezu nichts anderem als dem Literaturbetrieb beschäftigt, und nach der Auseinandersetzung damit war ich dann meinem Verlag gegenüber sehr misstrauisch und distanziert. Eine richtige Freude über das Buch kam eigentlich erst mit der Premierenlesung und den ersten Besprechungen auf. Und als ich sah: Okay, mein Verlag setzt sich wirklich für das Buch ein, ich kann ein wenig entspannen.

»Der Literaturbetrieb ist kein neutrales System. Es bedarf einer Analyse.« So beschreiben Sie die Zeitschrift. Was ist damit gemeint?

Dass man als Autorin oder Autor im Literaturbetrieb einen Raum betritt, der Geschichte hat und von bestimmten Gesetzmäßigkeiten bestimmt wird. Gesetzmäßigkeiten, von denen die einen stärker profitieren als die anderen, und manche profitieren von ihnen schlichtweg gar nicht. Um diese banale Erkenntnis zu erden, bedarf es einer Analyse, und es braucht Alternativen. Beidem versuchen wir als Redaktion und Netzwerk für Schreibende in der Auseinandersetzung untereinander und mit anderen nachzugehen.

»Du machst das Besondere zum Allgemeinen«, lassen Sie Mania sagen, eine Ihrer Hauptfiguren. Sie ist Gefängnispsychologin, außerdem erzählen in »Roter Affe« der Geflüchtete Zahit und die Hackerin Ruth. Die drei sind auf der Suche nach Tomek, Manias Freund aus Kindheitstagen, und sie alle haben eine Migrationserfahrung. Das Besondere zum Allgemeinen machen – in welcher Tradition sehen Sie einen Roman mit diesem Anliegen?

Der Anstoß dazu kam wahrscheinlich aus »The Point of View: Universal or Particular?« der französischen Schriftstellerin und Theoretikerin Monique Wittig. Vorher war es ein diffuses Unbehagen, das mich auch beschlich, wenn ich »queere« Literatur oder sogenannte Migrationsliteratur las. Das betrifft doch so viele, dachte ich, warum wird es immer als Problem dargestellt? Und selbst wenn es das nicht wird, warum wird es trotzdem als das Thema gelesen? Ich habe lange überlegt, wie ich all das – Queeres, Mi­grantisches – in meinem Roman vereinen könnte, ohne es als das Thema laufen zu lassen. Ob ich mich damit in einer bestimmten literarischen Tradition sehe, kann ich gar nicht sagen. Ich gehe aber davon aus, dass kaum eine Autorin oder ein Autor gerne in eine partikuläre Ecke gestellt wird und somit alle die eigenen Strategien des Umgangs damit entwickeln. Ob das jetzt über die Literatur selbst passiert oder über die Präsentation, beispielsweise die Vita, das ist sicher sehr unterschiedlich.

Während sich Mania, Ruth und Zahit auf die Suche nach Tomek begeben, lesen sie Tomeks Notizen über seinen Versuch, die Depression seiner Freundin zu besiegen. Gleichzeitig erfahren die Lesenden nach und nach ein Geheimnis aus der Kindheit von Mania und Tomek, das eigentlicher Auslöser der Handlung – oder soll ich sagen: der Handlungen? – ist. Alles ist sehr eng miteinander verwoben. Wie haben Sie beim Schreiben den Überblick behalten?

Notizen, Tabellen, Sprachaufnahmen und letztlich immer wieder lesen. Ich habe das Gefühl, mein Buch wirklich auswendig zu kennen.

Neben einem Roman über die Beziehung zu einem psychisch kranken Menschen ist »Roter Affe« auch ein Thriller, eine Road Novel, eine literarische Studie über das Böse. Gibt es eine Lesart, die Ihnen am liebsten ist?

Aus meiner Erfahrung ist die Beziehung zu einem psychisch kranken Menschen ein Thriller, weil ich ständig mit Unerwartetem und Schlimmem rechnen muss. Sie ist ein Road Trip, weil ich ständig auf der Suche nach Lösungen bin, und sie ist eine Studie über Gut und Böse, weil ich Verhaltensweisen auf ihre ursprüngliche Motivation hin zu verstehen versuchen muss und nicht im Hinblick auf ihren vielleicht destruktiven Effekt auf mich. Deshalb lässt sich das für mich nicht auf die Art aufspalten. Nach den Buchbesprechungen, die bisher erschienen sind, habe ich das Gefühl, dass die jeweilige Lesart in erster Linie etwas über die Rezensentin oder den Rezensenten aussagt – darüber, wo jemand gerade selbst steht und mit welchem Hintergrund hier gelesen wird. Entsprechend ist mir eine Rezensentin oder ein Rezensent natürlich sympathischer, die oder der den Fokus auf den Stellenwert der Freundschaft legt oder der/dem auffällt, dass die Hundeperspektive nicht einfach ein Scherz ist, sondern nach einer anderen Bewertung von Perspektive an sich sucht. Für mich ist es aber auch in Ordnung, wenn jemand den »Roten Affen« als Krimi nimmt und einfach mit dem Spannungsbogen mitgeht. Ich habe den Roman so angelegt, dass es mehrere Möglichkeiten gibt, sich auf ihn einzulassen.

Kaska Bryla ist zwischen Wien und Warschau aufgewachsen. Studium der Volkswirtschaft in Wien, Studium am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig, wo sie 2015 die Literaturzeitschrift und das Netzwerk PS – Politisch Schreiben mitbegründete. Sie war Redakteurin des Monatsmagazins an.schläge, erhielt 2013 das Start-Stipendium und 2018 den Exil-Preis für Prosa. Seit 2016 gibt sie Kurse über kreatives Schreiben in Gefängnissen und für Menschen mit Migrationshintergrund

Interview: Katharina Bendixen

Kaska Bryla: Roter Affe. Residenz Verlag, Wien 2020. 240 Seiten, 22 Euro.

PS: Anmerkungen zum Literaturbetrieb/Politisch Schreiben. Ausgabe #6: Das Prosadebüt. www.politischschreiben.net

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