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Das »Peng!«-Kollektiv

Von Helmut Höge
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Im Theater ist das Publikum meist stumm und gutwillig. Für das Berliner »Peng!«-Kollektiv ist es hingegen zunächst der Feind – und umgekehrt ist auch das unfreiwillige Publikum dem Kollektiv nicht sonderlich wohlgesinnt, etwa als die Aktionskünstler auf der Rheinmetall-Aktionärsversammlung 2017 dem Rüstungshersteller einen »Friedenspreis« überreichten. Denkt man an ähnliche Künstlergruppen – die »Rollende Road Show« der Berliner Volksbühne, »Rimini Protokoll«, das »Zentrum für politische Schönheit«, Living Theatre, das Kreuzberger Straßentheater – dann hat es den Anschein, als würde es das Theater (der Grausamkeit) wie in alten Tagen weg von der Bühne nach draußen ziehen. So, als wäre es die wahre Herausforderung aller Mimen, waschechte Security Men auf einer NATO-Konferenz zu spielen – und nicht mehr vor zahlenden Zuschauern aufzutreten. Das Frankfurter »Bräunungsstudio Malaria« mit Indulis Bilzens und Walter Baumann hat 1983 – verkleidet als eine Mischung aus lettischem Grenzsoldaten und US-amerikanischem G-Man – die Gäste bei großen Kunstveranstaltungen kontrolliert und um ihre Ausweise gebeten. Sie waren jedes Mal enttäuscht – darüber, dass die Leute sich ihnen gegenüber allzu willig auswiesen. Ein enttäuschend freundliches Publikum.

Mehr als enttäuscht, deprimiert geradezu, waren damals die Schauspieler des Forum-Theaters am Kurfürstendamm. Wenn sie vor Beginn der Vorstellung an der Bar saßen, jammerten sie: »Heute zum 2.436. Mal diese scheiß ›Publikumsbeschimpfung‹ von Peter Handke und nur wegen der dämlichen Berlin-Touristen.« Ihre Beschimpfungsarien kamen von Herzen, laufend fügten sie dem Text sogar neue Schimpfworte hinzu.

Der gelernte Clown und »Peng!«-Mitgründer Jean Peters hat jetzt ein Buch geschrieben: »Wenn die Hoffnung stirbt, geht’s trotzdem weiter«. Dort schildert er akribisch die Vorbereitungen der »Peng!«-Aktionen, die zugleich immer Mediencoups sein sollen. Deswegen ist im Buch viel von Live­streams, Knopfkamera, Rechenzentrum, Blogs und Mailinglisten die Rede. Es entstehen zwei Publika: Eins erlebt die Aktion live, das andere sieht den Clip im Internet, der sich dort verbreitet, ein »Spreader« wird, der im Netz dann weitere Nachrichten (besser gesagt: News) »generiert«.

Diese Filmdokumente ihrer künstlerischen Arbeiten müssten eigentlich auch Einnahmen »generieren«, auf Basis derer die Aktivisten auch in die Künstlersozialkasse (KSK) aufgenommen werden könnten. Jean Peters erwähnt allerdings nicht, wie es mit ihren Einnahmen und Ausgaben aussieht. Er erwähnt aber mehrmals Greenpeace und arbeitete kurz bei Oxfam. Das Kollektiv hat eine riesige Adressenliste mit Unterstützern – Rechercheverbund, die »Hedonistische Internationale«, Redaktionen, Anwälte, Multiplikatoren, Sympathisanten mit Spezialwissen, Location- und Ausrüstungsbeschaffer … Man glaubt gar nicht, wieviel Welt man praktisch erwirbt, wenn man z. B. eine zuverlässige Uniformschneiderin sucht oder irgendein Elektronikteil für eine Schnittstelle zum Öffentlich-Rechtlichen.

Die »Peng!«-Leute arbeiten bei vielen Aktionen mit Inszenierungen und »Fakes«: falsche Homepages, fingierte Pressemeldungen etc. Die »Peng!«-Künstler benutzen jedoch für ihre Arbeit das Wort »Aufklärung« – und tatsächlich klären sich ihre listigen Projekte am Ende wie die Pointe eines Witzes auf. Der Kriegstheoretiker Carl von Clausewitz verglich die List mit dem Witz: »Wie der Witz eine Taschenspielerei mit Ideen und Vorstellungen ist, so ist die List eine Taschenspielerei mit Handlungen.« Für »Peng!« ist das Theorie und Praxis.

»Peng!« hat viel von der US-amerikanischen Netzkunst- und Aktivistengruppe »Yes Men« gelernt, über deren antikapitalistische Einschleichaktionen schon zwei Filme gedreht wurden. Einer der »Yes Men« schreibt über das Buch von Jean Peters: »Endlich wird der Schleier über dem aktivistischen Spektakel des teuflisch klugen ›Peng!‹-Kollektivs gelüftet.« Für welches Publikum wohl dieser Satz nun wieder gedacht ist?

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Die Bundesregierung sagt: der Tageszeitung junge Welt sei mit geheimdienstlichen Mitteln der »Nährboden zu entziehen«. Wirtschaftlich und wettbewerbsrechtlich negative Folgen durch die Nennung der Zeitung im Verfassungsschutzbericht seien sogar beabsichtigt.

Unsere Antwort darauf kann nur sein, dass sie mit diesem grundgesetzwidrigen Eingriff in die Presse- und Meinungsfreiheit genau das Gegenteil erreichen! Deshalb fordern wir alle Freunde, Leserinnen und Leser, Unterstützer, Autoren und Genossenschaftsmitglieder auf: Tun wir alles, um den »Nährboden« der jungen Welt zu stärken – jetzt erst recht!

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