Gegründet 1947 Dienstag, 13. April 2021, Nr. 85
Die junge Welt wird von 2500 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 16.03.2021, Seite 5 / Inland
Arbeitsschutz

Sterben auf dem Bau

Bauwirtschaft: 2020 verunglückten 97 Beschäftigte tödlich. Gewerkschaft verlangt bessere Kontrollen
Von Kristian Stemmler
imago0105340002h(1).jpg
Hochhäuser bauen: Oft ein lebensgefährlicher Balanceakt (Berlin, 18.8.2018)

Wegen der Coronapandemie musste 2020 in vielen Betrieben Kurzarbeit angemeldet werden, Beschäftigte wurden ins Homeoffice verbannt. Erfreuliche Nebenwirkung: Die Zahl der Arbeitsunfälle ging zurück. Auf dem Bau wurde dagegen durchgearbeitet und vermutlich noch ein Zahn zugelegt – offenbar sind die hohen Renditen, die im Immobilienbereich zu erzielen sind, doch zu verlockend. Das Ergebnis ist an der Unfallstatistik abzulesen. Am Montag schlug die Industriegewerkschaft Bauen, Agrar, Umwelt (IG BAU) Alarm. Nach vorläufigen Zahlen der Berufsgenossenschaft der Bauwirtschaft (BG BAU) sind im vergangenen Jahr 97 Beschäftigte bei Arbeitsunfällen ums Leben gekommen – ein Anstieg von 39 Prozent im Vergleich zum Vorjahr.

Der Bundesvorsitzende der IG BAU, Robert Feiger, sprach laut Pressemitteilung von einem »traurigen Rekord« und kritisierte Defizite beim Arbeitsschutz. »In den letzten fünf Jahren hat es keine vergleichbar hohe Zahl an Todesfällen gegeben. Auch die Gesamtzahl der Arbeitsunfälle bleibt mit über 104.000 auf einem erschreckend hohen Niveau«, erklärte Feiger. Statistisch gesehen habe sich 2020 auf dem Bau bundesweit alle vier Tage ein tödlicher Unfall ereignet. »Legt man die Arbeitstage zugrunde, hatte die Branche sogar an mehr als jedem dritten Tag einen Toten zu beklagen.«

Susanne Diehr, Pressesprecherin der BG BAU, erklärte gegenüber jW, es handle sich um vorläufige Zahlen, die nur bedingt mit denen der Vorjahre vergleichbar seien. Es sei nicht auszuschließen, dass die Umsetzung der Coronaregeln auf den Baustellen im Frühjahr 2020 Aufmerksamkeit gebunden und so Abläufe gestört habe, was wiederum die Unfallgefahr erhöht haben könnte. Die Bauwirtschaft habe bei der Etablierung der Hygiene- und Arbeitsschutzstandards in der Pandemie »große Anstrengungen unternommen«, so Diehr. Nicht umsonst sei das Coronageschehen auf Baustellen im Gegensatz zu anderen Branchen »erfreulicherweise gering«.

Für Jutta Krellmann, Sprecherin für Mitbestimmung und Arbeit der Fraktion Die Linke im Bundestag, haben »Entscheidungsträger« eine Mitschuld an den hohen Todeszahlen auf dem Bau. »Dass die Arbeitsschutzbehörden jahrelang kaputtgespart wurden, müssen Beschäftigte jetzt mit ihrer Gesundheit bezahlen«, erklärte sie am Montag gegenüber jW. Es müsse Schluss damit sein, dass »in Deutschland Menschen bei der Arbeit sterben«. Krellmann forderte, dass »nachlässige Arbeitgeber hart bestraft werden«. Körperverletzung oder Tötung durch fahrlässig gehandhabten Arbeitsschutz sei »kein Kavaliersdelikt«, sondern müsse »ein Fall für die Staatsanwaltschaft sein«. Wenn die Bundesregierung nicht handele, mache sie sich mitschuldig.

Gewerkschaftschef Feiger appellierte an die Unternehmen, sich beim Arbeits- und Gesundheitsschutz noch mehr anzustrengen. Jedes Unglück sei »eins zu viel«. Wenn durch Prävention ein Teil der Unfälle verhindert werden könne, müsse alles dafür getan werden, die Beschäftigten zu schützen. Maßnahmen wie die Helmpflicht oder die korrekte Sicherung von Gerüsten seien kein Selbstzweck. Der Appell Feigers an die Baufirmen dürfte allerdings nur begrenzte Wirkung entfalten. Zeitdruck und die Profitorientierung der Bauherren sorgen anscheinend immer wieder dafür, dass man auf manchen Baustellen Arbeitsschutz lasch handhabt.

Folgerichtig forderte Feiger auch einen deutlichen Ausbau der staatlichen Arbeitsschutzkontrolle. Er verwies auf eine Analyse seiner Gewerkschaft, wonach in den Arbeitsschutzbehörden der Länder im Schnitt rechnerisch nur ein Aufsichtsbeamter für 26.000 Beschäftigte zuständig ist. Die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) empfehle aber eine Quote von 1:10.000. »Wir brauchen mehr Kontrollen durch die staatlichen Behörden, gerade auf dem Bau«, schlussfolgerte Feiger. Die BG BAU führe zwar selbst Kontrollen auf Baustellen durch und fördere die Präventionsarbeit mit zahlreichen Programmen. Aber eine »noch so engagierte Arbeit« der Berufsgenossenschaft könne »das Kontrolldefizit des Staates« nicht wettmachen.

Linke-Politikerin Krellmann erklärte, dass ab 2026 ein Betrieb mindestens alle 20 Jahre kontrolliert werden soll, wie es die Bundesregierung im Arbeitsschutzkontrollgesetz beschlossen habe, sei »viel zu wenig und kommt viel zu spät«. Wenn die Bundesregierung schnell handeln wolle, müsse sie Betriebsräte stärken. Diese seien »ein Garant für guten Arbeitsschutz«.

Wer fürchtet sich eigentlich vor wem?

Polizei vor Kiezkneipen- oder Waldschützern, Instagram vor linken Bloggern, Geheimdienste vor Antifaschisten? Oder eher andersherum? Die Tageszeitung junge Welt entlarvt jeden Tag die herrschenden Verhältnisse, benennt Profiteure und Unterlegene, macht Ursachen und Zusammenhänge verständlich.

Unverbindlich und kostenlos lässt sich die junge Welt drei Wochen lang (im europäischen Ausland zwei Wochen) probelesen. Abbestellen nicht nötig, das Probeabo endet automatisch.

Ähnliche:

  • Wenn der Verkehrsminister eine neue Autobahn einweiht, reiben si...
    16.11.2019

    Scheuer liebt’s teuer

    Zahlen der Bundesregierung belegen: ÖPP-Projekte im Straßenbau sprengen fast immer Kostenrahmen. Die Linke fordert Stopp des Modells
  • »Lebensnahe« Arbeitszeiten: Die soll es jetzt geben – für eine b...
    17.10.2018

    Nicht nur für die Großen

    Bundesregierung plant Gesetz zur »Brückenteilzeit«. Gewerkschaften gegen Beschränkung auf Betriebe mit mehr als 45 Beschäftigten